Paradoxien oder Wie lernt man zu verblöden?

Das originelle Debüt des jungen Franzosen Martin Page

Von Martin Gaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der 25-jährige Antoine ist eine verschrobene Gestalt, superintelligent, kauzig und eigenartig, eine Leseratte und Denkmaschine. Doch gerade diese Eigenschaften und Vorlieben, so analysiert er kühl und treffsicher, sind es, die seine Einsamkeit und Kommunikationslosigkeit, kurz: sein Unglück verursacht haben. Noch dazu ist seine materielle Situation miserabel. Was also tun in einer solchen Situation? Dumm werden, ein Idiot. Zugegeben, ein origineller Plan. Doch: Sind Idioten glücklich und wohlhabend? Hier hinkt die Logik des Buches ein wenig.

Antoine geht nach Plan vor, versucht vom strengen Abstinenzler zum Alkoholiker zu werden. Dazu nimmt er Nachhilfe bei einem klugen und auskunftsfreudigen Profisäufer, der ihm alles Mögliche über Alkoholika und das richtige Trinken beibringt. Das erste Bier allerdings holt den Lernwilligen umgehend von den Beinen. Seine nächste Station soll ihn schon nicht mehr in die Gesellschaft der geistig Armen, sondern gleich über den Jordan bringen. Antoine beschließt, ob der bitteren Niederlage sein tristes Dasein zu beenden. Doch auch dies bedarf der Anleitung und also besucht er den Selbsthilfekurs "Wie bringe ich mich erfolgreich um?" Diese Episode muss ebenfalls scheitern, da das Buch sonst zu Ende wäre. Was bleibt? Dumm werden durch Normalität und Anpassung an Normen und Standards, durch Gewöhnlichkeit und Eingehen in die große graue Masse der gesichtslosen Gesellschaft. Und an diesem Punkt gewinnt das Buch endlich an Fahrt. War es vorher unentschlossen und allzu künstlich, eine Art Nummernrevue der Pseudo-Kuriositäten, ein Kabinett lauer Kalauer, schafft es Page, in der Beschreibung des Lebens, das uns allen so vertraut ist, genaue Schilderungen und damit Enttarnungen des Alltags wiederzugeben, die bestechend und komisch sind. Antoine mutiert zu einem extrem erfolgreichen und immer stromlinienförmiger werdenden Finanzjongleur, der sich entsprechend seiner Position und seines sozialen Ranges kleidet. Er richtet sich stilvoll ein, stellt sich, obwohl er keinen Führerschein hat, einen Porsche vor die Tür und bemerkt kaum, dass er im Begriff ist, seine letzten Wertvorstellungen ebenso über Bord zu werfen, wie es seine neuen Bekannten schon längst getan haben. Nur gut, dass das unbedarfte Arschloch nicht ganz allein gelassen wurde im Haifischbecken und seine alten Freunde gerade noch rechtzeitig die Reissleine ziehen.

"Antoine oder die Idiotie" ist kein rundum gelungenes Buch, da der Einstieg zu langwierig und hölzern ist, Doch die klugen und prägnanten Darstellungen der normalen Welt mit all ihren Typen und Standardsituationen lesen sich flüssig und machen schmunzeln. Gleichzeitig ist dieses Buch auch ein aufklärerisches Pamphlet, das zum Nachdenken über die Stellung jedes Einzelnen in der Gesellschaft, über sein Verhalten gegenüber den Mitmenschen anregt und die Frage nach dem Sinn des permanenten Herumirrens und -surrens stellt. Auf freche und witzige Weise stellt Martin Page seinen schmalen Erstling an die Seite von Voltaires "Candide" und Flauberts "Bouvard und Pécuchet".

Titelbild

Martin Page: Antoine oder die Idiotie. Roman.
Übersetzt aus dem Französischen von Moshe Kahn.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2002.
138 Seiten, 16,50 EUR.
ISBN-10: 3803131677

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