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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2002 » Deutsche Literatur
 
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Ich denke nichts

Angela Krauß' Prosaband "Weggeküßt"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Kürzlich wachte ich auf und merkte, noch im Liegen, daß etwas geschehen war." Mit diesem an Kafkas "Verwandlung" erinnernden Einstieg eröffnet die Leipziger Autorin Angela Krauß ihren Band "Weggeküßt" - eine Sammlung von Prosaminiaturen, die ohne Genrebezeichnung publiziert wurde.

Hier wird auf keinen Handlungsplot hinerzählt, sondern eine lange Wahrnehmungskette in mathematischer Manier addiert; assoziative Gedankenspiele dominieren allenthalben. Die im ersten Satz angesprochene Veränderung ist offenkundig der Mauerfall im einst geteilten Deutschland: "Meine Stunde war gekommen, als es fortan weder Ost noch West gab."

Angela Krauß, die 1988 mit dem Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, belässt es in ihrer sprachlich radikal verknappten Prosa ansonsten jedoch bei vagen Andeutungen. Die Protagonistin - eine Frau mittleren Alters - wird von einer überschäumenden Lebensfreude heimgesucht. "Ich will mich küssen lassen. Ich trete zum Frühstück aus dem Haus und will verführt werden."

Doch diese scheinbare Euphorisierung ist nur ein nach außen zur Schau gestelltes Glücksgefühl, ein gedankliches Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten, die die völlige Freiheit bietet. Angela Krauß hatte in ihrem vorletzten Band "Die Überfliegerin" (1995) noch nach Bewahrenswertem aus der Zeit vor dem Mauerfall gesucht, nun bewegt sich ihre Hauptfigur wie in Trance durch das Leben, ohne jedoch einen neuen Fixpunkt gefunden zu haben. Ihre Existenz birgt mindestens ebenso viele Widersprüche wie der Titel von Angela Krauß' letzter Veröffentlichung "Sommer auf dem Eis".

Der einst reglementierte Alltag ist einer neuen Oberflächlichkeit gewichen. Die Konversation beim täglichen Besuch in der Konditorei beschränkt sich auf den Austausch inhaltsleerer Nettigkeiten. Die Protagonistin zieht sich in eine Beobachterposition zurück, sammelt vielfältige Eindrücke, die sie nicht zu bewältigen versteht und resümiert: "Ich denke nichts. Ich habe keine Meinung."

Neben der Konditorei ist der Zoo der zweite reale Handlungsschauplatz, wo die Ich-Erzählerin andächtig den "Stimmen der Tiere" lauscht. Zuhören, ohne antworten zu müssen, darauf versteht sie sich. An einer Stelle heißt es: "Damals bat ich ihn, französisch weiterzusprechen. Davon verstehe ich kein Wort." Das mutet ein wenig wie der späte Versuch, einer prosaischen Umsetzung des absurden Theaters an.

Ironische Leichtigkeit prägt diese acht Prosatexte der 52-jährigen Autorin Angela Krauß. Mit einem Hang zur Verspieltheit lässt sie ihre Hauptfigur beinahe schwerelos durch den Alltag gleiten - ohne Ziel, ohne Meinung, aber irgendwie optimistisch gestimmt.

Über Eric Rohmers Filme befindet die Ich-Erzählerin: "Es waren Menschen, deren Seelenzeit langsam vergeht und deren Redezeit wie eine absurde Tonspur dazu parallel verläuft." Besser kann man die Befindlichkeiten in Angela Krauß' neuem Band nicht beschreiben.

Titelbild

Angela Krauß: Weggeküßt.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
105 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3518413554

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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2002 » Deutsche Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:25
Erschienen am:01.11.2002
Lesungen: 2347
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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