Daniel und die Löwengrube

Rosemarie Pfluger portraitiert den Diogenes-Verlag

Von Oliver GeorgiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Georgi

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Verlag des Jahres" ist er 2002 geworden, gekürt bereits zum sechsten Mal von Buchhändlerinnen und Buchhändlern im Branchenblatt "BuchMarkt" - im gleichen Jahr, in dem er bereits sein 50jähriges Jubiläum feierte: der Zürcher "Diogenes Verlag". Fast mag man das Alter des Jubilars nicht glauben, reiht er sich damit doch ein in die Reihe ebenso honoriger, dabei aber ungleich traditioneller und "erlauchter" wirkender Häuser wie Suhrkamp oder S. Fischer. Keine Frage: Wohl kaum ein Verlag wirkt auch nach 50 Jahren noch so frisch und spritzig und zeigt Jahr für Jahr ein so unvergleichlich gutes Gespür für wertvolle Neuerscheinungen. Bis heute gilt für Verleger Daniel Keel nur ein einziges Motto bei der Veröffentlichung - jenes Voltaires: "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht!" Und so gilt Diogenes heute als größter rein belletristischer Verlag Europas - mit einer Erfolgsquote, von der viele Konkurrenten nur träumen können. Der Literaturbegriff des Hauses sei durch den angelsächsischen "common sense" geprägt, so schrieb die Frankfurter Rundschau einmal; und in der Tat: Diogenes legt weit mehr Wert auf literarischen Witz und Unterhaltungswert als andere Verlage - ohne jedoch ins Banale und allzu Populäre abzugleiten. Daniel Keel und seinen Mitarbeitern gelingt seit Jahrzehnten das Kunststück, "Lesefutter weit oberhalb des gängigen,fast food' und meist unterhalb der jeweiligen ,nouvelle cuisine' der Hochliteratur" bereitzustellen - ein stupendes Erfolgsrezept, das durch weltbekannte Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Urs Widmer, John Irving, Patrick Süskind, Paulo Coelho, Patricia Highsmith oder auch Bernhard Schlink eindrucksvoll belegt wird.

Zum 50-jährigen Jubiläum von Diogenes hat die Journalistin Rosemarie Pfluger den Verlag besucht und in einem Fernsehbeitrag portraitiert: "Von Büchern und Menschen", so verspricht Pfluger, spüre der Verlagsgeschichte mit ihren Krisen und Höhepunkten nach und versuche "im Dialog mit Autoren dem Erfolgsgeheimnis des Diogenes Verlags auf die Spur zu kommen" - ein Vorhaben, dass der Autorin auf spannende und unterhaltende Art sehr gut gelingt.

So erzählt der Verleger Daniel Keel beispielsweise ganz unprätentiös von seiner Motivation zur Diogenes-Gründung: es gab keine. Er, der bis 1952 als Buchhändler gearbeitet hatte, habe lediglich nicht mehr jeden Morgen in die Buchhandlung gehen wollen. Und so beschloss Keel, materiell gestützt durch eine Bürgschaft seines Vaters, ein erstes Buch zu drucken: einen Band von Ronald Searle. Schon dieser erste "Diogenes"-Band lässt jene Affinität Keels zu gleichermaßen humoristischen wie kritischen Karikaturisten aufscheinen, die den Verlag seither ausgezeichnet und geprägt hat: Zeichner wie Paul Flora, Loriot, Sempé oder auch Tomi Ungerer sind bis heute eine feste Größe im Programm.

Rosemarie Pflugers Portrait findet die richtige Mischung von Information und Anekdote. Zum Beispiel jene, dass Loriot, der von dem neuen Schweizer Verlag gehört hatte und zu einem Gespräch mit Keel nach Zürich gereist war, den Verleger nicht etwa in einem weiträumigen Verlagsgebäude antraf, sondern in einem kleinen Mietzimmer in dessen Privatwohnung. Die Verlagsmanuskripte, so berichtet Loriot im Interview mit Pfluger, habe Daniel Keel unter dem Bett aufbewahrt.

