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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 1999 (1. Jahrgang) » Schwerpunkt: Nihilismus » Nihilismus und Philosophie
 
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Vom Jammer des Lebens

Michael Hauskellers Einführung in die Ethik Schopenhauers

Von Melanie Witte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Wenn die Welt nicht etwas wäre, das, praktisch ausgedrückt, nicht seyn sollte; so würde sie auch nicht theoretisch ein Problem seyn." Arthur Schopenhauers Philosophie nimmt ihren Ausgangspunkt in einer existenziellen Beunruhigung. Es ist das Wissen um den Tod und die Erfahrung, daß überall Leiden ist, was ihm die Welt vollkommen sinnlos, ja geradezu absurd erscheinen läßt. "Unser Zustand ist ein so elender, daß gänzliches Nichtseyn ihm entschieden vorzuziehen wäre."

Die Empörung über die Beschaffenheit der Welt ist moralischer Natur. Für Michael Hauskeller bildet die Ethik daher das eigentliche Zentrum von Schopenhauers Philosophie. Hauskeller verfolgt mit seinem schmalen Buch "Vom Jammer des Lebens" gleich zwei Ziele: Zunächst gibt er eine Einführung in die Schopenhauersche Ethik, im letzten Abschnitt macht er es sich zur Aufgabe, diese für die gegenwärtige Ethikdiskussion "fruchtbar zu machen".

Von einer Einführung darf man erwarten, daß sie die Grundzüge der Ethik Schopenhauers deutlich und in einer auch dem philosophischen Anfänger verständlichen Art und Weise herausarbeitet. Dieser Anforderung wird Hauskeller im großen und ganzen gerecht, zumal sein Text nachvollziehbar strukturiert und klar formuliert ist. Zu bemängeln bleibt jedoch, daß den immerhin nicht wenigen lateinischen und griechischen Wendungen keine Übersetzung beigefügt ist.

Das zweite Vorhaben Hauskellers erweist sich als schwieriger. Schopenhauers Ethik muß tatsächlich "fruchtbar" gemacht werden, sie ist es nämlich augenscheinlich nicht. Die Grundlage jedes echten moralischen Handelns findet Schopenhauer im Mitleid. Mitleid aber, sagt er, hat man oder hat man nicht, man kann es weder lernen noch lehren. Die Ethik Schopenhauers ist denn auch bloß deskriptiv, Handlungsanweisungen sind ihr nicht zu entnehmen. Beim Versuch, das Mitleid metaphysisch zu begründen, stellt sich überdies heraus, daß der mitleidig Handelnde halb im Irrtum befangen bleibt: Wer konsequent den metaphysischen Standpunkt einnimmt, erkennt nämlich, daß es ein und derselbe Wille ist, der sich in jedem Lebewesen und in der ganzen unbelebten Welt objektiviert. Damit fallen Täter und Opfer immerzu in eins. Und da jeder seinem Wesen nach ist, was er will, so trägt er außerdem selbst die ganze Schuld an seinem Zustand. Wer das Leben bejaht, bejaht auch das Leiden. Wer dagegen den Willen zum Leben verneint, der ist auf dem richtigen Weg, denn in der Verneinung des Willens entdeckt Schopenhauer den wahren Sinn des Lebens. Dem Verneinenden ist das Leiden in der Welt nun aber herzlich gleichgültig. Weil Schopenhauer sein System konsequent zu Ende denkt, mündet, was als Empörung begann, in moralischer Indifferenz und in der Negation des Leidens.

Inwiefern also lässt sich Schopenhauers Ethik gewinnbringend in die aktuelle Ethikdiskussion einbringen? Hauskeller schickt nicht das ganze System Schopenhauers ins Rennen, sondern betont lediglich einzelne Erkenntnisse, die ihm wertvoll erscheinen. Zunächst verwirft er die metaphysische Erklärung moralischen Handelns und stellt erneut das Mitleid ins Zentrum der Ethik. Daraufhin wendet er sich gegen neuere Ansätze, welche die Ethik rational zu begründen versuchen. Hauskeller argumentiert mit Schopenhauer für eine Ethik der Erfahrung, "denn daß etwas ein Unrecht ist, wissen wir ja allein, weil und insofern wir es als Unrecht erfahren". Zwar erkennt er durchaus, daß "die Ethik nicht bei den moralischen Erfahrungen stehen bleiben kann", doch gelangt er selbst nicht darüber hinaus. Am Ende seines Essays steht eine einzige Aufforderung: Erkenne dich selbst! "Vielleicht habe ich ja mehr Mitleid in mir, als ich weiß." Mit seinem wenig überzeugenden Vorschlag zur Verbesserung der Menschheit erweist sich Hauskeller freilich als Optimist. Wirklich unbefriedigend an diesem Beitrag zur gegenwärtigen Ethikdiskussion ist jedoch, daß sich die zur Veranschaulichung angeführten Beispiele überhaupt nicht mit den wirklich brennenden Fragen decken. Ein zeitgemäßer Beitrag zur Ethik muß sich aber an den aktuellen Problemstellungen bewähren. Solange Ethiker nur über Kindstötung, Tierquälerei und das Abholzen dreihundertjähriger Eichen sinnieren, ist gar nichts gewonnen.

Titelbild

Michael Hauskeller: Vom Jammer des Lebens. Einführung in Schopenhauers Ethik.
Verlag C. H. Beck, München 1998.
135 Seiten, 9,10 EUR.
ISBN-10: 3406420745

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:09:56
Erschienen am:01.11.1999
Lesungen: 10567
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