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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2003 » Schwerpunkt: Intellektuelle » Intellektuellenforschung
 
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Diensteifrige Wissenschaft

Volker Stork kritisiert die Soziologie Ulrich Becks

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ulrich Beck ist ein Soziologe, der die Öffentlichkeit sucht und findet. Sein außergewöhnlicher Erfolg gründet nicht zuletzt in seiner ebenso außergewöhnlichen Fertigkeit, Begriffe zu prägen und zu verbreiten. Seine "Risikogesellschaft" von 1986 brachte auf der deskriptiven Ebene kaum mehr als den wenig originellen Befund, die Zerstörung tradierter Bindungen bedeute für die Betroffenen Chance und Last zugleich; mit dem Nachfolgemodell "Zweite Moderne" baute Beck die Idee aus, konstatierte er, wie auch viele andere Beobachter, den Verfall der in der fordistischen Arbeitsgesellschaft herausgebildeten Institutionen, deutete er dies als Befreiung von gleichmacherischen Fesseln und brachte es so zum Herausgeber einer eigenen Buchreihe bei Suhrkamp.

Reaganomics und Thatcherism, der Neoliberalismus angelsächsischer Herkunft, genossen bei kritischen Intellektuellen keinen guten Ruf. Wer up to date sein wollte, konnte und kann aber auch keinen größeren Fehler als die Verteidigung vorgeblich so langweiliger Angelegenheiten wie Gewerkschaften und Sozialstaat begehen. Der modebewusste Linksintellektuelle neigte deshalb im letzten Jahrzehnt wieder einmal einem "Dritten Weg" zu. Der seit je beliebte Terminus bezeichnet seit den neunziger Jahren eine Neuformulierung sozialdemokratischer Politik, vorgedacht von Anthony Giddens in Großbritannien, praktiziert seit 1991 in den USA von der Clinton-Administration und seit 1997 in Großbritannien von Blairs "New Labour". Im etatistisch geprägten Deutschland dagegen war der neoliberale Durchmarsch weit weniger erfolgreich verlaufen, hatte die Regierung Kohl über 16 Jahre zwar den Sozialstaat beträchtlich demontiert, doch ihre Macht nur durch eine Kompromisspolitik gegenüber den Gewerkschaften erhalten. Die Rot-Grüne Regierung war bei ihrem Amtsantritt daher mit einer immer noch funktionierenden Gegenmacht und einem gesunden Anspruchsdenken weiter Teile der Bevölkerung konfrontiert.

Wo zu Recht nicht geglaubt wird, dass jeder seines Glückes Schmied sei, müssen vorgeblich anspruchsvollere Konzepte her. Beck propagiert die "Bürgergesellschaft", und hier setzt vorliegende Kritik ein. Volker Storks Arbeit über Becks Soziologie sympathisiert nicht mit ihrem Gegenstand. Erschienen in der Reihe "Raisons d'agir", ist sie dem zu früh verstorbenen Pierre Bourdieu verpflichtet. Wie Bourdieu nimmt auch Stork die Perspektive derjenigen ein, die auf den - nach Beck - "erstmodernen" und freiheitsraubenden Sozialstaat angewiesen sind.

Seine sorgfältige und im besten Sinne ideologiekritische Lektüre der zahllosen Publikationen aus Becks überfließender Tastatur setzt ein mit einer Kritik der Grundlagen dieser Populärsoziologie. Schon hier ist der Befund vernichtend. Weder vermag Beck überzeugend zu begründen, weshalb sich die Enttraditionalisierung seiner "Zweiten Moderne" von jener der von ihm kritisierten ersten Moderne unterscheidet, noch überzeugt Becks Appell, mittels positiver sprachlicher Umwertungen die jüngsten Veränderungen zu bejahen. Becks "Bürgergesellschaft" bezieht sich schon in der Bezeichnung auf den "Bürger", der aber jeder soziologischen Konkretion enthoben bleibt. Wusste bereits Becks Gewährmann Kant, wie Besitz und Wahrnehmung der Bürgerrechte verknüpft sind, so konstruiert Beck notwendig einen Bürger jenseits konkreter Voraussetzungen - denn es gilt ja gerade, die Enteignungen durch Demontage des Sozialstaats als Befreiung zu feiern.

