Reaktionen ohne Anlass

Durs Grünbeins Berliner Aufzeichnungen "Das erste Jahr"

Von Alexander MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Durs Grünbein, der vielfach ausgezeichnete Dichter und Essayist, veröffentlicht zahlreiche Gedichte und Aufsätze in diversen Periodika und Tageszeitungen, vor allem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieses Faktum führt oft dazu, dass sich in die Buchveröffentlichungen die ein oder andere Wiederholung einschleicht. So auch diesmal, unter noch zu benennenden geänderten Vorzeichen, da es heißt, die "Berliner Aufzeichnungen" zu begutachten. Unter dem Titel "Das erste Jahr" veröffentlichte Dürs Grünbein ein so genanntes Arbeitsjournal, das dem Vorsatz entsprang, "das erste Jahr im neuen Jahrtausend", "diesen historischen Moment des Beginns in Form von Arbeitsbuchnotizen vom 1. Januar bis 31. Dezember festzuhalten." Was an diesem Moment "historisch" sein soll, sei einmal dahingestellt. Spannender ist allerdings die Frage, was das Arbeitsjournal mitzuteilen hat, denn diese Frage stellt sich Grünbein des öfteren selbst.

Gerade einmal 100 Seiten sind vollbracht, und schon schreibt man den 1. August. Stets kann man den Gedanken Grünbeins ablesen, dass er nicht sicher ist, was schriftlich zu fixieren ist. Da sein Schreiben den zugrunde liegenden Anlass weitgehend verschweigt, also neben der Datierung eines Abschnitts nicht der selbstvergewissernde Bezug zur Gegenwart gesucht wird, müssen es schon Reflexionen für die Ewigkeit sein, die präsentiert werden. Sicherlich gibt es den einen oder anderen aktuellen Aspekt, dessen Wiedererkennungswert dem Leser lieb und teuer sein wird, doch sind solche Texte, wie etwa ein knapper Aufsatz, der eindeutig von der damaligen BSE-Krise motiviert war, doch besser in der F. A. Z. aufgehoben, wo dieser schließlich auch im Januar 2001 erschienen ist. Ansonsten mutet das Vermeiden zu durchsichtiger Gegenwartsnähe wie der Versuch an, einen Gegenentwurf zu Rainald Goetz´ "Abfall für alle" vorzulegen, der ja gerade das spontane Reagieren transportieren wollte. Grünbeins Anspruch hat ihn aber offensichtlich in die Verlegenheit gebracht, einige ältere Texte für das Jahr 2000 in fragwürdiger Weise zu reaktivieren. Unter dem Datum des 21. März erscheint ein Text, der einen Schreibimpuls thematisiert, der ein knappes Jahrzehnt zurückliegt: "Tandaradei. Ein milder Abend im März, kurz nach Einführung der Sommerzeit, es bleibt länger hell, auffallend hell. Bei geöffnetem Fenster höre ich Vogelgezwitscher, wie ich es lange nicht gehört habe, klares, langgedehntes, an Waldlichtungen erinnerndes Vogelgezwitscher mitten im Zentrum Berlins." Bis auf die Anspielung auf Walther von der Vogelweide ist dieser Text identisch mit einer Arbeitsprobe die unter dem Titel "Aus: Taxien" in der Literaturzeitschrift "Schreibheft" bereits 1994 publiziert worden ist. Dort wird sie auf den 23. März 1991 genau datiert nur einige wenige, den Sinn nicht verändernde, Worte variieren. Allein fünf der unter "Aus: Taxien" zusammengefassten Prosastücke, allesamt aus den Jahren 1991-1993, finden sich in "Das erste Jahr" wieder, mit nicht immer nachzuvollziehenden, geringfügigen Abweichungen. So ging dem vermeintlichen Chronisten die Wendung "menschliches Versagen" nach dem erstmaligen Hören "erst später in ihrer Schrecklichkeit" auf, wenn man den Ausführungen vom 27. März 2000 folgt. Die auf das Jahr 1993 datierte Aufzeichnung im "Schreibheft" besagt, dass ihm dieselbe Wendung "sofort in ihrer ganzen Schrecklichkeit aufging".

Es soll an dieser Stelle nicht weiter über die Gründe für diese Mehrfachverwertung von Texten spekuliert werden. Freilich bleibt es ein generelles Manko, dass keine Erklärung zu dieser Wiederveröffentlichungen unter einem neuen Datum geliefert wird. Andere Äußerungen drohen in einem allgemein kulturpessimistischen Gestus zu erstarren. Die zeitgenössischen Romanschriftsteller trifft ein solches Lamento, da sie den weiblichen Körper nur wie Metzger oder Frauenmörder beschreiben könnten. Als Ausnahmen werden "J, P, K, und N" genannt. Man kann diesem Diktum zustimmen oder auch nicht. Es würde einen allerdings interessieren, welche modernen Werke Grünbein zu dieser Aussage angeregt haben, und auch - da es vollkommen widersinnig scheint, gar die Ausnahmen zu anonymisieren - wer J, P, K und N sind. Dabei geht es ja nicht um den Klatsch unter Kollegen oder den neuesten Schmäh des Literaturbetriebs. Es würden doch schon wenige Belege ausreichen, ein Urteil wie das über den "Boom junger deutscher Prosaliteratur", die mit dem Vorwurf der "Ahnungslosigkeit" belegt ist, zu untermauern. Derart allgemein gehalten wird dies zur elitären Pose, die auf Beipflichtung lediglich hoffen kann. Was soll schließlich das Zeter-und-Mordio-Geschrei im Hinblick auf die Lyrik? "Schon der flüchtigste Blick in eine beliebige Anthologie zeigt: am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ist Lyrik ein Sammelsurium aus Register-Arien für das Banale geworden, ein rhythmisierter Versandhauskatalog." Abgesehen davon, dass auch Grünbeins Gedichte in zahlreichen Anthologien zu finden sind, sei einmal mehr am Grund dieser pauschalen Kollegenschelte gezweifelt. "Ach, sie schwätzen immer vom Sterben der Reime", heißt es dann einleitend, und ein einfacher Hinweis auf die überspannten Feuilletonisten, die solches behaupten, hätte genügt, um die Vermutung zu tilgen, hier werde eine Frage beantwortet, die niemand ernsthaft gestellt hat.

Einige Ausflüge ins Private, ins Arkadien der Kindheit, Texte, die eingingen in das mit Ulrike Haage realisierte Hörspiel "Reise, Toter", die vielen poetologischen Skizzen oder etwa eine eigentümliche Lesart von Puschkins "Herbst", überhaupt die Auseinandersetzungen mit dichterischen Vorläufern wie z. B. Mandelstam oder Baudelaire, sind jedoch allemal lesenswert. Zudem nimmt man mit Genuss wahr, wie der Autor mit zunehmender Dauer der Aufzeichnungen immer zielsicherer seiner Aufgabe nachgeht, wobei sich die Frage nach dem Mitzuteilenden ganz von allein erledigt.

Titelbild

Durs Grünbein: Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001.
280 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3518412779

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