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 literaturkritik.de » Nr. 10, Oktober 2002 » Kunst- und Kulturwissenschaft
 
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Von der Psycho-Pille zum Designer-Baby

Francis Fukuyama befürchtet das Ende des Menschen

Von Alexis EideneierRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexis Eideneier

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dem amerikanischen Präsidenten wird so manches nachgesagt. Nur in den Ruf, kritische Intellektuelle um sich zu scharen, ist er bislang noch nicht geraten. Wie gut, dass Francis Fukuyama, einer seiner engsten Berater, genau dies für sich reklamiert. Glaubt man dem Klappentext seines neuen Buches, gehört Fukuyama gar "zu den herausragenden geschichtsphilosophischen Denkern unserer Zeit".

Verkündete Fukuyama nach der Öffnung der Berliner Mauer "Das Ende der Geschichte", - ein Thesenkomplex, der sich durch zahlreiche Geschehnisse der letzten zehn Jahre zweifellos als vorschnell erwiesen hat -, so bricht für ihn nach der posthistorischen nun die posthumane Phase an. Der Mensch sei, so Fukuyama, in seiner Entwicklung an einem Punkt angekommen, an dem er sein Leben selbst in die Hand nehmen könne. Lasse sich gegenwärtig der Wunsch nach einem erfüllten, angst- und sorgenfreien Leben für viele Zeitgenossen nur durch Psychopharmaka und Drogen erfüllen, so stünden bald andere Methoden bereit. Um Intelligenz, Gedächtnis, Empfindungsfähigkeit und Sexualität zu beflügeln, so der Autor, werde sich eine Mehrheit der Menschen bald schon mittels Gentechnik perfektionieren wollen.

In Anlehnung an Aldous Huxleys "Brave New World" lässt Fukuyama keinen Zweifel daran, was der hohe Preis genetischer Manipulation sein wird: Die biotechnologische Revolution bedroht die Essenz des Menschseins in einer Weise, dass wir alle bangen müssen um das, was Menschen zu Menschen macht. In einem Land, in dem die Gentechnologie bereits weite Teile der Landwirtschaft bestimmt, scheint die Modifikation von Menschen tatsächlich der nächste Schritt zu sein. Obwohl der Verfasser versucht, das Naturrecht der Evolution zu rehabilitieren, steht er der Gentechnologie nicht vollkommen skeptisch gegenüber. Lediglich das Klonen von Menschen und die Herstellung von Mischwesen lehnt er ab. Ansonsten dürfe alles möglich sein, sofern es kontrolliert und zu therapeutischen Zwecken erfolge. Die bioethische Konsequenz künstlicher Menschenoptimierung ist also, dass es das Klon-Baby nicht geben darf, die soziopolitische Implikation, dass man künftig Kontroll- und Regulierungs-Institutionen mit wirklichen Durchsetzungskompetenzen benötigt.

In der Besinnung auf den naturhaften Wesenskern des Menschen, aus welcher sich Folgen für das biotechnologische Sollen und Dürfen ergeben, wirkt Fukuyama denkbar unbeholfen. Die für sein Buch so wichtige Definition des Begriffes "menschliche Natur" erfolgt erst nach gut 180 Seiten und hat keinen direkten Einfluss auf die Schlussfolgerungen des Autors: "Es gibt keine ein für allemal festgelegten menschlichen Eigenschaften, sieht man von der grundlegenden Fähigkeit ab, selbst zu entscheiden, was wir sein wollen."

In weiten Teilen erscheint Fukuyamas Buch wie aus Zeitungssplittern und Ausschnitten philosophischer Lexika zusammengetragen. In einer Art redseliger Bildungskoketterie zitiert Fukuyama gerne Platon, Aristoteles, Nietzsche oder Kant, doch Folgen für seine Argumentation hat dies in der Regel nicht. Sein Buch bleibt an der Oberfläche aktueller wissenschaftlicher Debatten und verrät, dass der Autor die vielen hochkomplexen Diskussionen über sein Thema allenfalls vom Hörensagen kennt. Dass sein Wissen um die Biotechnologie nur einem Crash-Kurs zu verdanken ist, beweisen auch die Vorwort-Danksagungen an einige Dutzend von Mitarbeitern und Assistenten, "die mir bei diesem Projekt beistanden". Fukuyamas Hauptziel scheint zu sein, unter einem reißerischen Titel einen ebenso spektakulären wie allgemein verständlichen Bestseller auf den Markt zu bringen, der die Charts der Sachbuch-Hitlisten anführt.

Von der evolutionären Anthropologie des amerikanischen Entwicklungspsychologen Michael Tomasello oder der mahnenden Beweiskraft eines Peter G. Peterson ("Gray Dawn") ist Fukuyama leider ebensoweit entfernt wie von Jürgen Habermas oder Richard Rorty, die neulich bei einem Essener Symposion eindrucksvoll diskutierten, was eine Lebensform human im Sinne von menschentypisch mache. Alles in allem wirft Fukuyama in seinem neuen Buch zweifellos ein wichtiges Problem auf. Aber ein großer Denker ist er wohl doch nicht.

Titelbild

Francis Fukuyama: Das Ende des Menschen.
Übersetzt aus dem Englischen von Klaus Kochmann.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2002.
352 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3421055173

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:23
Erschienen am:01.10.2002
Lesungen: 3655
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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