Im literarischen Bereich waren es vor allem die angelsächsischen Autoren, die Keel schon von Beginn an förderte. Zwar habe er eigentlich nur deutsche Autoren verlegen wollen, aber anfangs nur wenige gefunden - dann allerdings auch so wichtige wie Alfred Andersch. Gleichwohl blieben die deutschsprachigen Autoren damals bis heute in der Minderzahl. Und auch die Schweizer Autoren könne man, so Pfluger, "an einer Hand abzählen" - eine Tatsache, die Daniel Keel nach eigener Aussage oft zum Vorwurf gemacht wurde. Doch Keel wäre nicht Keel, antwortete er nicht in seiner unnachahmlichen Art: "Es ist mir doch egal, ob ein Autor in Solothurn wohnt oder in Leipzig - mich müssen die Bücher überzeugen!"

Zusammen mit seinem Freund und Geschäftspartner Rudolf C. Bettschart, den er schon seit Kinderzeiten kennt, führt Daniel Keel den Verlag - mit klar getrennten Aufgabengebieten, wie oft gesagt wird: Keel sei für das Lesen, Bettschart für die Finanzen zuständig. Doch trotzdem sind es wohl beide Verleger, die gemeinsam das Verlagsprofil prägen - und sich bei aller Gemeinsamkeit oft auch über das Programm in die Haare geraten und "rote Köpfe bekommen wie die Hähne" (Bettschart). So beispielsweise in der Frage, ob man erlesene Klassiker nach allseits bekanntem Vorbild verlegt und somit an Verlagsprofil verliert, oder ob man auf unbekannte Autoren setzt (wie in der Diogenes-Reihe "Löwengrube"), die "still in den Regalen verstauben" (Pfluger). Hatte der Verlag durch diese Betonung unbekannter Autoren auch oft mit Misserfolgen zu kämpfen, so ist er heute doch enorm erfolgreich - nicht zuletzt durch die 1971 ins Leben gerufenen Diogenes Taschenbücher, die dem Verlag mit ihrem schlichten, trotzdem unnachahmlichen Design Profil und Identität in den Buchhandlungen geben wie kaum eine andere Reihe in deutschen Verlagen (vergleichbar ist eventuell das insel taschenbuch). So durchgreifend ist die Identitätsbildung des Verlages durch seine weiße Taschenbuchreihe, dass der NDR einmal schrieb: "Der Diogenes Verlag ist zur Zeit für mich der Verlag, nach dessen Produkten ich in Bahnhofsbuchhandlungen blind greife, wenn ich nur zwei Minuten Zeit für einen Kauf habe, aber keinesfalls ohne Buch zum Zug eilen will."

Die Stärke des Verlages, so arbeitet Rosemarie Pfluger sehr deutlich heraus, besteht auch und vor allem in Keels Reaktionsfähigkeit auf Neues: So machte den Verleger ein Kinobesuch von Hitchcocks "Strangers on a train" auf die Romanvorlage von Patricia Highsmith aufmerksam. Keel verhandelte mit Rowohlt, erwarb die deutschen, später sogar die Weltrechte - ein Coup, der dem Verlag bis heute mit unzähligen Kriminalromanen auf der Backlist zum Erfolg verhilft. Ebenso feines Gespür bewies Keel beim berühmten Regisseur Fellini, dessen Aufsätze er zufällig las - und auch ihn bewegte der Verleger zur Zusammenarbeit mit Diogenes. Fortan druckte Keel die Drehbücher Fellinis - mit nicht immer überwältigendem, doch zumindest zufriedenstellendem Erfolg. Und auch Fellinis guter Freund - Georges Simenon - zählte schon bald zu den Diogenes-Hausautoren, die Kriminalgeschichten um Kommissar Maigret gehören seitdem zu Klassikern des Krimigenres.

