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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2002 » Biographien
 
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Vielleicht werde ich plötzlich verschwinden

Gesammelte Texte von Inge Müller und die Inge-Müller-Biografie von Ines Geipel

Von Ingeborg GleichaufRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ingeborg Gleichauf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Inge Müller ist einem breiten Lesepublikum noch immer lediglich als Frau Heiner Müllers bekannt. Sie soll Gedichte geschrieben und Selbstmord verübt haben.

Es ist vor allem Ines Geipel zu verdanken, dass sich dieses Bild langsam verändert und dass Inge Müllers eigenständige literarische Leistung, und zwar keineswegs nur auf dem Gebiet der Lyrik, anerkannt wird. Bereits 1996 hat Geipel Texte der Dichterin herausgegeben. Und nun die Biografie. Selbst in der DDR aufgewachsen, war Geipel sechs Jahre lang Leistungssportlerin, bis sie diese Laufbahn aus politischen Gründen abbrach. Mit welchen Schwierigkeiten Inge Müller als DDR-Schriftstellerin zu kämpfen hatte, ist für ihre Biografin nur allzu gut zu verstehen.

Inge Müller, 1925 geboren, hat den Nationalsozialismus und den DDR-Kommunismus hautnah erlebt, sie war in Berlin 1945 verschüttet worden und trug diese traumatische Erfahrung ein Leben lang mit sich herum. Hinzu kam später die schwierige Ehe mit dem Urgestein Heiner Müller. Nach mehreren missglückten Selbstmordversuchen starb sie 1966 durch Gas.

Im Mittelpunkt von Geipels Biografie steht die Schriftstellerin Inge Müller, die Lyrikerin, Dramatikerin, Prosaschreiberin, Kinderbuchautorin. Wie bei Ingeborg Bachmann ist ein Grundthema Inge Müllers der Krieg. Der Krieg als Weltkrieg, der Krieg als Kampf zwischen Systemen, Ideologien, der Krieg zwischen Mann und Frau und der kriegerische Ehrgeiz von Künstlern. Inge Müller hat sich nicht integrieren lassen. In ihren Texten bekommt der Einzelne eine Stimme, nicht ein Kollektiv. Inwieweit hier der Unterschied zu Heiner Müllers Literaturverständnis und Arbeitsweise liegt, zeigt die Biografie eindringlich. Es geht nicht darum, Rache zu üben an einem tyrannischen, eitlen Dramatiker, der die Frau an seiner Seite verkümmern ließ. Ines Geipel kommt es vielmehr darauf an, deutlich zu machen, was es heißt, ein Gespräch zwischen verschiedenen Kunstauffassungen in Gang zu halten und wie der schwächere Teil den Kopf einigermaßen oben behält.

Besonders eine Sache ist der Biografin hoch anzurechnen: Sie weist hin auf die große dramatische Bedeutung Inge Müllers. Dass sie eine Lyrikerin von Rang war, ist mittlerweile unbestritten. Ihre dramatischen Texte verschwinden allzu leicht hinter dem großen Theatermacher Heiner Müller.

Ein wahres Glück ist es, dass fast gleichzeitig mit Ines Geipels Biografie ein neuer, voluminöser Textband mit Werken Inge Müllers erschienen ist. Wunderbar, dass sich die dramatischen Entwürfe darin finden. Wenn man Else Lasker-Schüler eine lyrische Dramatikerin nennen könnte, so gilt für Inge Müller die Vorherrschaft des Dramatischen auch in den Gedichten. Sage noch einmal einer, das Drama sei kein Genre für schreibende Frauen, sondern eine reine Männersache. Diese Autorin arbeitet messerscharf die Konturen ihrer Figuren heraus.

Unter den Gedichten sind Perlen zu finden, die Schülern weit eher als Interpretationsaufgabe zu wünschen wären als etwa die bereits zum Kanon gehörenden Verse Ulla Hahns.

"Du glaubst, Du kannst die Welt verbessern. / Weißt du, warum der Vogel / Fliegt? / Willst du ihn laufen lehren?"

Die DDR-Wirklichkeit überwach wahrzunehmen und gleichzeitig leise die Stimme für das herzugeben, was jenseits der Ideologien liegt, Gewalt total verinnerlicht zu haben und Sanftmut zu schreiben - darin liegt die Stärke von Inge Müller. Wer sie noch nicht wahrgenommen hat, hat jetzt Gelegenheit dazu.

Titelbild

Ines Geipel: Dann fiel auf einmal der Himmel um. Inge Müller Die Biografie.
Henschel Verlag, Berlin 2002.
254 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3894874171

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Titelbild

Inge Müller: Daß ich nicht ersticke am Leisesein.
Herausgegeben von Sonja Hilzinger.
Aufbau Verlag, Berlin 2002.
660 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-10: 3351029373

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:17
Erschienen am:01.08.2002
Lesungen: 4901
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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