Eine jüdische Patriotin - aber Zionistin?

Zwei Veröffentlichungen mit Texten Hannah Arendts aus den vierziger Jahren

Von Alexandra PontzenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexandra Pontzen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie lasse es an Liebe zum jüdischen Volk fehlen, hielt Gershom Scholem ihr vor, und Arno Lustiger kritisierte später, sie habe den jüdischen Widerstand gegen Deportation und Ausrottung geleugnet und das jüdische Volk diffamiert - Vorwürfe, die nicht zuletzt in der Debatte um Hannah Arendts Bericht über den Jerusalemer Eichmann-Prozeß (deutsch 1964) vielfach auf sie niedergingen. Marie Luise Knott, die jetzt Beiträge Arendts für die New Yorker deutsch-jüdische Emigrantenzeitung "Aufbau" aus den Jahren 1941 bis 1945 herausgegeben hat, wundert sich, dass Arendts Kritiker in der Eichmann-Kontroverse ihr Engagement in der Kriegszeit übersahen, obwohl es vielen von ihnen sehr wohl bekannt war. Und in der Tat: Mangel an Liebe und Leidenschaft für die Sache des jüdischen Volkes lässt sich der schreibenden Jüdin aus Deutschland nicht vorwerfen, die 1933 über die grüne Grenze hatte fliehen müssen - "wenigstens [...] nicht unschuldig", wie sie später kommentierte -, die in den folgenden Jahren in Paris und andernorts die Ausreise deutsch-jüdischer Jugendlichen nach Palästina organisiert hatte, 1940, obwohl aus Deutschland ausgebürgert, als deutschstämmige Staatenlose im südfranzösischen Lager Gurs interniert war und schließlich 1941 glücklich nach New York entkommen konnte.

Zu dieser Zeit war sie in puncto Judenfrage längst nicht mehr im Stande unwissender Indifferenz. In Paris hatte sie ihr Buch über Rachel Varnhagen (1771-1833) fertiggestellt und im Zusammenhang damit die Aufklärung hinsichtlich der Judenemanzipation studiert, ferner die Geschichte des Antisemitismus seither, die Entwicklung der Menschen- und Bürgerrechte, die Minderheitenverträge im Gefolge des Ersten Weltkrieges und das Schicksal der Staatenlosigkeit. Palästina kannte sie aus eigener Anschauung; 1935 hatte sie einen Kindertransport dorthin begleitet und war für drei Monate im Lande geblieben. Noch in Frankreich hatte sie allerdings in einem Brief an einen französischen Freund, den Knott im Anhang abdruckt, bekannt, dass das "territoriale Experiment" Palästina ihr "immer problematischer" werde. Das sollte sich in Amerika bei der Kolumnistin des "Aufbau" fortsetzen.

Ihre Mitarbeit dort zerfällt in zwei Phasen: Auf die erste, von Oktober 1941 bis November 1942, folgt nach einer Pause von fast anderthalb Jahren eine zweite Phase von April 1944 bis April 1945. Als Arendt im "Aufbau" zu kommentieren beginnt, steht in der jüdischen Welt die Frage einer jüdischen Armee zur Verteidigung Palästinas (vor Rommels Truppen) auf der Tagesordnung. Für Arendt, die die Forderung mit Verve und in immer neuen Anläufen vertritt, geht es um mehr als um die Verteidigung der Juden Palästinas und die Erringung taktischer Positionen für die Nachkriegszeit: Ihr liegt vor allem daran, dass das jüdische Volk als "europäisches Volk" sichtbar an der Seite anderer europäischer Völker für seine Freiheit gegen seine Feinde kämpft und damit zu einer politischen Nation in einem föderalisierten Europa werden kann. In Palästina sieht Arendt lediglich das "Siedlungsgebiet" des europäischen Judentums, nicht den Angelpunkt der Judenfrage schlechthin, doch immerhin einen der Kristallisationspunkte für eine jüdische Politik im internationalen Maßstab. "Denn es gibt [...] keine Lösung der Judenfrage in einem Lande, auch nicht in Palästina."

Die britische Mandatsmacht wollte mit Rücksicht auf die Araber von einer eigenen jüdischen Streitmacht nichts wissen, und die Zionistische Weltorganisation zeigte sich auf der sogenannten Biltmore-Konferenz im Mai 1942 ebenfalls wenig daran interessiert. Dafür erhob sie erstmals die Forderung nach einem "jüdischen Gemeinwesen" in einem ungeteilten Palästina, wo für die arabische Mehrheit lediglich ein Minderheitenstatus bleiben sollte. Arendt ist außer sich, dies um so mehr, als die Nachrichten über den Massenmord an den Juden in Europa immer zweifelsfreier werden. Für sie ist es unfassbar, dass der Zionismus in und außerhalb Palästinas, statt alle Kräfte auf die Rettung der Juden zu verwenden, dem nationalstaatlichen Ziel den Vorrang gibt. Wenigstens müsse versucht werden, "das Gesetz der Ausrottung und das Gesetz der Flucht durch das Gesetz des Kampfes" zu ersetzen. Bevor sie für längere Zeit fast ganz verstummt, holt sie im Oktober/November 1942 in drei Folgen zu einer Grundsatzkritik am Zionismus aus, den sie wegen seiner Fixierung auf das Territorium Palästina für unfähig hält, dem Antisemitismus wirksam zu begegnen:Man tue überhaupt besser daran"sich seiner Feinde zu wehren, als vor ihnen davonzulaufen". Nach zehn Jahren Mitgliedschaft tritt sie im Folgeahr aus der Zionistischen Weltorganisation aus.

