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Magnus Mills "Indien kann warten” blickt aufs postindustrielle England

Von Kolja Mensing

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Magnus Mills interessiert sich mehr für die horizontalen Beschränkungen des Menschen als für seine vertikalen Möglichkeiten. So beginnt sein zweiter Roman "Indien kann warten" bezeichnenderweise mit einem Tor. Es steht an der Einfahrt eines heruntergekommen Campingplatzes im Norden Englands, und obwohl der namenlose Erzähler längst auf seinem Motorrad in Richtung Indien unterwegs sein wollte, erklärt er sich bereit, dem Besitzer einen Gefallen zu tun und das Tor zu streichen. Als er versehentlich eine Dose Farbe verschüttet, wird die Einfahrt zur unüberwindbaren Grenze. Das schlechte Gewissen treibt den Erzähler immer weiter in die Abhängigkeit des zunächst noch gönnerhaften Campingplatzbesitzers: "Wir haben gesehen, daß Sie mit dem Pinsel umgehen können", sagt dieser und lächelt so freundlich, als sei das Missgeschick mit dem Farbtopf nie passiert: "Wie sieht's aus mit Hammer und Nägeln?" Der nächste Job ist gebucht. Indien kann warten.

Dabei hatte alles so nett angefangen. Im Sommer habe er in einer Fabrik gejobbt und Geld gespart, hatte der Erzähler seinem späteren Arbeitgeber noch arglos in einer freundlichen Plauderei erklärt, jetzt spanne er ein paar Tage vor der großen Reise aus. "Ich dachte, alle Fabriken seien geschlossen worden", wundert der Besitzer des Campingplatzes sich, und die auf den ersten Blick etwas rätselhafte Bemerkung erklärt sich darin, dass er und seine Nachbarn mit der Epoche der Industrialisierung weitgehend abgeschlossen und zu einer fröhlichen Subsistenzwirtschaft zurückgefunden haben: Auf Bargeldzahlungen wird verzichtet, statt dessen zieht man sich im Rahmen der Nachbarschaftshilfe gegenseitig über den Tisch, und wenn jemand unvorsichtig genug ist, ein paar Tage länger vor Ort zu sein, macht man ihn zum Gemeindesklaven.

In Großbritannien ist Magnus Mills ein Star. 10.000 Pfund soll er von seinem Verlag als Vorschuss für seinen Debütroman "Die Herren der Zäune" bekommen haben - selbst renommierte englische Autoren müssen sich meist mit weniger zufrieden geben.

Zu diesen Gerüchten gesellte sich der Umstand, dass Mills wie die verschrobenen Helden seines Erstlings als junger Mann in Schottland als Zaunsetzer tätig gewesen war und darum wissen musste, worüber er schrieb.

Außerdem war er, als er mit Mitte Vierzig für den Booker Prize nominiert wurde, gerade auf dem Gipfel einer zwölfjährigen Karriere als Busfahrer angekommen. Vom Rand der jobholder society ins Rampenlicht des öffentlichen Interesses: So eine Erfolgsgeschichte hört man gerne im Lande von New Labour, in dem "vertikale Mobilität" zum gesellschaftspolitischen Leitbegriff geworden ist.

Ein Sweat shop in Kalkutta ist nichts im Vergleich zu dem Dorf, in dem Mills seinen Erzähler immer tiefer im Sumpf der Gelegenheitsarbeit versacken lässt. In seiner Lesart hat das ländliche Großbritannien New Labour und den Traum vom Dritten Weg längst hinter sich gelassen: "Indien kann warten" liest sich wie ein grotesker Bericht aus der Zeit nach dem finalen Börsencrash, in der die kapitalistische Welt gänzlich in sich zusammenfallen ist - die Ausbeutung des Menschen jedoch den endgültigen Höhepunkt ihrer Bösartigkeit erreicht hat.

Den Strategien dieser ruralen Wirtschaftsgemeinde entsprechen die Sparsamkeit der literarischen Mittel: "Vom Rumsitzen allein kriegen wir auch nichts geschafft", unterbricht der Campingplatzbesitzer jedes Gespräch, bevor der Erzähler auf eine angemessene Bezahlung für seine Arbeit zu sprechen kommen kann. So hat Magnus Mills aus staubtrockenen Dialogen und lakonischen Erzählpassagen einen komischen Roman zusammengesetzt, bei dessen Lektüre man aus dem gleichen Grund lauthals lacht wie während der Aufführung eines absurden Theaterstücks: weil einem mit Blick auf die Aussichtslosigkeit des Spiels nichts anderes bleibt.

Auf Indien hoffen ist wie auf Godot zu warten. Besser, man gibt sich mit kleineren Freuden zufrieden: Ein Frühstück und warmes Wasser "soviel Sie wollen", bietet der Besitzer des Campingplatzes dem Erzähler als Gegenleistung für die Instandsetzung einer Scheune an. Doch auch diese Zugeständnisse sind kein Entgeld, sondern nur eine Anzahlung auf eine weitere Runde Fronarbeit. Es handelt sich quasi um einen Vorschuss, um zuletzt noch einmal auf das Bild des Schriftstellers zurückzukommen. Magnus Mills weiß also auch diesmal, worüber er schreibt. Beziehungsweise wofür er schreibt.

Titelbild

Magnus Mills: Indien kann warten.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
229 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-10: 3518413244

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:07
Erschienen am:01.06.2002
Lesungen: 2908
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