Geburt als Skorpion, Tod als Papiertiger

Heinz Ludwig Arnolds Feature über die Gruppe 47

Von Doris BetzlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Doris Betzl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie war keine homogene Vereinigung, sie wurde nie offiziell gegründet und ihr Ende vollzog sich schleichend. Doch zwanzig Jahre lang war die Gruppe 47 mit ihrem "Häuptling" Hans Werner Richter Deutschlands wichtigste Instanz zur Kritik junger Literatur - trotzdem oder gerade deshalb? Heinz Ludwig Arnold, Herausgeber der Zeitschrift "Text + Kritik" und des "Kritischen Lexikons zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", zieht in seinem Hörstück den zweiten Schluss: gerade darum. Die Gruppe 47 hat bis heute Einfluss auf die deutsche Literaturlandschaft, ob in Gestalt der von ihr früh prämierten Autoren wie Günter Grass, Martin Walser und Ilse Aichinger, oder durch ihre Literaturkritiker, unter ihnen Marcel Reich-Ranicki als der bekannteste.

Die besondere Gestalt der Gruppe machte ihren Erfolg aus. Sie entwickelte sich aus einem Freundeskreis junger Literaten und Journalisten, ohne offizielle Satzung, mit nur zwei festen Vorgaben: Hans Werner Richter lädt ein und: keine Grundsatzdiskussionen. Die Kommunikationsform der Unmittelbarkeit hatte ihren Ursprung in der Mangelsituation zwei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Papier war knapp, Schreibmaschinen ebenso. Was lag näher zum Vorhaben, eine Nachfolgezeitschrift des von Richter und Alfred Andersch herausgegebenen "Ruf" zu gründen, als sich schlicht und pragmatisch an einem Ort zusammen zu finden? "Der Skorpion" sollte die Zeitschrift heißen, die Richter vorschwebte. Sechzehn Gäste Hans Werner Richters lasen sich im September 1947 am Bannwaldsee gegenseitig ihre Manuskripte für die erste Ausgabe vor. Die Zeitschrift kam über eine Nullnummer nie hinaus, doch ein jährlich stattfindendes dreitägiges "Fest namens Gruppe 47" wurde zur Tradition. Rituale entwickelten sich wie von selbst - stets wurde ein noch unveröffentlichtes Manuskript gelesen, eine spontane kritische Diskussion folgte ausschließlich über das soeben Gehörte. Der Autor selbst durfte daran nicht teilnehmen. Der Debattenton war harsch, der Leseplatz neben Richter bekam bald seinen Namen: "elektrischer Stuhl".

Eine grobe stilistische Richtlinie galt für die besprochene Literatur: Abwendung von der schwülstigen Sprache des Nationalsozialismus - Realismus, Kahlschlag. Ausnahme war die surrealistische Lyrik von Ingeborg Bachmann. Sie erhielt 1953 den zum vierten Mal verliehenen Preis der Gruppe 47. Paul Celans in eindringlichem Pathos vorgetragene Gedichte - ein Mitschnitt seiner Lesung zeugt davon - wurden hingegen verrissen. Die Bedeutung von Celans Lyrik nicht erkannt zu haben, darin liegt einer der gröbsten Fehlgriffe der Gruppe 47.

In der gründlich recherchierten, mit prägnanten Originaltonaufnahmen ausgestatteten Hördokumentation, produziert vom Hessischen Rundfunk gilt es, den dunklen "Mythos Gruppe 47" zu lichten und Kritik an der Gruppe auf ihre Angemessenheit hin zu überprüfen sowie ihr Ende 1967 plausibel zu begründen. Die Kritik der Kritik, von rechts wie von links, seitens etablierter (Thomas Mann bezeichnet die Gruppe 47 als "Rasselbande") oder bei der Gruppe "durchgefallener" junger Autoren bestimmte das zeitgenössische Umfeld - und sie hält bis heute an: Erst im vergangenen Jahr veröffentlichte der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb seine "Streitschrift über die Frage: Wie antisemitisch war die Gruppe 47?"

