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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik » Fremdsprachige Literatur
 
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Gratwanderung zwischen Vernunft und Metaphysik

Harry Mulisch über die Entstehung von Leben

Von Ulrich Karger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sollte alles Machbare auch gemacht werden? Diese Frage stellt sich Victor Werker erst einmal gar nicht, denn ihn reizt vor allem das scheinbar Unmögliche. Mit seiner Entdeckung der "Eobionten", einem Organismus aus anorganischer Materie, vermag er die Erschaffung der Welt nachzuspielen. Aus toter Materie wird Leben. Seine Entdeckung nimmt dann auch Einfluß auf die Erforschung menschlicher Gene. Doch was Victor in der wissenschaftlichen Welt erreichen kann, entzieht sich ihm im privaten Raum: Er kann zwar Leben stiften, den Tod aber nicht verhindern. Als sich die Nabelschnur um den Hals seines sehnlichst erwarteten Kindes schlingt und es tot zur Welt kommt, versagt Victor in den Augen seiner Freundin Clara völlig; er läßt sie im Kreißsaal zurück. Ein Jahr nach ihrer Trennung sucht Victor sich in Briefen an seine tote Tochter zu rechtfertigen, da sind ihm jedoch bereits zwei Mörder auf den Fersen...

"Die Prozedur" wird von Harry Mulisch in zwölf "Heften" erzählt, die wiederum auf drei Kapitel verteilt sind. Das erste Heft ist eine Hürde vor dem mitreißenden Diskurs über das Leben und seine Entstehung, ein Diskurs, der faszinierende Parallelen zwischen den Schriftzeichen der Bibel und dem DNA-Code aufzeigt.

Am Anfang war das Wort - gesprochen oder geschrieben führt es zur Quintessenz menschlichen Daseins. Davon zeugen berühmte Texte der Weltliteratur, auf die Mulisch wiederholt anspielt. Der Titel des Romans ist eine direkte Analogie zu Kafkas "Prozeß": "Die Prozedur erweist sich letztlich als Prozeß, der dem anmaßenden Schöpfer gemacht wird" (Martina Meister). Im Gegensatz zu Franz Kafkas "Prozeß" aber hat die Tragik bei Mulisch einen altersweisen Charme, der über jedwede Düsternis hinausreicht und selbst dem Tod noch ein Glücksgefühl abzuringen vermag. Mulischs Roman ist Unterhaltung pur und eine aberwitzige Gratwanderung zwischen Vernunft und Metaphysik.

Titelbild

Harry Mulisch: Die Prozedur. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 1999.
271 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3446196927

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:52
Erschienen am:01.10.1999
Lesungen: 6076
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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