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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2003 » Deutschsprachige Literatur
 
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Familienbriefe

Gerhard Henschels Roman "Die Liebenden"

Von Sabine teHeesen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Tragik entwickelt sich nicht selten aus dem Automatismus der Lebensplanung in der Wirtschaftswunderzeit: Beruf ausüben, Heiraten, Kinder großziehen und Wohlstand schaffen. Daraus auszubrechen bedeutet Scheitern und Scheitern ist Sünde. Jahrzehnte später hinterlässt dieser Automatismus Trümmer und Reue, er wirkt absurd und abgestanden.

Gerhard Henschels Roman erzählt eine Familiengeschichte von 1940 bis 1993, hauptsächlich anhand von Briefen. Aber auch Anzeigen, medizinische Berichte und Geschäftsbriefe sind wichtige Bausteine der Handlung. Das Paar Ingeborg Lüttjes und Richard Schlosser stellt die Hauptfiguren der Erzählung: 1954 heiraten sie, bauen ein gemeinsames Leben auf, immer wieder räumlich getrennt schreiben sie sich und anderen Briefe, in denen man viel über offene und verborgene Ängste, Trauer und Freuden erfährt.

Zunächst wirkt der Roman ungeordnet, weil die Briefe in scheinbar loser Folge hintereinander stehen, doch bilden sie eine wunderbare Komposition, deren Reiz sich auch diejenigen kaum entziehen können, die Briefromane ansonsten verschmähen. Das Genre des Briefromans ist dem Erzählten angemessen: Die Liebenden treten hier als Schreibende auf, sie berichten einander Dinge, die wohl nur in Briefen mitteilbar sind: Zu banal für die Geschichtsbücher oder die Zeitung, zu bedeutungsvoll, um nicht gesagt zu werden. Sie sind sehr persönliche Dokumente, die der Autor absolut überzeugend präsentiert.

Vielleicht wären all diese Geschichten längst vergessen, wären sie nie durch Briefe auf den Weg gebracht worden. Doch es ist klar, dass sich das Leben, wie es hier präsentiert wird, längst in den Menschen festgeschrieben hat und diese Geschichte zwar einzigartig ist, doch an einzelnen Eckpunkten einen Modellcharakter besitzt, der einer psychologischen Fallstudie gleichkommt. Henschel hat damit ein unglaublich rührendes und gleichzeitig entlarvendes Buch geschrieben, geprägt von der Perspektive der Nachkriegsgeneration.

Die Sprache ist sehr behutsam gewählt: Jede Person hat ihre sprachlichen Eigenheiten, der Ausdruck ist einfach und doch literarisch, die Lektüre ein großer Genuss.

Titelbild

Gerhard Henschel: Die Liebenden. Roman.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2002.
752 Seiten, 25,90 EUR.
ISBN-10: 3455031706

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:50
Erschienen am:01.04.2003
Lesungen: 2378
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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