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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2003 » Fremdsprachige Literatur
 
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Ein Streichholz im Pulverfass

Javier Marías' Roman "Der Gefühlsmensch"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Javier Marías haben wir als äußerst vielstimmigen Autor kennengelernt - als philosophisch ambitionierten Romancier, als polemisch-humorvollen Essayist, als pointierten Kolumnist, als leidenschaftlichen Fußballfan und zuletzt (in seinem bereits 30 Jahre alten Roman "Die Reise über den Horizont") sogar als unterhaltsamen Anekdotenerzähler.

Auch der nun erschienene Roman "Der Gefühlsmensch" hat schon einige Jahre auf dem Buckel, wurde 1986 fertig gestellt und lag schon einmal als deutsche Übersetzung bei Piper vor. Allerdings vor der Zeit, als ihm durch das "Literarische Quartett" für seinen Roman "Mein Herz so weiß" (1996) ein Platz in der Walhalla der Weltliteratur zugewiesen wurde und er (im wahrsten Sinne des Wortes) über Nacht zu einem der Stars auf dem deutschsprachigen Buchmarkt avancierte.

Zunächst quält man sich über die ersten Seiten des Buches, durch die Selbstreflexionen eines Opernsängers, dessen Gedanken so verschachtelt und ausschweifend sind wie Marías Satzbau. Der Protagonist singt an internationalen Opernhäusern, hält seinen Beruf aber für "einen der traurigsten und einsamsten, den es gibt". Er vergleicht seine Entwurzelung, sein ständiges Reisen und die vielen Hotelaufenthalte mit dem traurigen Dasein der Vertreterzunft.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Hauptfigur durch eine Zugfahrt aus der Lethargie gerissen wird. (Im Nachwort erfahren wir vom 51-jährigen spanischen Erfolgsautor, dass eine Zugreise von Mailand nach Venedig die Inspiration zu diesem Roman entfachte.) Der Sänger teilt sein Abteil mit einem ihm unbekannten Trio. Stumm sitzen sie vis à vis, aber der Opernsänger beobachtet die Mitreisenden, beschreibt minutiös jede Regung, jedes Zucken der Gesichtsmuskeln und versucht, daraus Rückschlüsse auf das Innenleben zu ziehen.

Die fremden Personen sind die mysteriöse und melancholische Natalia Manur, ihr steinreicher aus Belgien stammender Ehemann und dessen untertäniger Begleiter Dato, der den Gesellschafter und Aufpasser für Natalia in Personalunion verkörpert. Bei einer Probe zu Verdis "Othello" trifft sich das Quartett in Madrid wieder.

Nach der ersten persönlichen Begegnung mit Natalia hat der Opernsänger Feuer gefangen, das vollends entfacht wird, als er vom Diener Dato erfährt, dass die Manurs eine höchst unglückliche, nur noch als Zweckgemeinschaft funktionierende Ehe führen. Der Protagonist würde am liebsten mit Dato tauschen, als der ihm erklärt: "Sie beklagen sich über ihre Einsamkeit, ich dagegen beklage mich über meine Gesellschaft." Eine traurige, zur Vorzeigepuppe degradierte Frau zappelt plötzlich in einem Beziehungsgeflecht zwischen drei Männern und spürt (vielleicht zum ersten Mal), dass sie wirklich begehrt wird.

Zwischen Bankier Manur und dem Opernsänger entwickelt sich ein hochexplosives emotionales Gemisch aus Eifersucht und Hass. Javier Marías erzeugt mit diesem vordergründig handlungsarmen Roman Spannung, die sich ausschließlich aus dem Innenleben der Figuren speist - der vor Leidenschaft rasende Opernsänger, die aus ihrer Melancholie auftauende Natalia, der kühl-ignorante Dato, der seine Rolle als Aufpasser (und Liebhaber?) nur als gut bezahlten Job sieht; schließlich der erfolgreiche Geschäftsmann Manur, der eine drohende, tief verletzende Niederlage vor Augen hat.

Der Opernsänger verlässt tatsächlich als "Sieger" die Erzählbühne und befreit Natalia aus Manurs Fängen. Aber damit lässt es Javier Marías nicht bewenden, er arrangiert auch noch einen dramatischen Abgang für den "Verlierer" - ganz so wie in den großen Opern. Ein großes Szenario der Leidenschaften, als würde man ein brennendes Streichholz in ein Pulverfass werfen. Mit der Lektüre des "Gefühlsmensch" ist es wie mit einem Dieselmotor. Am Anfang bleibt der rasante Start aus, sogar ein schwerfälliges, leicht dissonantes Stottern ist zu vernehmen, aber wenn er richtig auf Touren kommt, gibt es kaum noch ein Halten.

Titelbild

Javier Marias: Der Gefühlsmensch. Roman.
Übersetzt aus dem Spanischen von Elke Wehr.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2003.
188 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3608934375

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:52
Erschienen am:01.04.2003
Lesungen: 3335
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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