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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Fremdsprachige Literatur » Doppelrezension: Michel Houellebecq
 
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Begeisterung für Mösen

"Plattform" heißt der neue Roman zur Zeit von Michel Houellebecq

Von Ulrich RüdenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ulrich Rüdenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Fast zweihundert Seiten lang gelingt das Leben! Fast zweihundert Seiten lang löst sich die Sehnsucht in einem Glücksempfinden auf, findet die Utopie einen konkreten Ort. Aber die Erfüllung bleibt Episode, und allzu rasch erkennen wir die Zerbrechlichkeit des eingelösten Versprechens. "Plattform", der neue Roman von Michel Houellebecq, erzählt von Vergangenem; schon am Abgrund stehend erinnert sich der Ich-Erzähler Michel an seinen sinnlichen Rausch: "Als ich später an diese glückliche Zeit mit Valérie zurückdachte ..., sagte ich mir, dass der Mensch wirklich nicht für das Glück geschaffen ist." Hier ist Houellebecq bei seinem Thema. Die zweihundert Seiten dazwischen erscheinen wie ein Versehen, ein Traum, der sofort von der Realität bestraft werden muss. Houellebecq ist einer der ganz wenigen Gegenwartsautoren, die auf eindrückliche Weise, kühl und verletzlich, die tiefe Verzweiflung des heutigen Subjekts darzustellen wagen - eines zwischen Neoliberalimus, sexueller Enttäuschung und Selbstauflösung zerrissenen Menschen.

Houellebecqs "Plattform" hat noch vor seinem Erscheinen in Frankreich auch hierzulande für Aufregung gesorgt. So ist es bei all seinen bisherigen Büchern gewesen, bei den Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen", und mit etwas geringerem Echo auch bei seinen Gedichtbänden und Essays. "Plattform" also sollte die Fortsetzung des Falls Houellebecq sein, neuer Stoff zum Anheizen der Skandalmaschinerie, eine erneute, maßlose Provokation, die der Autor geschickt durch griffige Interviewäußerungen flankierte: Invektiven gegen den Islam, eine affirmative Behandlung des Themas Sextourismus, das Ausreizen pornografischer Schilderungen - darunter tut es Houellebecq nicht. Außer ihm gibt es wohl keinen Autor, der sich so geschickt als Enfant terrible zu inszenieren weiß. Keinen, dessen öffentliches Bild so leicht mit dem seiner traurigen Helden verschmilzt. Keinen, der sich mit solch wütender Wucht am Scheitern abarbeitet. Keinen, der in den letzten Jahren solch aufgeregte Debatten über die Abschaffung des Menschen oder die Ökonomisierung des Liebeslebens auszulösen imstande gewesen wäre.

Und dabei ist es gar nicht einmal einfach zu definieren, was seine Bücher so erstaunlich macht: Seine sprachlichen Mittel erscheinen eher konventionell; gleichwohl entsteht ein wiedererkennbarer Sound. Soziologische Theorien und seine Thesen zum Zustand einer glücklosen, 68er-geschädigten Generation, die in den Romanen ausführlich zitiert werden, sind bekannt; gleichwohl gewinnen sie eine existenzielle Dringlichkeit. Die Bandbreite seiner Charaktere ist beschränkt, auch sind diese ein wenig stereotyp. Fast könnte man meinen, es handele sich in allen Romanen immer wieder um denselben, auf dem sexuellen Markt chancenlosen Angestellten; gleichwohl leidet man mit Houellebecqs Figuren.

Auch mit dem zunächst etwas abstoßend wirkenden Michel, der in "Plattform" die Reihe der Frustrierten fortsetzt, beginnt man zu fühlen. Michel arbeitet als Beamter im Pariser Kulturministerium, nach der Arbeit entspannt er sich in Peep-Shows und nimmt die Welt durch Fernseh-Shows wahr. Als sein verhasster Vater umgebracht wird und er eine größere Erbschaft macht, gönnt er sich einen Urlaub. Mit einer Reisegruppe, deren Eigenheiten penibel geschildert werden, verbringt er Weihnachten und Silvester in Thailand. In Massagesalons holt er sich, was ihm ansonsten verwehrt ist - "meine Begeisterung für Mösen hatte nicht nachgelassen". Erst bei der Rückkehr nach Frankreich lernt er die Mitreisende Valérie näher kennen, sofort stellt sich eine tiefe Vertrautheit her, vor allem sexuell, wovon man sich im Mittelteil des Romans ausführlich überzeugen darf. Plötzlich findet sich Michel in einer "Welt unbeschwerten Begehrens" wieder.

Valérie ist eine aufstrebende Managerin in der Tourismusbranche; zusammen mit ihrem Chef soll sie eine Kette von Clubhotels sanieren, und Michel hat den genialen Einfall, wie das zu bewerkstelligen sei: "Auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, außer dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden." Auf der anderen Seite stehen mehrere Milliarden Menschen in der Dritten Welt, die "nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihren Körper und ihre intakte Sexualität. ... Das ist die ideale Tauschsituation." Tourismus und gekaufter Sex - was von Reiseveranstaltern bisher billigend in Kauf genommen wurde, soll nun professionell organisiert werden.

Die Idee zündet - allerdings auch bei islamischen Terroristen, die einen der Ferienclubs in die Luft jagen, mehrere Menschen töten, darunter Valérie. Was dem Helden für ein Jahr lang als Ausweg aus dem Dilemma der Einsamkeit und Verzweiflung erschien, zerfällt augenblicklich. Kurzzeitig ergeht er sich so sehr im Hass auf den Islam, dass man sich angesichts der Fatwa gegen Salman Rushdie auch um den Autor Houellebecq Sorgen machen muss.

Am Ende kehrt Michel aus Paris zurück nach Thailand, vollkommen illusionslos und lebensmüde. Das Resümee ist so bitter und bestürzend wie man es sich von dem skeptischen Melancholiker Houellebecq erwartet hatte: "Nichts von mir wird überleben, und ich verdiene auch nicht, dass mich etwas überlebt; ich bin mein ganzes Leben lang in jeder Hinsicht ein mittelmäßiger Mensch gewesen."

Titelbild

Michel Houellebecq: Plattform. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Ulrich Wittmann.
DuMont Buchverlag, Köln 2002.
338 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-10: 3832156305

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Fremdsprachige Literatur » Doppelrezension: Michel Houellebecq
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:52
Erschienen am:01.03.2002
Lesungen: 24123
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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