Stimmen von unten

"Die letzten Tage der Menschheit" in Stephan Hermlins Radiobearbeitung

Von Florian EichbergerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Florian Eichberger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass Karl Kraus mit dem überlebensgroßen Dokumentar- und Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit" bereits auf den Druckseiten ein "Hörbuch" geschaffen hat, sieht man allein an Typographie und Rechtschreibung, wo immer man den Band aufschlägt. Leser der "Fackel" wissen, dass der Fluch und die Gabe, den "Tonfall" zu behalten, wesentliches Element der Krausschen Zitierkunst ist. Für die Tragödie sagt die Figur des Nörglers: "mein Ohr hat den Schall der Taten, mein Auge die Gebärde der Reden entdeckt und meine Stimme hat, wo sie nur wiederholte, so zitiert, dass der Grundton festgehalten blieb für alle Zeiten."

Eine öffentliche Lesung dieser Tragödie, in der Bearbeitung von Stephan Hermlin, veranstaltete und übertrug Radio Frankfurt am 29. und 30. April 1947. Dieses Tondokument ist jetzt auf drei CDs im Handel und dürfte, wo noch Verstand ist, tiefsten Eindruck hinterlassen: Wenn der Text in der Lesung vergegenwärtigt wird, so ist er durch die Stimmen und die Kratzer der Tonspur wieder merkwürdig entrückt. Weil in diesem Fall Live-Radio samt Versprechern und Lesefehlern mitgeschnitten ist, bleibt außerdem der Text berückend als Gelesenes präsent und stellt die Sprechstimmen noch einmal vor den Schwarz-auf-Weiß-Hintergrund gedruckter Dokumente.

Über alle Kritik erhaben ist diese Aufnahme als Tondokument. Und als ein Kunstwerk der Adaption überzeugt es noch immer. Denn so sphärenweit die Sprecher auch von dem entfernt sein mögen, was Kraus gefordert hätte (und hat), so ist die lautgestalterische Behandlung doch näher an jener Sorgfalt - man lausche dem klagenden Wald! - als an der Prosodie heutigen Tages. Schade ist in erster Linie, dass der Hessische Rundfunk die später zum Teil hochprominente Sprecherriege, darunter Hermlin selbst, Siegfried Lowitz oder die erst im Frühjahr verstorbene Ursula Langrock, nicht einzelnen Rollen zuordnet. Den Sprechern selbst sind einerseits nur wenige wirklich störende Versprecher anzulasten (etwa "in den von den verübten [recte: verbündeten] Truppen"), zum anderen ist es immer eine ungute Lösung, jemanden, der es nicht ganz im Ohr hat, Österreichisches sprechen zu lassen. Was aber namentlich die Solo-Lesungen Helmut Qualtingers in diesem Vergleichspunkt voraus haben, verlieren sie gerade durch die gefällige Virtuosität der Sprechartistik an Ernsthaftigkeit. Der Hermlin-Einrichtung dagegen ist es bitterernst.

Deren Prinzipien skizziert der erprobte Kraus-Sachwalter Friedrich Pfäfflin im Booklet bei seiner Einführung in Stück und Aufführungsgeschichte: Kürzung auf circa ein Viertel des Textumfangs (unter vollständiger Aussparung des zeitgebundeneren Vorspiels), fast völliger Verzicht auf die Nörgler-Optimisten-Bilder (nur zwei von 22), Konzentrierung auf die "Schilderung des Grauens", während operettenhafte Züge zurücktreten. Der Zeitpunkt der Leseabende macht dies mehr als verständlich - Worte wie "endlich der endliche Endsieg" waren dem Publikum 1947 nur allzu vertraut.

Dass Pfäfflins Beitrag mit einer Konkordanz zur Buchausgabe schließt, erleichtert den weiteren Vergleich beträchtlich. Außer in der Auswahl greift Hermlins Bearbeitung relativ wenig in den Text ein. Nur selten finden sich erläuternde Zusätze ("Venedig" auch als Café), werden Szenenangaben in Rede umgesetzt oder Austriazismen ins Hochdeutsche übertragen ("Bindfaden" statt "Spagat"). Dabei ist beeindruckend, dass man im Hören sieht, wie sicher der Text im Gedränge der Passanten funktioniert: "Grüß dich Held!" - "Wieso Held? Pflanzts wem andern!" - "Veigerl!"

Vielleicht der bemerkenswerteste Eingriff betrifft eine Umstellung: Den zweiten Vortragsabend findet man mit zweien der Schlussszenen eröffnet, nämlich den dämonischen "Extraausgabe!"-Rufern und dem großen Monolog des Nörglers am Schreibtisch - dieser leider ohne die apokalyptische Presskritik. Das ist zunächst überraschend, doch vermutlich nicht nur durch das Programmatische der Nörgler-Rede begründet. Wo diese nämlich vor dem schließlichen "Liebesmahl bei einem Korpskommando" entfällt, wird sie doch mit einer Reprise der "Extraausgabe!"-Rufe angespielt und aufgerufen: ein Verfahren, das der Krausschen Technik von verdichtender Prägung und Selbstzitat durchaus entspricht.

Insgesamt bleiben markante Elemente der Serialität zum Teil erhalten (die Offiziere an der Sirk-Ecke, die Kriegsberichterstatterin Schalek oder der je nach Lage wechselnde, telefonische Berichtsauftrag über Przemysl); außerdem zeigt sich eine deutlich Markierung von chorischen Elementen ("D e r sollte eingezogen werden!"), die an die gebundene Rede der Tableau-Erscheinungen und des Epilogs aufschließen. Und überdeutlich leitmotivisch erklingt oft im Hintergrund, aus Szenenangaben umgesetzt, die "Wacht am Rhein". Auch diese Rekurrenz ist auf den Epilog "Die Letzte Nacht" ausgerichtet. Mit "Flammenlohe" und "Weltendonner" wird die "Stimme von unten" unterbrochen und nach "Lieb Vaterland -" ist wörtlich: "Ruhe".

Nur ein Kretin im Hörverlag ist bei Gott deppert genug, nach leichtem Guitarrensignet noch das letzte Wort behalten zu wollen: "So klingt das Leben." In diesem Fall sicher nicht ganz falsch, aber zum Verständnis auch nicht wirklich notwendig. Eine schöne Erinnerung ist mir verdorben.

Produktion: Radio Frankfurt (heute Hessischer Rundfunk) 1947. Bearbeitung: Stephan Hermlin. Sprecher: Ursula Langrock, Wolfgang Büttner, Stephan Hermlin, Siegfried Lowitz u. a.

Titelbild

Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. 3 CD.
Der Hörverlag, München 2002.
32,00 EUR.
ISBN-10: 389584991X

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