Der "Bann" (Knott) über Arendt bricht erst wieder, als die Nachrichten vom jüdischen Widerstand in Europa nach Amerika gelangen: ein Bann wohl ebenso aus Grauen über das Schicksal von "Millionen wehrlos hingeschlachteter Opfer" wie aus Verzweiflung über die eigene Ohnmacht. Wie erlöst preist sie nun - "Der Krieg steht für uns im 12. Jahr" - die Aufständischen des Warschauer Ghettos, sie hätten "die Pariastellung des jüdischen Volkes in Europa" beseitigt. Und über die jüdische Widerständlerin Betty in Wilna schreibt sie: "Mit sechs Schüssen hat sie die Schande der Opfer, der wehrlosen und gefügigen Opfer ausgetilgt." Die Schande der gefügigen Opfer - das ist ein in Arendts Denken und Schreiben über das historische und zeitgenössische Schicksal der Juden vielfach wiederkehrender Topos zumeist im Ton der Anklage, weniger der Klage, Ärgernis erregend bei solchen, die ihr humanes Freiheitspathos entweder überhören oder nicht ernstnehmen.

Ihre Ansichten über das Projekt der jüdischen Staatsgründung in Palästina hat sie unterdessen keineswegs dem zionistischen Mainstream angeglichen. Unverdrossen plädiert sie für eine Verständigung mit den Arabern und für eine Lösung des Konflikts, sei es in Form einer arabischen Föderation oder einer Mittelmeerföderation oder gar einer "noch größere[n] Föderation europäischer Nationen". Was sie unter allen Umständen nicht will, ist ein auf Protektion von außen angewiesener jüdischer Nationalstaat, den seine arabischen Nachbarn ablehnen. "Ein jüdisches Nationalheim, das von dem Nachbarvolk nicht anerkannt und nicht respektiert wird, ist kein Heim, sondern eine Illusion - bis es zu einem Schlachtfeld wird."

Dem Leser von Arendts Werk von 1951 "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" (deutsch zuerst 1955) kommt vieles in den "Aufbau"-Beiträgen bekannt vor, Gedanken, Begriffe, Argumentationsfiguren. Gleiches lässt sich für die Wiederveröffentlichung einer Essaysammlung sagen, die schon einmal 1976, ein Jahr nach Arendts Tod, erschienen ist und größtenteils auf den gleichlautenden Titel aus dem Jahre 1948 zurückgeht, Arendts erste deutsche Buchveröffentlichung nach dem Krieg. Bis auf eine Ausnahme sind die hier versammelten Beiträge ebenfalls bis Mitte der vierziger Jahre, also mehr oder minder parallel zu den Kommentaren im "Aufbau", entstanden. Mit diesen stehen sie in untergründiger thematischer Verbindung, liefern sie doch zu den tagespolitischen Äußerungen dort historisches Unterfutter und kulturelle Hintergründe. Unter dem Titel "Die verborgene Tradition" firmiert z. B. ein Essay über Heinrich Heine ("das einzige große Beispiel geglückter Assimilation"), Bernard Lazare, Charly Chaplin und Franz Kafka, dem noch ein weiterer einfühlsamer und bewundernder Aufsatz gewidmet ist. Die vier zählen für Arendt zu den großen europäischen Juden seit Salomon Maimon (1753-1800), deren Leistungen "die spezifisch jüdischen Kräfte im großen Kräftespiel Europas" repräsentieren und dem "jüdischen Volk sein altes Heimatrecht unter den abendländischen Völkern neu bestätigt" haben. Anfang und Ende des Bandes bieten historische, genauer: Ideengeschichtliche Analysen. Die höchst kritische Betrachtung über den Zionismus, die den Band beschließt, war in den Sammelband von 1948 noch nicht aufgenommen, obwohl sie, auf englisch, bereits seit 1945 gedruckt vorlag. Der einleitende Essay über den Imperialismus ist ein kurzer Abriss des Imperialismuskapitels aus den "Elementen" von 1951, wie dieses ehrgeizig ausgreifend, scharfsinnig, wenn auch im einzelnen anfechtbar, heute sicher noch mehr als zur Zeit seiner Niederschrift. Die Argumentation steuert, indem sie die Erklärungsreichweite des "Imperialismus" für den Faschismus/Nationalsozialismus über das Ökonomische hinaus ausdehnt, auf die für Arendt zentrale These zu: Dass der Imperialismus, den gemeinsamen Ursprung der Menschheit leugnend, die Rassenlehre hervorgebracht und politisch (verwaltungstechnisch) praktiziert habe, und somit für deren konsequente Anwendung im "Verwaltungsmassenmord" der Nazis verantwortlich sei.

