Die Freuden der doppelten Buch-Führung

Über B. S. Johnsons Roman "Christie Malrys doppelte Buchführung"

Von Martin Kuester

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der zunächst langweilig normale, manchmal fast autistisch wirkende Christie Malry hat eines Tages die "tolle Idee", die im Laufe einer Banklehre erlernte doppelte Buchführung auch auf sein eigenes Leben anzuwenden. So gleicht er die ihm von der Gesellschaft zugefügten "Belästigungen" akribisch durch ins Groteske und sogar in terroristische Aktivitäten ausufernde "Entschädigungen" aus, die unter anderem zur Tötung der Bevölkerung eines ganzen Londoner Stadtteils führen. In seiner "doppelten Buchführung" rechnet er auf fünf jeweils eine ganze Buchseite ausfüllenden Bilanzbögen jedes "Debet" - wie zum Beispiel einen Rüffel durch seine Vorgesetzten - mit einem "Kredit" - wie dem Tod von 20.479 West-Londonern durch die Vergiftung ihres Trinkwassers - gegeneinander auf, doch endet diese Art der Buchführung ironischer Weise dann mit der Löschung des Kontos durch seinen Krebstod am Ende des Buches.

Der im Jahre 1943 geborene Engländer B. S. Johnson war in den 60er und 70er Jahren bis zu seinem Selbstmord im Jahr 1973 einer der führenden innovativen Schriftsteller in der britischen Literaturszene. Er machte sich mit Romanen als Loseblattsammlungen und ähnlichen postmodernen Experimenten einen Namen. "Christie Malry's Own Double-Entry" bzw. "Christie Malrys doppelte Buchführung" war einer seiner letzten Romane und erschien ursprünglich in seinem Todesjahr. In der deutschen Übersetzung von Michael Walter kam das Buch in den späten 80er Jahren als Teil der Johnson-Werkausgabe und Anfang der 90er Jahre auch als Einzeltitel heraus. Die neue Ausgabe des Argon-Verlags wird von Georg M. Oswald recht locker und unterhaltsam eingeführt und macht Lust darauf, den Autor und sein weiteres Werk wieder kennenzulernen.

Christie Malry, die Hauptfigur des Romans, scheint zunächst das Interesse der Leser kaum wecken zu können, denn schon der erste Satz lautet, und dies taucht leitmotivisch immer wieder im Text auf: "Christie Malry war ein einfacher Mensch."

Johnson spielt in diesem Roman mit traditionellen Elementen des Romans und greift vor allem auch Stilmittel des frühen englischen Romans - wie zum Beispiel zusammenfassende (bzw. irreführende) Titel der einzelnen Kapitel oder die Anrede des Lesers durch den auktorialen Erzähler - auf, um sie im Sinne der postmodernen Avantgarde des 20. Jahrhunderts zu dekonstruieren. Diese Vorgehensweise hat überraschend viel mit dem Stil eines Henry Fielding oder Laurence Sterne aus dem 18. Jahrhundert gemein: Malry selbst mischt sich genauso wie seine Mutter mit metafiktionalen Kommentaren und Bemerkungen in den Akt des Schreibens ein, und auch der Erzähler muss zugeben, dass manche Kapitel recht misslungen seien. Die Mutter weist ihren Sohn zum Beispiel darauf hin, sie sei nun "zwecks dieses Romans auf den Tag genau achtzehn Jahr und fünf Monate lang" seine Mutter gewesen und verabschiede sich hiermit aus seinem Leben sowie dem Roman. Die Mutter von Malrys Freundin, der Neuntöterin, bemerkt sogar stolz, sie habe "sich gelohnt, diese jahrelange Aufopferung, bloß um meine Tochter in einem so seriösen Roman unterzubringen." Als eine Krankenschwester den Erzähler aus Malrys Sterbezimmer verweist, tut sie das, wie jener bemerkt, "nicht wissend, wer ich war, dass er ohne mich nicht sterben konnte."

Ist solch ein kurzer Roman, der typisch für die postmodernen erzählerischen Experimente der 70er Jahre ist, die man damals als Metafiktion, Surfiction, Superfiction oder Fabulation bezeichnete, eine Neuausgabe im 21. Jahrhundert wert? Ich finde schon, zumal Johnsons irreverenter Stil auch heute noch zu unterhalten weiß, wenn man auch heutzutage eventuell Probleme damit hätte, Gefahren und Motive des Terrorismus so lapidar abzuhandeln, wie es in diesem Roman geschieht.

Titelbild

B. S. Johnson: Christie Malrys doppelte Buchführung. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Michael Walter.
Argon Verlag, Berlin 2002.
224 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3870245603

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