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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 
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Den zwischenmenschlichen Schrecken einfangen

Neue Gedichte von Evelyn Schlag

Von Ralf Georg CzaplaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ralf Georg Czapla

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit der Verleihung des Anton Wildgans-Preises 1997 hat Evelyn Schlag die schon längst fällige Auszeichnung für ihr literarisches Werk erhalten. Elf Bücher stehen mittlerweile für die 1952 im österreichischen Waidhofen geborene Autorin zu Buche, elf Bücher, mit denen sie bewiesen hat, daß sie die gesamte Klaviatur literarischen Schreibens beherrscht. Erzählungen, Romane, Lyrik und Übersetzungen folgen einander in unregelmäßigem Wechsel. Darüber hinaus hat sich Evelyn Schlag in den Grazer Poetikvorlesungen auch theoretisch zu ihren Texten geäußert. Ihre in den vergangenen Jahren erschienenen Prosaarbeiten "Touché" (1994), "Unsichtbare Frauen" (1995) und "Die göttliche Ordnung der Begierden" (1998) fanden bei Lesern und Kritikern positive Resonanz, nicht zuletzt deshalb, weil sie neue Themen literarisch angemessen umzusetzen und alte Themen innovativ zu gestalten versteht.

Evelyn Schlags neuestes Buch "Das Talent meiner Frau" enthält Gedichte aus den Jahren 1992 bis 1999 und schließt damit die Lücke, die sich nach dem Erscheinen ihres letzten Gedichtbandes "Der Schnabelberg" (1992) aufgetan hatte. Der überwiegende Teil von ihnen wird in diesem Band zum ersten Mal vorgestellt, nur einige wenige wurden vorab schon in Zeitschriften und Anthologien publiziert. An die früheren Gedichtbände Evelyn Schlags erinnert in "Das Talent meiner Frau" lediglich noch das zyklische Arrangement der Texte. Weitgehend verwandelt erscheint dagegen die Sprache der Autorin. Die in beinahe allen Gedichten feststellbare Tendenz zur Verknappung und zur Auflösung syntaktischer Sicherheiten läßt die Gedichte vielfach hermetisch werden. Mit dem weitgehenden Verzicht auf Interpunktion versucht Schlag, dem Fluß von Wahrnehmung und Reflexion auch formal gerecht zu werden. Die Divergenz von syntaktischer Einheit und Verseinheit zwingt den Leser ein um das andere Mal, innezuhalten und sich des soeben Gelesenen zu vergewissern. Zu den aus Schlags früheren Veröffentlichungen vertrauten Themen wie Liebe, Natur, Sprache und weibliche Identitätssuche tritt mit Krieg nun ein neues hinzu, und es bedeutet gewiß keine Geringschätzung der übrigen Texte, wenn man den Zyklus "Das Gedicht im Krieg" sowohl in sprachlich-stilistischer als in inhaltlicher Hinsicht als den Höhepunkt dieses Bandes betrachtet. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund dieses Zyklus bildet der Krieg in Jugoslawien, doch versteht Evelyn Schlag es immer wieder, von der konkreten historischen Situation zu Fragen des menschlichen Zusammenlebens überzublenden. Der Bürgerkrieg auf dem Balkan wird dadurch weder verharmlost noch bagatellisiert, sondern wird eingebunden in die Frage, welche Rolle Sprache jenseits der Grenzen von Kunst und Ästhetik haben kann, wie sie den zwischenmenschlichen Schrecken faßbar werden lassen kann. Das Gedicht im Krieg, so sagt Evelyn Schlag vieldeutig, "sucht nach leiseren Wörtern / für den Lärm den die Menschen einander antun".

Titelbild

Evelyn Schlag: Das Talent meiner Frau. Gedichte.
Residenz Verlag, Salzburg 1999.
100 Seiten, 19,40 EUR.
ISBN-10: 3701711933

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:54
Erschienen am:01.11.1999
Lesungen: 10241
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