Die vorangestellte "Zueignung" an Karl Jaspers schließlich, datiert vom Mai 1947, handelt im wesentlichen von den Gründen, die es für die Jüdin Arendt rechtfertigen, "dies Buch in Deutschland erscheinen zu lassen", mit dem sie "auf diesem Wege zu Europäern sprechen will". Verständigung ist nur noch möglich zwischen einzelnen, die, wie Arendt über sich selbst sagt, sich der mörderischen Tatsachen voll bewusst sind, ohne sie "als notwendig" zu akzeptieren. Dieser Haltung entstammt ihre eigene "gewollte Unbefangenheit des Urteils und bewusste Distanz von allen Fanatismen [...] wie erschreckend auch Vereinsamung in jedem Sinne als Folge drohte". Dem Fanatismus des Hasses versagt sie sich auch in Bezug auf die in der damaligen Emigration viel diskutierte Frage der deutschen "Gesamtschuld", für die sich wenig später der Ausdruck "Kollektivschuld" einbürgerte (Aufsatz in der Zeitschrift "Jewish Frontier", Januar 1945, hier abgedruckt unter dem Titel "Organisierte Schuld"). Zu den "Funktionären der Rache" will und kann sie nicht gehören.

Die Texte beider Bände vermitteln das Bild der Hannah Arendt, wie ihre Leser sie kennen: als politische Intellektuelle und Philosophin, leidenschaftlich, von brillanter Intelligenz, unsentimental, undiplomatisch, rücksichtslos (vor allem gegen sich selbst), hellsichtig - und ohne Scheu vor steilen Thesen. Als Denkerin der Judenfrage war sie radikal. Sie wollte das Problem aus einem Punkt kurieren, nämlich den Antisemitismus durch geeignete politische Strukturen entkräften, und verlangte dafür von den Juden, sich politisch als Volk zu emanzipieren. Der "Machbarkeit" ihrer Pläne und Konzepte schenkte sie wenig Aufmerksamkeit, ihr Geschäft war es auszudenken, was nach diesem Krieg, nach dem ungeheuerlichen Versuch, die europäischen Juden auszulöschen, geschehen musste und sollte, um eine Wiederholung auszuschließen. Als Jüdin empfand sie sich als Angehörige eines europäischen Volkes - freilich ohne Territorium -, das ebenso zu Europa gehöre wie kulturhistorisch alle Anrainer des Mittelmeeres - die Araber, wenigstens partiell, inbegriffen. (Dass der Islam ein eigenes Identitätsverständnis kultiviert, das sich qua Abgrenzung von der westlichen Moderne definiert, war vor 60 Jahren noch nicht so geläufig wie heute.) Der europäische Nationalstaat war in Arendts Augen durch den Krieg endgültig kompromittiert, und das Territorium als seine Komponente durch die Heere von Staatenlosen, Flüchtlingen, Deportierten entwertet. Der ihr vorschwebende Ausweg war ein vereintes Europa der Völker mit einem gemeinsamen Parlament, in dem auch die Vertreter des jüdischen Volkes Sitz und Stimme hätten. War sie gegen die Assimilation, sofern diese die jüdische Identität auslöscht und unsichtbar macht, so folgte sie dem Zionismus doch nur insoweit, als er die jüdische Frage ebenfalls zu einer politischen nationalen Frage gemacht hatte. Ein politisch verfasstes Europa, nicht ein jüdischer Nationalstaat auf dem engen Boden Palästinas, war für sie die wahre Heimat der Juden.

So dachte die Jüdin aus Deutschland in Amerika zu einem Zeitpunkt, als die durch den Zweiten Weltkrieg in Bewegung gebrachte Weltlage noch nicht erstarrt war. Waren es Illusionen, Träume fern jeder Wirklichkeit? Vielleicht, aber es stecken viel Vernunft, Moral und Selbstbehauptungswille in diesen Zeugnissen eines leidenden, hoffenden, aufgeklärten Geistes in finsterer Zeit.

Titelbild

Hannah Arendt: Die verborgene Tradition. Essays.
Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M. 2000.
183 Seiten, 18,40 EUR.
ISBN-10: 3633541632

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Hannah Arendt: Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher. Beiträge für die deutsch-jüdische Emigrantenzeitung "Aufbau" 1941-1945.
Herausgegeben von Marie-Luise Knott.
Piper Verlag, München 2000.
244 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3492040942

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