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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Deutschsprachige Literatur
 
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Wider den humorlosen Hype

Moritz Rinkes "Blauwal im Kirschgarten"

Von Julia-Charlotte Brauch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Da tanzen sie parkettsicher im Rampenlicht, die Exponenten der neuen Berliner Hochglanzcyberrepublik aus Politik, Kultur und Sport. Um sie wirbeln eitel klingende Namen, sie schwärmen von ihren großartigen Projekten, und der Durchschnittsbürger steht altbacken daneben und weiß nicht was es bedeuten soll, der große Wirbel um - ja, um was eigentlich?

Bei Moritz Rinke steht diese Frage im Mittelpunkt vieler seiner Reden und Zeitungskolumnen, die zumeist im Berliner Tagesspiegel oder in der "Zeit" erschienen sind, und die nun in einer Auswahlsammlung bei Rowohlt unter dem Titel "Der Blauwal im Kirschgarten" nachzulesen sind. Rinke gibt sich als unerfahrener Simplicissimus, der sich auf eben dieses Parkett wagt. Eins ums andere Mal tappt er ins Fettnäpfchen, weil er weder die Verhaltensregeln dieser schönen neuen Welt noch ihre Flut an hochtrabenden Begrifflichkeiten versteht. In der öffentlichen Arena sitzend, macht er sich seine durchaus queren Gedanken über diesen aufgeregten Zirkus.

Aus einer neugierig staunenden Perspektive heraus hält sich der Autor an den kleinen Unebenheiten der Oberfläche auf und entlarvt dann das aufgebauschte Karussell der Eitelkeiten samt seiner bunten Reiter. So kommt er zum Beispiel mit hohen Erwartungen auf einen Zukunftskongress, wo er zunächst fast an der hohen Hürde der Anmeldeformalitäten scheitert. Bereits reichlich genervt wartet er schließlich auf die Vorträge hochkarätiger Zukunftsforscher und Philosophen, bis ihm zunehmend klar wird, dass er sich auf eine gigantomanische Werbeveranstaltung eines großen deutschen Autokonzerns verirrt hat, der seine Zulieferer und Kunden mit fragwürdigem intellektuellem Geplänkel an das Unternehmen binden will.

In anderen Artikeln überspitzt Rinke die pressegerecht inszenierte Wirklichkeit und produziert damit eine Komik, der man sich kaum entziehen kann. So stellt er Heiner Müllers Begräbnis auf dem prominentenüberlaufenen Dorotheenstädtischen Friedhof als farcenhaften Karnevalszug dar, bei dem es den Medienmachern wie den Intellektuellen unter den Trauergästen in ihrer Geltungssucht mehr um das eigene Auftreten, die mediale Verwertbarkeit und die Quote geht, als um das Gedenken an den Verstorbenen. Die Beerdigung wird zur surrealistisch überzeichneten Show.

Rinkes Buch, das in Hinsicht auf die Schnellebigkeit unserer Zeit im Untertitel bezeichnenderweise "Erinnerung an die Gegenwart" heißt, enthält auch ernste, berührend persönliche Texte, in denen der Autor eigene Vorbilder wie den Schriftsteller Konrad Merz oder den verstorbenen Schauspieler Ulrich Wildgruber ehrt. Rinke kennt die Generationsprobleme seiner Zeit und hat im Chaos der Normlosigkeit nicht den Blick für das Wesentliche verloren. Neben reißerischen Glossen, in denen er die Nabelschau der lauten Welt kommentiert und sich augenzwinkernd selbst als Autist entpuppt, schreibt er auch über Menschen, die in diesem Trubel untergehen, obwohl gerade sie etwas Substantielles zu bieten hätten.

Wer nun jedoch hinter dieser Kritik den moralinsauren Abgesang des schwarzmalerischen Kulturkritikers auf die deutsche Kultur-, Politik- und Medienlandschaft vermutet, fehlt weit. Immer entlarvt Rinke das Verhalten ohnehin schon lächerlicher Figuren, indem er sie mit seiner Darstellung ins Komische wendet. Er trifft den Punkt, ohne die Grenze des guten Geschmacks zu verletzen. Was wohl die innere Stimme eines Rudolph Moshammer im Rampenlicht kurz vor dem "Klick" der gierigen Pressemeute dem aufgetakelten Ich zuraunt? Rinke mutmaßt: "Los, du Sack, fotografier mich!"

Mit ungemeinem Wortwitz redet Rinke über die peinlichen "Formulierungsanstrenungen" gewisser Institutionen und Branchen. Die eigentümlichen Verhaltensweisen seiner Zeitgenossen aus der High Society oder solcher, die sich dafür halten, stellt er mit spitzer Feder bloß. Er beobachtet seine Mitmenschen fast peinlich genau und enthüllt dabei manch skurrile Eigenheit. Rinke kommentiert das Geschehen auf der Oberfläche mit weitgreifenden Assoziationen, die aus der wundersamen Kiste europäischer Geistesgeschichte stammen. So spinnt er die Logik einiger Computerhersteller auf eigene Faust weiter, sieht sich selbst als Goethe und seinen Rechner als "virtuellen Eckermann". In rasendem Tempo jagt der Hofnarr seine Leser von einer Pointe zur nächsten.

Freilich ist der erfolgreiche Dramatiker Moritz Rinke auch selbst eine Spielfigur des bundesdeutschen Feuilletons. Er gibt dies freimütig zu und erlaubt dem Leser ab und an einen voyeuristischen Blick hinter die allzusehr funkelnden Kulissen, hinter denen sich oft nur Masken mit hohlen Phrasen verbergen, die aber vor allem den Kunstbetrieb vom Wesentlichen abhalten. Die Autoren, die sich mehr mit ihrem Ruhm als mit ihrem Sujet beschäftigen, zählt er zur Kategorie "Kotzbrocken Tasso". Rinke gibt aber auch zu, dass ein Schriftsteller heute kaum ohne die notwendige Medienpräsenz überleben kann. Und er klagt darüber, kein ausgeglichenes Maß zwischen Schreibtischarbeit und Presseterminen zu finden.

Rinkes Formel lautet letztlich "Reduktion als Rettung". Es nervt ihn der Hype, die übertriebene Eventkultur, deren hysterische Aufmachung meist am eigentlichen Ereignis vorbeizielt. Der "Blauwal im Kirschgarten" ist ein amüsantes und äußerst kurzweiliges Brevier für all diejenigen, die wie Rinke manchmal nur noch den Kopf schütteln können über den sinnentleerten Hauptstadtrummel mit seinem vermeintlich weltstädtischen Gewurschtel, und die eben darum nach einer Prise Satire lechzen. Mit seiner unverwechselbar pfiffigen Sprache füllt Moritz Rinke eine journalistische Marktlücke: Endlich einer, der mit seiner Zeitkritik Erheiterung auslöst, anstatt in das kleinkarierte Gemäkel selbsternannter Kulturkritiker einzustimmen. Wie Bewunderer vor hundert Jahren wohl nonchalant, will meinen "trendy", gesagt hätten: Chapeau!

Titelbild

Moritz Rinke: Der Blauwal im Kirschgarten. Erinnerungen an die Gegenwart.
Rowohlt Verlag, Berlin 2001.
208 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-10: 3871344362

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:51
Erschienen am:01.03.2002
Lesungen: 7734
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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