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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2002 » Schwerpunkt: Britische Literatur » Very Irish
 
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Von Vögeln im Auspuff und alten Steinkreisen

Pete McCarthy auf Heimatsuche in seinem "ganz persönlichen Irland"

Von Petra PortoRSS-Newsfeed neuer Artikel von Petra Porto

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wussten Sie, dass man die Einheimischen niemals direkt nach dem Weg fragen sollte, wenn man sich in Irland aufgrund mangelnder Beschilderung verfährt? Offensichtlich suggeriert diese eher als unhöflich und englisch empfundene Art der Befragung: "Ich störe Sie auf ziemlich plumpe Art und Weise, um Ihnen eine Auskunft zu entlocken, doch davon abgesehen, hat dieses Gespräch keine weitere Bedeutung für mich und bereitet mir kein besonderes Vergnügen. Also, los jetzt, spucken Sie's aus." Besser, das Ganze in ein bisschen Small talk zu verpacken. Ein netter Nebeneffekt ist, dass man so auf seiner Reise durch Irland viele verschiedene Menschen kennen lernt: Späthippies, grummelige B&B-Besitzer, keltisches Christentum lebende Pfarrer und amerikanische Touristen.

Dies ist nur einer der vielen kleinen Tipps, die der Autor von "McCarthy's Bar" dem potentiellen Irland-Besucher verrät. Andere schließen zum Beispiel die Frage mit ein, welchen Platz man sich am besten zum Schlafen aussucht, wenn man sich leicht betrunken auf einer Fähre von England nach Irland befindet, und wie man zu einem eigentlich ausgebuchten Mittelalter-Dinner eingeladen wird.

Pete McCarthy ist kein gewöhnlicher Tourist, er ist nicht auf der Suche nach ein bisschen irischem Craic, dieser ganz besonderen Art von Spaß, wie man sie nur in keltischen Ländern erleben kann, sondern er versucht, seine Zugehörigkeit zu diesem Land zu beweisen, das er so liebevoll und mit so viel Sinn für Kleinigkeiten beschreibt, dass man ihm die Ehrenstaatsbürgerschaft zusprechen müsste, falls es so etwas gäbe. McCarthy ist der Sohn eines Engländers, in Großbritannien aufgewachsen, aber immer schon fühlte er sich eher seinen irischen Vorfahren mütterlicherseits zugehörig. Liegt ihm dieses Zugehörigkeitsgefühl im Blut, so fragt er sich, oder ist er einfach nur der Fabel des irischen Tourismus aufgesessen, dass Irland das Land ist, in dem sich jeder ein bisschen mehr heimisch fühlen kann als anderswo?

Um dieser Frage nachzugehen, reist der Autor am St. Patrick's Day nach Cork und tritt von da aus seine von Zufällen geleitete Reise durch die Republik an. Er kommt durch Touristenzentren, in denen sich die "wirklichen" Iren in den für die Touristen echt irisch dekorierten Pubs verstecken, während die Touristen auf der Suche nach Iren in den "wirklichen" Pubs landen, sucht auf Bullenweiden nach alten Steinkreisen, um sich später todesmutig mit Pensionsbesitzerinnen anzulegen, die ihn für ein Weichei halten. Und das alles in einem klapprigen Wagen, in dessen Auspuff er einen Vogel vermutet.

Dieses Buch hat den Charme des Auftritts eines guten Stand-Up-Comedians, der vom Hundersten ins Tausendste kommt, Anekdoten erzählt und dabei jede Pointe trifft. Zusammenzufassen ist das Buch denn auch kaum: McCarthys Humor entsteht durch die teilweise recht abstrusen Situationen, in die er gerät und die er mit trockenem Witz beschreibt und kommentiert. Fast möchte man nicht zu viel auf einmal lesen, sondern alles häppchenweise genießen, nur nicht zuviel, das 400-Seiten-Buch ist doch gar zu dünn, wenn man sich einmal eingelesen hat. Das Irland, das McCarthy beschreibt, erscheint zwar ein bisschen hochglanzpoliert, wie einem - zugegeben etwas merkwürdigen und überdrehten - Reiseprospekt oder der letzten Kerrygold-Werbung entnommen, komplett mit skurrilen Einheimischen und dem guten irischen Regen, doch ach! man glaubt dem Erzähler trotzdem, was er sagt. Weil man Irland gerne so haben möchte - und weil er alles so liebenswert und detailgenau beschreiben kann. Von Seite zu Seite gewöhnt man sich mehr an den Erzähler und beginnt, sich wie McCarthys Reisegefährte zu fühlen, ein Kumpel, den der Autor durch Irland führt - und am Ende ist man furchtbar enttäuscht, wenn der liebgewonnene Kerl einen am Strand stehen lässt, um die Fähre zurück nach England zu nehmen. Den nächsten Urlaub, so nimmt man sich vor, wird man in Irland verbringen und sich an McCarthys Reiseregeln halten. Ein paar Guinness, ein bisschen Craic, und wie der Erzähler immer das richtige Buch dabei haben - warum kann das Leben nicht immer so schön sein?

Titelbild

Pete McCarthy: McCarthy´s Bar. Mein ganz persönliches Irland.
Übersetzt aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Malik Verlag, München 2002.
388 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3890292046

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:05
Erschienen am:01.06.2002
Lesungen: 3441
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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