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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik » Fremdsprachige Literatur
 
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Botanisches Märchen

Murray Bail läßt den Leser "Eukalyptus" schmecken

Von Tilman Urbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Es war einmal ein Mann..." - ein verläßlicher Anfang, vielleicht der verläßlichste von allen. Aber dahinter baut sich eine Geschichte auf, die alles andere als verläßlich sein will. Dem Herkömmlichen nämlich, dem Vorhersehbaren will der Autor Murray Bail entkommen - und kann es doch nicht, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, seine Geschichte um das älteste aller märchenhaften Themen kreisen zu lassen: um die Liebe.

So befindet sich der Autor in einem Dilemma: Will er literarisch bestehen, so muß er sich auf das "Wie" des Erzählens konzentrieren, muß hinterfragen, Reflexionen einbauen, muß Form und Stil offenlegen, Sand ins Getriebe streuen - und so finden in diesem Buch schließlich altes und neues des Erzählens auf wunderbare Weise zusammen.

Holland ist zu Geld gekommen. Er kauft ein beträchtliches Stück Grund im australischen Busch - und beginnt, auf den gerodeten Flächen Bäume zu pflanzen, Eukalyptusbäume. "Wir könnten mit dem 'Eucalyptus desertorum' anfangen, gemeinhin als Hakenblättriger Zwerggummibaum bekannt. Seine Blätter verjüngen sich zu schlanken Haken, und gewöhnlich wächst er in den halbtrockenen Regionen des Landesinneren. Doch der 'desertorum' (um damit anzufangen) ist nur einer von Hunderten von Eukalyptusbäumen." Aus einer Beschäftigung wird Leidenschaft und aus der Leidenschaft Besessenheit. Und so kommt es, daß Holland an den heißen Nachmittagen auf die Züge wartet, die ihm wieder und wieder Setzlinge bringen, die er mühevoll wässert, aufzieht, zum Blühen bringt. Auf seltsame Weise gedeihen unter seiner Hand selbst entlegenste Arten. Holland aber hat auch eine Tochter. Und während der Besitz zuwuchert, eine Oase im unwirtlichen Land, wächst sie heran, ist auf stille, aber deshalb umso insistierendere Weise schön, märchenhaft schön. Das Besondere: "Sie war über und über mit kleinen schwarzbraunen Muttermalen übersät. Die Männer fühlten sich berechtigt, ihren Blick über die blasse Haut gleiten zu lassen und zurück zu den schwarzbraunen Malen - so wie ein Punkt einen ausschweifenden Satz beendet."

Die Kunde von dem Mädchen verbreitet sich in Windeseile, schwappt über regionale Grenzen, erreicht die entlegensten Winkel des Kontinents. Besucher, die früher im Bestaunen der Eukalyptusbäume willkommen waren, werden nun mißtrauisch beäugt. Der Vater hütet "seinen Schatz". Schließlich will eine Entscheidung getroffen sein: Und der Vater beschließt, nur demjenigen die Hand der Tochter zu geben, der imstande ist, einen jeden Baum auf seinem Grund botanisch korrekt zu benennen. Das klingt arg nach Erweckungsgeschichte und bösem Märchen mit gutem Ausgang. Aber Murray Bail ist geschickt genug, seinen Plot an den klischierten Klippen vorbei zu steuern. Und es muß ihm eine Lust gewesen sein, beim Schreiben die Gefahren von Klischee und Kitsch immer in Auge und Reichweite zu haben, um im letzten Moment doch noch abzudrehen. Dennoch kann man das Buch nur bedingt gewitzt oder gar konstruiert nennen; seine eigentümlich versteckten Qualitäten nämlich liegen im Erzählerischen.

Wieder und wieder weiht Bail den Leser in die Geheimnisse des Eukalyptus ein, führt aus, verquickt Anekdotisches mit Fachlichem. Dabei gönnt er sich Abschweifungen, die leitmotivisch um den Eukalyptus kreisen. Der Baum - er bringt Geschichten hervor, die Bail mäandernd aufreiht, ist Grund und Topos des Erzählens zugleich.

Der Freier gibt es genug, vom Dorflehrer bis zum Botanikprofessor. Aber sie scheitern alle an der gestellten Aufgabe. Bis eines Tages Mr. Cave die Farm betritt. Baum für Baum schreitet er ab, benennt, klassifiziert. Die Tochter indes sieht dem Geschehen furchtsam zu. Im Benennen, so begreift sie, liegt Besitznahme - liegt in ihm auch Erkennen?

Je eine Eukalyptusart ziert die 39 Kapitel, dient Bail als Überschrift. "Das Wort 'eukalyptein' kommt aus dem Griechischen und bedeutet 'wohl' und 'verhüllt'. Es beschreibt etwas für die Gattung Charakteristisches. Die Blütenknospe des Eukalyptusbaumes ist bis zu dem Moment, da sie sich zur Befruchtung öffnet, verhüllt; es liegt gewissermaßen ein Deckel auf den Fortpflanzungsorganen." Die Analogien liegen oft auf der Hand in diesem Buch - und doch gelingen Bail stets Nuancierungen, die den Leser überraschen, die eingeschlagenen Wege als unbrauchbar entlarven. Zwischen botanischem Wissen und märchenhaftem Geschehen hat Bail eine gehörige Portion Ironie postiert. Aber es gibt Augenblicke, da vermag er den Leser dieses ungeheuer leichten, jedoch nie leichtgewichtigen Buches zu überreden, sich auf sinnliche Schilderungen von großer Intensität einzulassen. Das blüht, riecht, schmeckt.

Überhaupt ist es letztlich ein seltsamer Geschichtenerzähler, der das Herz der schönen Tochter auf beiläufige Weise erobert. Und so gibt sich schließlich die wahre Hauptperson des Buches zu erkennen: die Sprache. Und das wiederum ist geradezu märchenhaft.

Titelbild

Murray Bail: Eukalyptus. Aus dem Englischen von Susanne Höbel.
Berlin Verlag, Berlin 1998.
287 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 382700294X

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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik » Fremdsprachige Literatur
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=483

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:53
Erschienen am:01.10.1999
Lesungen: 4992
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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