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 literaturkritik.de » Nr. 2, Februar 2003 » Lyrik
 
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Wenn die Hoffnung vergeht

Hilde Domins späte Gedichte blühen trotzdem

Von Britta Waltmans

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Baum blüht trotzdem
Immer haben die Bäume
auch zur Hinrichtung geblüht

Lange hat sich Hilde Domin für ihren neuen Gedichtband Zeit gelassen. Über zehn Jahre sind seit ihrer letzten Veröffentlichung vergangen. Pünktlich zum 90. Geburtstag der Dichterin erscheint nun ein neuer Band, dich sind nicht alle Gedichte darin neu. Einige sind den Bänden "Ich will dich" und den "Gesammelten Gedichten" von 1987 entnommen. So vermischt sich Altes mit Neuem. Den Gedichten scheint es gut zu tun, denn so tragen sie keinerlei Anzeichen von Massenproduktion, sondern zeugen von Liebe zum Wort und viel Geduld.

Hilde Domins lyrisches Lebenswerk fällt vergleichsweise schmal aus, jedoch wiegt es um so schwerer. Ihr Stil ist einfach und knapp, niemals verliert sie sich in steilen Metaphern, und dennoch erscheinen ihre Gedichte nicht karg oder schmucklos. Hilde Domin hat das Talent genau die richtige Länge für ein Gedicht zu treffen. In allen bisherigen Werken trug die Lyrikerin einen unaufhaltsamen Optimismus zu Tage, dem trotz ihrer schwierigen Biographie und der Jahre im Exil nichts etwas anhaben konnte. Hilde Domin begann erst mit 40 Jahren zu schreiben, suchte seither jedoch die Heimat und, Marcel Reich-Ranicki zufolge, auch die Erlösung stets im Wort: "wegen dieser Ungewissheit, die anfängt, wo das Wort aufhört". Und auch in ihren theoretischen Schriften "Wozu Lyrik heute?" behandelt Hilde Domin das "Gedicht als Augenblick der Freiheit", als etwas Unkontrollierbares, Ehrliches. Sie will den Menschen im Leser zu Tage bringen und ihn zum Leben auffordern.

Erst in ihrem nun erschienenen Spätwerk scheint die Dichterin etwas von ihrem früheren Optimismus verloren zu haben: Der Tod rückt als Thema auch in den Gedichten näher. Denn "gestorben wird auch an blauen Tagen, bei jedem Wetter und auch an blauen Tagen bricht das Herz". Wird hier der Hoffnung eine Absage erteilt? Nicht ganz, aber doch ein wenig.

In eine Schublade stecken lässt sich Hilde Domin jedenfalls nicht. Sie erscheint dem Leser wandlungsfähig, Persönliches, Poetisches und Politisches lassen sich nicht immer leicht trennen. Die Gedichte stecken voller Emotionen, lassen aber ebenso deutlich viel Lebenserfahrung erkennen. Wie kaum eine andere Lyrikerin vermag Hilde Domin es, im richtigen Moment die passenden Worte aus dem unendlichen Strom der Gedanken zu fischen und zu Papier zu bringen. So ist ein neuer Gedichtband entstanden, der zwar sehr nachdenklich ist, aber für jeden Lyrikfreund einfach lesenswert.

Titelbild

Hilde Domin: Der Baum blüht trotzdem. Gedichte.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1999.
90 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3100153227

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:43
Erschienen am:01.02.2003
Lesungen: 24851
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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