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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2002 » Fremdsprachige Literatur
 
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Leben oder nicht Leben, das ist hier die Frage

Andrej Korkows Protagonist schwankt zwischen Lebensfrust und Lebenslust

Von Christina LangnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christina Langner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Tolja hat ein Problem. Er ist "kein Typ für Selbstmord", aber des Lebens überdrüssig. Es ist wahrlich kein leichtes Los welches der ukrainische Autor Andrej Kurkow (*1961) seinem Helden in dem Roman "Ein Freund des Verblichenen" beschert. Und Kurkow macht viel aus dieser gleichsam tragischen wie komischen Todessehnsucht Toljas.

Selbst nicht in der Lage, seinem Leben ein Ende zu setzen, kommt Kurkows Protagonisten die "kostbare Idee von einem idealen Ausweg aus der Sackgasse des Lebens": In seiner Fantasie erfreut sich Tolja an der Betroffenheit seiner Bekannten, nachdem diese erfahren haben, dass er Opfer eines grausamen Auftragsmordes geworden ist. Überaus fasziniert von der Vorstellung seinem so langweiligen und unspektakulären Leben einen doch wenigstens aufsehenerregenden Tod zu bereiten, vertraut er seinem ehemaligen Klassenkameraden Dima an, er wolle den Liebhaber seiner Frau aus dem Weg räumen lassen. Mit erschreckendem Verständnis für die Situation des Freundes und mit ebenso erschreckender Gleichgültigkeit dem Leben eines anderen - ihm unbekannten - Menschen gegenüber, stellt Dima den Kontakt zu Kostja, einem Auftragskiller, her.

Schneller als es Tolja im Grunde lieb ist wird seine zusammen gesponnene Fantasie zur bizarren Wirklichkeit. Ebenso wahnwitzig wie todernst schildert Kurkow, bei aller tragischen Tiefe fast leichtfüssig-komisch, wie Tolja die Vorbereitungen zu seiner eigenen Ermordung trifft. Er sucht sich einen passenden Tag aus, wählt eine geeignete Uhrzeit und sein Stammcafé als Tatort. Dort wartet er auf den Mörder. Vergeblich.

Es ist wahrlich ein Hochgenuss, wie Kurkow die Reaktion Toljas auf diese, im Grunde ja todernste Situation, illustriert. Über die Unzuverlässigkeit seines Mörders ein wenig verdrossen - denn schließlich hat er gut für eine Leistung bezahlt die nicht ausgeführt wurde - amüsiert Toljas Ratlosigkeit über seine dazu gewonnene Lebenszeit. Leicht angetrunken begegnet Tolja auf dem Weg nach Hause der Prostituierten Wika, mit der er die erste Nacht seines außerplanmäßigen Lebens verbringt.

Am darauffolgenden Morgen, ist Tolja recht dankbar, dass sein Mörder ihn im Stich gelassen hat, fühlt er sich doch nicht länger ausgesondert aus der Welt der Zweisamkeit. Die unverhoffte Verlängerung von Toljas Leben ist jedoch purer Zufall, und der von ihm selbst organisierte Mörder trachtet ihm weiter nach dem Leben.

Kurkow wählt für seinen Protagonisten den größtmöglichen und skurrilsten Ausnahmezustand, den man sich nur vorstellen kann, den Tolja aber mit einer nahezu grotesken Gelassenheit in sein Leben integriert. Wie selbstverständlich beauftragt er eine weitere Figur aus der Unterwelt, - nunmehr aber, um seine Ermordung zu verhindern. So kommt es, dass Tolja Auftraggeber der Ermordung seines eigens beauftragten Mörders wird, - und diesmal wird der Auftrag zuverlässig ausgeführt.

Die Zeit vergeht. Wika wird nicht zu der "banalen Beständigkeit" in Toljas Leben, nach der er sich gesehnt hat. Mit der zurückgekehrten Einsamkeit erwacht in Tolja das Schuldgefühl der Frau gegenüber, von der Kostja ein Foto bei sich trug. Tolja sucht sie auf, stellt sich als "Ein Freund des Verblichenen" vor und wird schnell auch zum Freund der Witwe. Der Leser ahnt, dass Tolja mit ihr seine ersehnte "banale Beständigkeit" finden wird.

Wie schon in den Romanen "Petrowitsch" und "Picknick auf dem Eis" zeigt sich auch in Kurkows jüngstem Werk seine besondere Gabe, die Absurditäten des Alltags und des menschlichen Daseins zur banalen, aber genialen Normalität werden zu lassen. Kurkow beleuchtet die Psyche eines Mannes von dem man nicht so recht weiss, ob man nun Sympathie für ihn empfinden darf oder aber Verachtung empfinden sollte.

Unverkennbar sind Kurkow und sein Protagonist vom Alltag der postsowjetischen Ukraine geprägt, welcher durch wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und - damit einher gehend - moralischen Verfall gekennzeichnet ist. Permanente Angst vor Verbrechen, Armut und Korruption haben Kurkows zynische Schreibweise beeinflusst und ihn zu folgernder Feststellung kommen lassen: "Als literarisches Material verwende ich die realen Figuren nicht. Ich versuche aber, aus den existierenden absurden Situationen eine ultimative Absurdität zu schaffen. Wenn ich damit fertig bin, entdecke ich oft, dass das Leben meine entworfene Absurdität bereits viel weiter entwickelt hat." Man wagt sich kaum auszumalen, zu welcher Absurdität dieser Roman Kurkows in der Realität werden könnte.

Titelbild

Andrej Kurkow: Ein Freund des Verblichenen. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Christa Vogel.
Diogenes Verlag, Zürich 2001.
142 Seiten, 16,80 EUR.
ISBN-10: 3257062397

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2002 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:13
Erschienen am:01.07.2002
Lesungen: 2731
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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