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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Deutschsprachige Literatur
 
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Bizarre Teekannenreise

Sten Nadolnys und Loomits phantastische Welt

Von Ramona Scherrer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Es ist alles für eine gute Geschichte beisammen: Schloss, König, Geheimnisse und eine Prinzessin auf Rollschuhen." Die einleitenden Worte des Märchenschreibers Onkel Dia in "Amnea. Oder: Die fliegende Teekanne" versprechen nicht zu viel. Der Autor Sten Nadolny, spätestens seit "Entdeckung der Langsamkeit" in aller Munde, hat sich an völlig neue Ufer gewagt: Mit dem Graffiti-Künstler Loomit hat er sich einen Comic ausgedacht, in dem Loomits Figuren die Hauptrolle spielen und der - grob gesagt - davon handelt, dass man sein Leben selbst leben und nicht andere darüber bestimmen lassen soll und will.

Gewohnt philosophisch - und diesmal auch ein bisschen märchenhaft - erzählt Nadolny die Geschichte von Sue, die beim spazierengehen ein Kleid findet und vom unbekannten Onkel Dia und Häsin Anna zu einem Ausflug abgeholt wird. Derweil geht Holger neugierig durch eine rostige Tür, stürzt tief und findet sich letztlich auf einem rosa Bett in einer ganz anderen Welt wieder, mit einem einzigen Hinweis auf der Wand: "Sue finden", was ihm auch bald gelingt. Auf ihrem Weg treffen Sue und Holger nicht nur einen kleinwüchsigen König und besagte Prinzessin auf Inline-Skates, sondern auch den Elefanten Miss Memory, laut eigener Aussage "der einzige Mensch hier, der ein Gedächtnis hat". Bei allen anderen im Reich Amnea ist die Erinnerung völlig ausgelöscht, so will der König ständig sich selbst in die Luft sprengen, ohne aus seinen Erfahrungen zu lernen. Abhalten kann ihn davon nur ein geheimnisvoller Truthahn und Sues Opa mit den Siebenmeilenbeinen und Kleppermantel, der bei der Gelegenheit auch gleich diejenigen rettet, die ihre Erinnerung noch nicht verloren haben: die Zwiebeln.

Schuld an all den schrecklichen Geschehnissen, in denen Menschen sich nicht einmal mehr an die letzten fünf Minuten erinnern können, geschweige denn daran, was ein Buch oder wer Picasso ist, ist Onkel Dia. Er erzählt die Lebensgeschichten und wer sich gegen seine vorgeschriebene Geschichte nicht wehrt, verliert alle Erinnerungen.

So bleibt Sue und Holger am Ende nur, ihre Geschichte selbst zu schreiben und sich gegen den teuflischen Dia zu wehren, frei nach dem Motto: "Wir leben unser Leben, indem wir es erzählen (und umgekehrt), und diese Art von Erzählen besteht vor allem darin, sich gegen das Erzählt werden (von anderen, unter klischeehaften Vorzeichen) zu wehren", wie Nadolny im Nachwort ausführt. So endet auch Nadolnys Comic in einem fast schon klischeehaften Happy-End, das der Leser nur durch Onkel Dias Ankündigung verzeihen kann: "Jetzt? Erst kommt meine neue Geschichte!" Bleibt nur zu hoffen, dass Sten Nadolny Onkel Dias Versprechen einhält, denn mit "Amnea. Oder eine fliegende Teekanne" hat der Autor bewiesen, dass sich Literatur und Comic keineswegs ausschließen.

Titelbild

Sten Nadolny: Amnea. Oder: Die fliegende Teetasse.
Carlsen Verlag, Hamburg 2001.
70 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-10: 3551744106

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:52
Erschienen am:01.03.2002
Lesungen: 5100
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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