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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2002 » Hörbücher
 
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Im Herbst nur Kultur und Romantik

Sven Regener liest "Herr Lehmann"

Von Daniel Beskos

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sven Regener hat mit "Herr Lehmann" ein unterhaltsames und treffendes Portrait vom Leben im Kreuzberg des Jahres 1989 aus dem Ärmel geschüttelt. Mit einem Mal hat er nicht nur als Liedtexter, sondern auch als Prosaschreiber auf sich aufmerksam gemacht, und entsprechend positiv ist das Buch überall besprochen worden (vgl. http://www.literaturkritik.de/txt/2002-02/2002-02-0024.html).

Jetzt hat Roof Music das Hörbuch nachgelegt, gelesen vom Autor selbst. Und zum Glück ist dies einer der seltenen Fälle, in denen ein Autor seinen eigenen Text so gut vorliest, dass der Text noch einen zusätzlichen Reiz bekommt. Durch seine flapsige, nuschelnde, manchmal etwas hektisch angetriebene Sprechweise entspricht Regener sehr genau der Atmosphäre des Texts. Die Dialoge scheinen immer so locker, so natürlich, dass der Hörer denkt:Klar, so ist das da, so muss man sich einem Thema wie "die relative Zeitverfluggeschwindigkeit während des Besoffenseins" nähern, so sprechen die da, vielleicht auch heute noch. Überhaupt findet man - mit Ausnahme der noch stehenden und dann irgendwann fallenden Berliner Mauer - so gut wie keine Hinweise darauf, dass das schließlich die Achtzigerjahre sind, in denen die Geschichte angesiedelt ist.

Erstens gibt es einen Rahmen, einen Bogen, der sich von einem wohligen Durchmogeln als Dauerzustand ("Warum darf man denn nicht einfach nur in einer Kneipe arbeiten? Warum muss denn jeder immer noch was anderes machen?") über die kurze Aufregung des Verliebtseins (begleitet von den üblichen Nebenwirkungen wie völlig durcheinandergewirbelten Tagesabläufen, Situationen, in denen man sich ohne triftigen Grund wohl nicht so schnell wiedergefunden hätte, z. B. Herr Lehmann im Schwimmbad etc.) hin zur Enttäuschung und schließlich einem sich wieder einpendelnden Dauerzustand zieht.

Zweitens sind die einzelnen Geschichten in ihrer Gesamtheit eine sehr treffende Beobachtung der Lebensverhältnisse des 30-jährigen Herrn Lehmann in Kreuzberg 1989, seiner Generation, seines Umfeldes, seines Milieus. Und man ist erstaunt und auch ein bisschen dankbar, dass Regener mit Gespür für Absurdität gerade auf die Details aufmerksam macht.

Wenn dieses Leben, das sich ja hier als Herrn Lehmanns Leben darstellt, Ähnlichkeiten mit Herrn Regeners Leben aufweist, wenn es in einer Sprache präsentiert wird, die die einzige entsprechende zu sein scheint: So mag das dieser Aufnahme geschuldet sein und rechtfertigt sie als zusätzliches Medium neben dem Buch völlig. Die 270 Minuten vergehen schnell, und zum Schluss vermisst man Frank Lehmann. Und so packt man am Schluss eben die alte, zerschlissene Kassette wieder aus, "Element of Crime" steht da drauf, und hört: Weißes Papier. Das hilft.

Titelbild

Sven Regener: Herr Lehmann. 4 CDs.
Roof Music, Frankfurt a. M. 2002.
25,90 EUR.
ISBN-10: 3933686873

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:11:55
Erschienen am:01.07.2002
Lesungen: 2926
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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