Zu Friedrich Dürrenmatt, wohl dem bekanntesten der Diogenes-Autoren, verband Daniel Keel eine ganz besondere Beziehung: Er verehrte den Schriftsteller und edierte als erster Dürrenmatts Zeichnungen in einem Bildband - lange vor den dichterischen Werken. Friedrich Dürrenmatt kommentiert dies im Film als Tat des "vollkommen verrückten" Keel. Doch auch in diesem Fall führte Keels auf den ersten Blick vielleicht etwas abseitig scheinende "Taktik" zum Erfolg: Eines Tages rief Dürrenmatt bei Keel an und fragte "in breitestem Berndeutsch": "Willst Du mich?" Keel sagte zu, Dürrenmatt wechselte vom Arche Verlag zu Diogenes, und Autor und Verleger arbeiteten fortan "wie in einer Ehe" zusammen - als Geschäftspartner, vor allem aber auch als sehr enge Freunde.

Doch Rosemarie Pfluger zeigt - und das macht ihr Portrait so informativ und spannend - nicht nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseiten und Misserfolge des Verlags. 1982 der Krach: Cheflektor Haffmanns verlässt Diogenes wegen Unstimmigkeiten mit Daniel Keel und gründet einen eigenen Verlag. Im Interview zeichnet er das andere, ungewohntere Bild Keels: Er sei stur und wolle als Verlagsleiter nicht belehrt, sondern eher hofiert werden. Aber: gleichzeitig betont Haffmanns ohne jede Feindschaft, dass ein personal geführter Verlag wie Diogenes eine charismatische Verlegerfigur brauche. Und in der Tat: eine Leitungsfigur, die alle Fäden in der Hand hält und in jedem Stadium des Verlagsprozedere überwacht und eingreift, ist gerade bei erfolgreichen Häusern wie beispielsweise Suhrkamp mit seinem kürzlich verstorbenen Leiter Siegfried Unseld zu beobachten. Jene charismatischen Verleger zeichnen traditionelle Häuser aus und tragen entscheidend zum langfristigen Verkaufserfolg bei. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die "alte Schule" des Verlagswesens, die "Verlegerverlage", von den aufstrebenden, mehr unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführten Konzernverlagen, wie Urs Widmer im Gespräch mit Rosemarie Pfluger konstatiert. Nicht zuletzt deshalb gilt die Störrigkeit und Konsequenz, auch unwirtschaftlich erscheinende Bücher zu verlegen, bei Diogenes als eines der Erfolgsrezepte.

"Ein Verlag, der Humoristisches druckt, wird gern als leichtgewichtig taxiert", so heißt es an einer Stelle im Portrait. Ein Vorwurf, den Daniel Keel in beißender Ironie entkräftet: "Die deutsche Mentalität hat's gern ernst, abstrakt und unverständlich - bis zur Unlesbarkeit, dann ist es wohl ,ernste' Literatur. Wenn es lesbar ist, dann ist es wohl keine gute Literatur - das ist Blödsinn! Für mich ist Humor eine Lebenshaltung!"

Da kann man dem Verleger nur beipflichten und dankbar dafür sein, dass ein Verlag wie Diogenes sich nicht ausschließlich an der intellektuellen Schwere der Gedanken orientiert, sondern sich die oft vernachlässigte Verbindung von Geist und Humor auf die Fahne schreibt. Denn: Wozu Literatur, wenn nicht auch dafür, dass die Beschäftigung mit ihr unterhält und Spaß macht? Wie schrieb der "Münchner Merkur" einmal: "Was wir alles nicht hätten, wenn wir ihn nicht hätten: den Diogenes Verlag."

Titelbild

Daniel Keel / Winfried Stephan / Daniel Kampa (Hg.): Fünfzig Geschichten aus fünfzig Jahren.
Diogenes Verlag, Zürich 2002.
864 Seiten, 5,00 EUR.
ISBN-10: 3257233337

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Tintenfass. 50 Jahre Diogenes. Jubiläumsausgabe.
Diogenes Verlag, Zürich 2002.
575 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-10: 3257220502

Weitere Informationen zum Buch

Kein Bild

Von Büchern und Menschen. Diogenes - ein Verlagsporträt von Rosemarie Pfluger. Videocassette.
Diogenes Verlag, Zürich 2002.

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