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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2002 » Kultur- und Medienwissenschaft
 
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Versunkene Schätze, Strandgut und der Bodensatz der Geistesgeschichte

Ein "Letztes Lexikon" taucht in die unendlichen Weiten des Wissens vergangener Enzyklopädien

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer kauft sich noch wertvolle Regalmeter kostende Enzyklopädien? Wo der "Kreis des Wissens" (nichts anderes bedeutet das griechische Wort "Enzyklopädie") heute auf kleinen Scheiben per Mausklick verfügbar ist? Selbst der inzwischen 24-bändige Brockhaus wird demnächst als bierdeckelgroßer Silberling erscheinen. Das Ende der Enzyklopädie, des Konversationslexikons im traditionellen Sinn, dem aufklärerischen Werkzeug politischer Emanzipation und repräsentativen Dekorationsstück bürgerlicher Hausbibliotheken, scheint nah.

Passend dazu kündet jetzt ein "Letztes Lexikon", mit Ironie, doch frei von Häme und Besserwisserei, von ihrem einstigen Ruhm, aber auch von ihren Irrwegen. Werner Bartens, Martin Halter und Rudolf Walther sind eingetaucht in die unendlichen Weiten vergangener Brockhaus- und Meyer-Ausgaben aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert und haben versunkene Schätze und Kuriositäten gehoben, haben manchmal auch nur Strandgut und den Bodensatz der Geistesgeschichte ans Tageslicht befördert. Das "Letzte Lexikon" führt mal melancholisch, mal ironisch die Eitelkeit und Vergänglichkeit allen Wissens, aber auch die seiner Hüter vor Augen. Zitate aus vergangenen Jahrhunderten werden von den Autoren mit Sinn für Witz und Tragik montiert und collagiert, kommentiert und glossiert.

Gegenüber jenen multimedialen Tausendsassas, die mit ihren monatlichen Update-Funktionen der Gegenwart immer näher kommen, besticht das "Letzte Lexikon" durch seine völlige Nutzlosigkeit: "Es ist im strengen Sinne nicht zu gebrauchen", schreiben die Autoren in ihrem Vorwort mit entwaffnender Offenheit, "Sein Wissen ist überholt und untergegangen, glücklich überwunden oder zu Unrecht vergessen; der Wahrheitsgehalt ist manchmal zweifelhaft". Gleichwohl ließe sich mit Goethe sagen: "Konversationslexikon heißt's mit Recht, / weil, wenn die Conversation ist schlecht, / Jedermann / Zur Conversation es nutzen kann."

So informiert das "Letzte Lexikon" noch einmal, wie schon der Meyer von 1902, über Schutzmaßnahmen gegen das Lebendigbegrabenwerden. Erinnert an einen gewissen Goethe, Hermann Theodor, dem berühmten Pomologen und Wanderlehrer, der, so der Brockhaus von 1892, das "Handbuch der Tafeltraubenkultur" schrieb. Entdeckt mit dem Brockhaus von 1837 den Beginn der "Globalisierung" in den "Colonialwaaren" aus amerikanischen und ostindischen Kolonien. In alphabetischer Reihenfolge finden sich Einträge zum "Eisernen Vorhang", zur Fortpflanzung, zur Erbswurst, zur Schnürbrust und und und.

Dass Lexika stets Teil der nationalen Geschichte sind und sich gern zu "Verstärkern und Lautsprechern des Zeitgeistes" machen, belegen die Fundstücke aus den Bereichen Politik und Gesellschaft. 1892 wollte der Brockhaus die "Frauenfrage" durch die "Deregulierung des Heiratsmarkts" lösen. Seine von der Existenz von Sklavinnenmärkten in Konstantinopel (Stichwort: Frauenbazar) irritierten Leserinnen beruhigte das "Damen-Conversationslexikon" von 1835 damit, dass die zum Verkauf Angebotenen "versorgt werden und das ist doch allein das Ziel ihres Verlangens."

Galt eine gesetzliche Gleichbehandlung von "Fremden", also Ausländern, 1875 noch als Maßstab der "Cultur" eines Volkes, waren solche toleranten Töne 20 Jahre später verstummt. Nun ging es darum, Fremde rechtlich-administrativ ab- und auszugrenzen. "Zinnsoldaten", wusste der Meyer von 1902, erwecken den "kriegerischen Geist der Jugend". Den Krieg selbst verglich der Meyer von 1839 mit "den Gewittern, welche allerdings zerstörend auf Staaten und Menschenwohnungen fallen können und fallen, aber durch Reinigung und Erfrischung der Luft und durch Tränkung des vertrockneten Bodens neues Leben in die dahinwelkende Pflanzenwelt ergießen".

Titelbild

Werner Bartens / Martin Halter / Rudolf Walther: Letztes Lexikon.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
327 Seiten, 27,50 EUR.
ISBN-10: 3821845120

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:19
Erschienen am:01.09.2002
Lesungen: 3380
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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