Falsche Ansprüche und Vorwürfe aufgrund sachlicher Unkenntnis klärt Arnold auf. Auf der anderen Seite scheint Maxim Billers nachträglicher Vorwurf des "Kleinbürgertums" gegen die Kritikerschaft berechtigt, wenn Hans Werner Richter zu den literarischen Experimenten Helmut Heißenbüttels zitiert wird: Er könne mit dessen Texten nichts anfangen, doch es müsse wohl etwas an ihnen sein.

Gerade in der "Unschärfefähigkeit" Richters, wie es Arnold formuliert, lag die weitgehende Unangreifbarkeit der Gruppe 47. Grundsatzdebatten wurden, wie bereits erwähnt, nicht geführt, die spontane Kritik nur aufgrund des Gehörten besaß das Privileg, falsch sein und in der Diskussion relativiert werden zu können. Die Balance zwischen der betonten Eigenständigkeit bis hin zur Gegensätzlichkeit der Mitgliedermeinungen und der zunehmenden öffentlichen Wahrnehmung als eine Institution wird nicht ganz unbeabsichtigt gewesen sein. Aus einem Ensemble kritischer Meinungen bilde sich die "Kritik als das Kollektiv einer Vielfalt", so charaktierisierte Hans Werner Richter das Konzept. In den sechziger Jahren gerieten die eigentlich den Charakter der Vorläufigkeit tragenden Kritikermeinungen auf den Tagungen zu Schicksalssprüchen. Der Vorwurf gegen die Gruppe 47, sie besetze ein Monopol im Literaturbetrieb, schien sich zu bewahrheiten: Es tummelten sich zunehmend Verleger und Literaturagenten auf den zu Großveranstaltungen ausgewachsenen Treffen. Schriftsteller, deren Manuskripte die Gruppe 47 verriss, fanden kaum Veröffentlichungsmöglichkeiten. Um die positiv Besprochenen hingegen stritten sich die Verlage.

Doch mit dem Höhepunkt des Einflusses der Gruppe auf die deutsche Literaturlandschaft wird ihr Ende eingeleitet - durch die dritte Schriftstellergeneration nach Richter, Anfang der fünfziger Jahre geboren, von der Universität kommend, mit der Kenntnis aktueller Literaturtheorien und revolutionärer Gesinnung auftretend. Peter Handke attackiert auf der vorletzten Tagung 1966 die formalen und inhaltlichen Prinzipien der Gruppe 47. Die von ihr favorisierte naturalistische Prosa und ihre Reduktion auf die Beschreibung sei die letzte Flucht schriftstellerischer Einfallslosigkeit, sei "läppische Literatur".

Erlanger Studenten demonstrieren 1967 mit Plakaten vor dem Tagungsort in Oberfranken: "Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger". Mit den jungen Revolutionären können und wollen die Nachkriegs-Reformisten der Gruppe nicht mehr mithalten. Die Tagung in der Pulvermühle 1967 wird die letzte reguläre sein. Eine geplante Versammlung in Prag 1968 wird durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen verhindert, weitere Einladungen Richters bleiben aus. "Die Gruppe 47 passte wohl einfach nicht mehr in die Zeit", so vermutet Heinz Ludwig Arnold gegen Ende seines gut zweistündigen Features. Für den vordersten Standpunkt der Literatur waren die Kritiker schlicht nicht mehr kompetent.

Dennoch zieht Arnold ein Fazit des Erfolgs: Die Gruppe 47 habe die von Richter intendierte Rolle erfüllt. Eine Verlebendigung des Literaturbetriebs, ein bedachter Umgang mit Sprache wurde erreicht. Doch scheint Richter dies erst spät wahrgenommen zu haben: Fast ein Jahrzehnt nach dem Treffen in der Pulvermühle lädt er 1977 zum dreißigsten Geburtstag der Gruppe 47. Die ehemals Jungen lesen - Heinrich Böll, Wolfgang Hildesheimer, Helmut Heißenbüttel. Es kritisieren Uwe Johnson und Marcel Reich-Ranicki. Dann spricht Richter, der Patriarch, die verspäteten, endgültigen Worte: "Jetzt ist Schluss".

Titelbild

Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47. Zwei Jahrzehnte deutscher Literatur. 2 CD.
Der Hörverlag, München 2002.
ca.140 Minuten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3899400143

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