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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 1999 (1. Jahrgang) » Belletristik
 
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Zum Teil autobiographisch

Das "livealbum" von Benjamin von Stuckrad-Barre

Von Alexander MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Alexander Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Benjamin von Stuckrad Barres Erzählung "livealbum" schildert die Lesereise eines jungen, ehrgeizigen Autors. Angefangen bei einem Auftritt vor einer Gruppe Neunhähriger über das alternative Zentrum hin zur großen Lesung im Theatersaal. Dem Erzähler widerfahren bei dieser Reise viele kurzweilige Erlebnisse, die teils überraschend, teils vorhersehbar sind. So liest man erstaunt von der ersten, sehr unkomplizierten Nacht mit einem Groupie, von Interviewpartnern, die das Buch des Autors nicht gelesen haben, und von den Begegnungen mit anderen Vertretern der Unterhaltungsindustrie, die sich eitel oder abgeklärt-professionell gebärden.

Der Erzähler reflektiert auf dieser Reise über den Zustand des Unterhaltungskünstlers. Sein Auftritt in einer Talkshow, deren Wiederholung er später im Hotelzimmer ansieht, veranlaßt ihn, über sein Image nachzudenken. Bin ich zu dick? Rede ich zu wenig? Wo übernachte ich am nächsten Leseort, und was schickt meine Agentin per Fax dorthin? Den Verriß meiner Lesung oder die nächste Einladung zur Talkshow? Die Hoffnungen und Befürchtungen, die banalen des Alltags oder die großen eines angehenden Künstlers, sie alle treten hier offen zutage. Es zeigt sich, daß der Erzähler um die Gefahren und Absurditäten des Entertainments weiß. Klischees werden umgangen oder anderen als Zitat in den Mund gelegt. Der Erzähler selbst erscheint authentisch. Kommt es dazu, daß sein eigenes Leben gerade einem Klischee entspricht, bemerkt er es und stellt sich selbst bloß. Während seiner Reise und den zahlreichen Zusammentreffen mit Publikum oder Vertretern der Medien erkennt der Erzähler, was man von ihm erwartet:

"Es war schlimm. Für mich war es egal: Als Mitarbeiter der Unterhaltungsindustrie war ich selbstverständlich bereit, ihnen einige Sätze mitzugeben, von allem was, je nach Bedarf, die wollten es eher provokant oder lustig, so schien mir, kein Problem, ich hätte auch den nachdenklichen Zauderer auf Lager gehabt, den verzweifelt Suchenden, und wenn das alles nicht zog, zur Not auch den pöbelnden Defätisten. Ich funktionierte leidlich..."

Der Titel "livealbum" weist auf die Lesereise und auf die scheinbare "live"-Qualität der Erzählung. Antwortet der Erzähler auf die Frage nach der Motivation seines ersten Werks oft mit "zum Teil biographisch", so lockt er damit den Leser, ihm auch hier zu glauben und, teilweise, Autor und Erzähler gleichzusetzen. Denn gelang es Stuckrad-Barre bereits in "Soloalbum", seinem Romandebut von 1998, eine glaubhafte Erzählerinstanz zu schaffen, so kann er nun mit Anspielungen auf den realen Kulturbetrieb und auf seinen eigenen Erfolg den Eindruck der Authentizität noch steigern. So folgt ihm der Leser gern, auch wenn er vom unwirklich anmutenden Auftritt des Freundes (Christian) "Kracht" - der mit "Faserland" 1995 ebenfalls ein aufsehenerregendes Debut feiert - bei einer gemeinsamen Koks- und Lesungsnacht berichtet. Oder wenn er von einer Wette mit abstrusen Tabletten erzählt, die er während einer Talkshow einnehmen soll. Nebenbei möchte er sich wieder über die Gegenwart unterhalten: "Nicht über das Buch, nicht über den Ich-Erzähler, nicht über mich, den Erzähler."

Es ist die große Leistung des Autors Stuckrad-Barre, der Erzählerinstanz, und damit der gesamten Erzählung, Glaubhaftigkeit zu verleihen und dadurch Identifikation zu ermöglichen. Der einzige Schwachpunkt des Erzählers ist, daß er sich bloß durch Abgrenzungen von den anderen Vertretern des Kulturbetriebs definiert. Bei aller Reflexion über die eigene Person bleiben die wahren Auswirkungen des Kulturbetriebs auf ihn unklar.

Titelbild

Benjamin von Stuckrad-Barre: Livealbum.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1999.
254 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN-10: 3462028537

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:55
Erschienen am:01.11.1999
Lesungen: 4835
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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