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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2003 » Fremdsprachige Literatur
 
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Halbiertes Leben

Literatur-Nobelpreisträger Sir V. S. Naipaul erzählt in seinem Roman "Ein halbes Leben" von Entsagung und Entfremdung

Von Anette MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anette Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Willie Somerset Chandrans Vater hätte bewusst sein müssen, dass sein noch ungezeugter Sohn in seinem Leben keine Chance haben würde, als er, Willies zukünftiger Vater und ein gebildeter Brahmin der obersten Kaste der indischen Gesellschaft, Gandhis Aufforderung folgte, der materialistischen und ehrgeizzerfressenen Welt entsagte und eine verarmte junge Frau der niedrigsten Kaste, noch dazu Tochter eines politisch Radikalen, heiratete. Willie Somerset Chandran, der Protagonist in Sir V.S. Naipauls "Ein halbes Leben", muss früh begreifen, dass er aufgrund seines Vaters keinerlei Chance in der indischen Gesellschaft hat. In den 50er Jahren geht er nach London, getrieben von dem Wunsch, durch ein Literaturstudium etwas aus sich zu machen.

Von einem Dasein als Schriftsteller träumend, muss Willie sich bald der Realität der "Kolonialen" in dem Land der ehemaligen Kolonialmacht stellen - er ist in der Metropole London nicht unbedingt gern gesehen. Er veröffentlicht ein Buch mit Kurzgeschichten, das niemand lesen will, sucht erfolglos-verzweifelt sexuelle Abenteuer und fühlt sich fremd in seiner neuen Welt.

Er trifft schließlich Ana, eine portugiesische Afrikanerin oder afrikanische Portugiesin, und geht mit ihr in ein ungenanntes afrikanisches Land. Zusammen leben sie achtzehn Jahre lang in den Siedlungen der Mulatten-Arbeiter, doch Willie bleibt hin- und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach der alten Welt der Londoner Metropole und der afrikanischen Welt, der er sich ebenfalls nicht zugehörig fühlt: Willie ist ein zweifach Heimatloser, zweifach Entfremdeter, ein zweifach zwischen den Welten Verlorener.

Sir V. S. Naipaul, der Doyen der literarisch Entwurzelten, zeichnet in "Ein halbes Leben" den Wahnsinn eines postkolonialen Daseins in der Diaspora nach, das von Entfremdung und Sinnentleerung geprägt ist, von der Unmöglichkeit, in Freiheit eine neue Gesellschaft heranwachsen zu sehen, kurz: von dem nicht enden wollenden Trauma der ehemalig Kolonisierten. Er berichtet aber auch aus dem Leben eines erotisch Unfähigen, der, wie er selbst erkennt, mit keinerlei sexuellen "Talenten" geboren wurde, sondern zu einem Leben verurteilt ist, das ihn an Frauen hilflos herumfummeln lässt - doch die Rettung kommt, wenn auch spät, als Graça in Willies Leben tritt. Die Liebe ist zwar zum Scheitern verurteilt, da beide mit anderen Partnern verheiratet sind, doch Willie entdeckt, was sexuelles Verlangen ist.

Ein Happy End verweigert Naipaul dem Leser - "Ein halbes Leben" bleibt unvollendet. Willie ist 41 Jahre alt, als er zurück nach Indien geht, um seine Schwester zu besuchen. Der Roman bleibt so offen wie Willies Leben - und lässt den Leser unbefriedigt zurück: Die Jahre sind vergangenen, aber angekommen ist Willie nicht, und so bleibt "Ein halbes Leben" eine Sammlung von Begebenheiten und Anekdoten aus dem Leben des Willie Somerset Chandran - nicht mehr. Was eine Schande ist.

Titelbild

V. S. Naipaul: Ein halbes Leben. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Roth und Dirk van Gunsteren.
Claassen Verlag, München 2002.
222 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-10: 3546003063

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:41
Erschienen am:01.02.2003
Lesungen: 2979
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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