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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Schwerpunkt: Literarische Moderne II » Alfred Döblin
 
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Ein massives Stück Leben

Zur Neuausgabe von Alfred Döblins "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord"

Von Ira LorfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ira Lorf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mittels regelmäßiger Arsengaben entledigen sich zwei junge Frauen, die eine lesbische Beziehung verbindet, des gewalttätigen Ehemanns der einen. Diesen authentischen Mordfall verarbeitet Alfred Döblin 1924 zu einer dokumentarischen Erzählung. So wie heute Thriller von Henning Mankell Verkaufsrekorde brechen und Fernsehkrimis wie "Tatort" höchste Einschaltquoten erzielen, konnte sich auch Döblin des Publikumsinteresses an seiner Kriminalgeschichte sicher sein. In den Jahren 1924 und 1925 tragen ihm "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" mit 3000 verkauften Exemplaren immerhin ein Honorar von 1200 Mark ein. Damit ist das schmale Bändchen für den schreibenden Arzt lukrativer als die meisten seiner bis dahin erschienenen Bücher.

Wirtschaftlichen Erfolg erhofft sich jetzt auch das Verlagshaus Patmos, das die "Freundinnen" neben "Berlin Alexanderplatz" in die populäre Blaue Reihe der Winkler Weltliteratur aufgenommen hat. Nachdem die Ausgaben in der von Gerhart Herrmann Mostar und Robert A. Stemmle herausgegebenen Reihe "Der neue Pitaval" (1964), in der Bibliothek Suhrkamp (1971) und bei Rowohlt (1978) vergriffen sind, ist der Text nun endlich wieder lieferbar. Die Fallstudie darf als Vorarbeit für Döblins bekanntesten Berlin-Roman gelten. Das entsprechende Lokalkolorit verleiht dem Winkler-Bändchen Jeanne Mammens Zeichnung "Im Café am Bülowbogen" (entstanden um 1932) auf dem Umschlag. Das Bild zeigt zwei einander zugewandte Frauen.

1924 eröffnen "Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord" im Berliner Verlag "Die Schmiede" die Reihe "Außenseiter der Gesellschaft". Sie behandelt "Die Verbrechen der Gegenwart" und steht ganz im Zeichen einer Neuen Sachlichkeit. Herausgeber ist der Schmiede-Lektor, Lyriker und Jurist Rudolf Leonhard. Grundlage für Döblins Studie ist der Fall Ella Klein/Margarethe Nebbe, der im März 1923 vor dem Berliner Landgericht verhandelt wird. Er erregt große öffentliche Aufmerksamkeit, wozu nicht zuletzt die mehr als 600, zum Teil drastischen Briefe der Frauen beitragen, die als Beweismaterial herangezogen werden. Bei Döblin liest sich ein Brief, den die Täterin nach dem Mord schreibt, so: "Habe alles durchgeführt, was ich im Schilde hatte. Habe dadurch meine Liebe bewiesen, daß mein Herz nur für dich schlug [...]. Nun bin ich erst glücklich, daß ich es für vier Mark geschafft habe und seine gottlose Schnauze gestopft habe."

Der Autor ändert die Namen der Freundinnen in Elli Link und Margarete Bende, hält das jedoch nicht durch: Insgesamt viermal ist unvermittelt von "Klein", statt von "Link" die Rede. Die Neuausgabe folgt auch in diesen Verschreibungen dem Text der Erstausgabe, allerdings ohne sie zu kommentieren. Übertriebene Werktreue oder Flüchtigkeit? Das muss hier offen bleiben.

Döblin befriedigt die Sensationsgier der Leser nicht. Er enthält sich jeglicher Effekthascherei und zeichnet mit großem Einfühlungsvermögen die Vorgeschichte des Mordes auf. Beschrieben wird der Ehekrieg zweier Menschen, die nicht zusammen passen, voneinander enttäuscht sind und sich schließlich gegenseitig zerstören. Die trüben Szenen einer Ehe, die erst den Boden für die lesbische Beziehung bereiten, machen die Hälfte der Studie aus. Die Schilderung der Vergiftungstat, die sich über Wochen erstreckt, während derer die Täterin ihr schwer krankes Opfer pflegt, schließt sich an. Viel Raum nehmen die Träume der inhaftierten Elli samt Döblins Interpretation ein. Beispielhaft kann man an diesen Seiten ablesen, dass der Nervenarzt in den "Freundinnen" nicht nur psychiatrisches, sondern auch psychoanalytisches Wissen aus Freuds "Traumdeutung" literarisch verarbeitet. Es folgen eine Rekonstruktion der Gerichtsverhandlung und des Medienechos sowie Döblins "Epilog". Hier stellt der Autor unter Verweis auf das philosophische Grundproblem der Erkenntnis von "Wahrheit" die kausalen Zusammenhänge, die er zuvor selbst konstruiert hat, wieder in Frage: "Die Schwierigkeiten des Falles wollte ich zeigen, den Eindruck verwischen, als verstünde man alles oder das meiste an solchem massiven Stück Leben."

Zwei Schriftproben der angeklagten Frauen samt der graphologischen Analyse Döblins werden erstmals seit 1924 wieder abgedruckt. Auf die "Übersicht über die Entwicklung des Falls" (in der Erstausgabe vor dem "Epilog" platziert) sowie auf Döblins "Räumliche Darstellung der Seelenveränderung" der drei Hauptfiguren hat man hingegen wie in den bisherigen Neuausgaben verzichtet. Das äußerst dichte Nachwort stammt von Jochen Meyer, dem Autor des für Döblinisten unverzichtbaren Marbacher Katalogs "Alfred Döblin 1878-1978" und intimen Kenner des Döblin-Nachlasses. Eine Zeittafel komplettiert auch diesen Band der Blauen Reihe.

Die erfolgreiche Verfilmung "Die beiden Freundinnen - Ein Plädoyer" von Axel Corti (1978) und die literarische Neubearbeitung von Elfriede Czurda (1991) haben bereits Signale für die anhaltende Öffentlichkeitswirkung des Stoffes gesetzt. Auch das Verlagshaus Patmos baut auf die Popularität der "Freundinnen": Im Frühjahr 2002 werden eine Audio-CD und eine Hörkassette erscheinen. Interpret ist Jaecki Schwarz alias (Fernseh-)Kommissar Schmücke ("Polizeiruf 110"), der wohl für die angemessene kriminalistische Ausstrahlung sorgen soll.

Titelbild

Alfred Döblin: Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord.
Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2001.
96 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-10: 3538069026

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2002 » Schwerpunkt: Literarische Moderne II » Alfred Döblin
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:55
Erschienen am:01.03.2002
Lesungen: 9626
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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