Wen kümmert's, wer spricht?

Über die Taschenbuchausgabe von Javier Marías' Roman "Schwarzer Rücken der Zeit"

Von Gunnar KaiserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Gunnar Kaiser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im letzten Herbst erschien der neue Roman von Javier Marías in Spanien. Im deutschsprachigen Raum müssen sich Liebhaber des Autors währenddessen mit einer Übersetzung eines bereits dreißig Jahre alten Marías-Romans begnügen. Oder sie greifen zur Taschenbuchausgabe des letzten Romans "Schwarzer Rücken der Zeit", der vor zwei Jahren erstmals auf Deutsch erschienen ist. Die (erneute) Lektüre dieses zwischen Autobiographie und Erzählung schwankenden Werks macht im Rückblick deutlich, wohin Marías seine erzählerischen Wege gelenkt hat. Der preisgekrönte Autor, der u. a. Lawrence Sterne ins Spanische übersetzt hat, übt sich in verstärktem Maße in der Kunst des Abschweifens, der Digression, in Umwegen. Fruchtbar jedoch, so scheint es, sind diese Wege kaum noch.

Gleich zu Beginn versucht er, vielleicht im Bewusstsein der Schwächen seines Romans, sich gegen alle Kritik unangreifbar zu machen, indem er deren Hauptpunkte offenherzig vorwegnimmt: "Im Unterschied zu den eigentlichen literarischen Fiktionen sind die Elemente der Erzählung, die ich jetzt in Angriff nehme, völlig zufällig und willkürlich, rein episodisch und akkumulativ - nichts passt zusammen, so die schülerhafte Formel der Kritik, beziehungsweise kein Element würde des anderen bedürfen -, denn im Grunde lenkt sie kein Autor [...], sie entsprechen keinem Plan noch folgen sie einer Richtung". In der Tat: Ein besonders ausgeklügelter Plan, eine Orientierung gebende Richtung ist nicht zu erkennen. Das Einzige, was das Erzählen hier noch zusammenhält, ist die reale Person des Autors und seine Gedanken über den "schwarzen Rücken der Zeit". Wie auch bei den vorhergehenden Romanen bedient sich Marías' Titelgebung eines Shakespeare-Zitats, diesmal aus dem "Sturm". Dieser "dark back of time" soll eine nicht real entstandene, aber fiktiv mögliche Zeit bezeichnen. Es geht dem Autor um eine angenommene Zeit, eine nicht gerechnete, nicht gezählte Zeit - eine Zeit der Dinge, die nicht geschehen sind. Eindrucksvoll leistet er das in seinen Fantasien über das Schicksal seines mit dreieinhalb Jahren verstorbenen Bruders Julianín, den er selber nicht gekannt hat. Javier Marías hat sich die nicht eben unbescheidene Aufgabe vorgenommen, dem Toten "eine unerwartete und ferne Form von Nachwelt" zu sein, sie im Schreiben zu bilden.

Dem sich philosophisch gebenden Sprachduktus des Maríasschen Erzählens gelingt das auch z. T. recht gut. Allerdings droht das, was in "Mein Herz so weiß" eher im Hintergrund blieb und sich mit der Handlung harmonisch vereinte, nun überhand zu nehmen. Vor allem die Erzählung dessen, "was im Zusammenhang mit der Niederschrift und Verbreitung eines Romans, einer literarischen Fiktion, geschehen ist oder in Erfahrung gebracht oder auch nur gewußt wurde", die den größten Teil des Romans einnimmt, kommt als eine relativ ermüdend zu lesende Abhandlung über das Verhältnis von Fiktion und Realität daher. Das Buch, dessen Erscheinen in bestimmten Kreisen einen so großen Wirbel verursacht hat, dass Marías sich in der Lage sah, über diesen Wirbel einen ganzes Werk zu schreiben und ein weiteres anzukündigen, ist der in Oxford spielende Roman "Alle Seelen". Dessen Figuren werden hier auf großen Strecken erneut vorgestellt. Noch dazu erfahren wir - was auch amüsant sein kann - von den Reaktionen der vermeintlichen Vorbilder dieser Figuren.

Aber für wen, außer für Marías selbst, sollen diese raumgreifenden Passagen von Wert sein? Zumal es den Leser ja auch nicht immer kümmert, wer spricht und unter welchen Umständen er dies tut oder tat. Der Eindruck entsteht, es handle sich hier um nichts weiter als eine etwas unergiebige Selbstbespiegelung, aber nicht um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Grundbedingungen der eigenen literarischen Produktion. Dass er das selber weiß, macht die Lektüre nicht angenehmer: "Es ist gewiß nicht weiter bedeutsam, auch nicht schwerwiegend oder dringlich." Das allein wäre ja noch nicht schlimm, aber dann will man wenigstens gut unterhalten werden. Dies zu gewährleisten, gelang Javier Marías vor drei Jahren immer weniger. Es bleibt die Frage, ob er in seinem neuesten Roman wieder zur alten Könnerschaft gefunden hat.

Titelbild

Javier Marias: Schwarzer Rücken der Zeit.
Übersetzt aus dem Spanischen von Elke Wehr.
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2002.
362 Seiten, 11,50 EUR.
ISBN-10: 3423130180

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