Stork zeigt eindringlich, wie Beck hinter das Reflektionsniveau frühbürgerlicher Gesellschaftsbetrachtung zurückfällt, der ja immerhin zweihundert Jahre Erfahrung mit dem Kapitalismus fehlten. Deutlich wird fast nebenbei, mit welcher Ignoranz Beck die "Orthodoxie" der durchaus unterschiedlichen Marx, Weber und Luhmann missachtet.

Becks Politikbegriff kennt nur das "Gemeinwohl"; wer definiert, was immer das sei - welche konkreten Partialinteressen in die Definition eingehen - ob nicht endlich die Gesellschaft gerade durch ein Gegeneinander von Interessen gegeben ist: derlei Detailkram interessiert diesen Soziologen wenig. Stork zeigt, wie gerade darin der praktische Nutzen der Theorie besteht. Werden die Sicherheiten der "Ersten Moderne" als Einschränkung der Freiheit denunziert, so erscheint der Abbau des Sozialstaats als Befreiung. Becks "Bürger" werden zwar tatsächlich "Unternehmer ihrer selbst", kennen keine gesellschaftliche Verankerung mehr, müssen sich stets neu erfinden; dies aber, so wäre einzuwenden, weil sie dazu gezwungen sind. Zwang, nicht Wunsch, lässt die Menschen in der "Zweiten Moderne" zu jenen Natursubjekten einschrumpfen, die sie nach der Theorie naturwüchsig sein sollten. Dass im Übergang zum Nachfordismus die Gratifikationen knapper werden, weiss auch Beck (auch wenn er weniger fragt, warum dies in einer Zeit stets wachsender Arbeitsproduktivität geschieht, wodurch und wie der Lohn also verknappt wird). Seine Kritik an der Globalisierung bleibt oberflächlich: Er bietet Rezepte an, die sich vom Neoliberalismus nur durch ihre unklare Sprache unterscheiden.

Es gibt also mehr Verlierer; deshalb fragt sich, wie mit ihnen zu verfahren ist. Der klassische Liberalismus plädierte für Bevölkerungsreduktion durch Hunger, seine gütigere Variante für den mildtätigen Zwang zur gemeinnützigen Arbeit. Letzteres greift Becks Konzept der "Bürgerarbeit" auf. Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine Möglichkeit, den Empfängern sozialer Hilfen durch Arbeit gesellschaftliche Anerkennung zu verschaffen. Tatsächlich dürfte der Ausdruck Zwangsarbeit treffender sein, billige Zwangsarbeit zudem, die auch die Löhne im "normalen" Arbeitsmarkt unter Druck setzt. Für dies wie auch für jedes kommunitaristische Konzept gilt: Wo von "Anerkennung" oder "Würde" die Rede ist, geht es darum, dass nicht angemessen gezahlt werden soll.

Mehr Geld gibt es für Lohnabhängige nur, wenn sie sich zusammenschließen. Becks Parole ist dagegen, völlig konsequent, Individualisierung. Das freie Individuum ist das Marktsubjekt, das an seinem Erfolg gemessen wird. Die Erfolgreichen haben zum Lohn, unter den Lebensstilen wählen zu können, die auf dem Markt sind. Ein heruntergekommener Begriff von Selbstverwirklichung setzt sich durch, dem jeder auf Gesellschaft bezogene Sinn fehlt. Anpassungsbereitschaft ans Neue, nicht aber ein stabiles Ich charakterisiert die zahlungskräftige Leserschaft, die zu verführen Beck antritt.

Glücklich dürfte sogar die Gruppe der Sieger nicht sein. Absturz droht, und selbst die erfolgreichste Marktstrategie trägt doch noch keinen Lebenssinn ein. Stork sucht daher, recht plausibel, die Gründe für Becks Wirkung nicht in der Überzeugungskraft des einen oder anderen Arguments und auch nicht darin, dass Beck den neoliberalen Umbau eleganter tarnt als dessen monetaristische Ideologen. Beck selbst sieht sein Schreiben als "Kunst, zum Aufbruch zu verführen", als "schöpferischen Konstruktivismus". Den Personen, die an der Welt leiden, empfiehlt er "zum Sprachdoktor zu gehen".

Becks Forderung nach einem soziologischen Denken, das die Welt verändere, entpuppt sich in diesem Zusammenhang als scheinradikal. Einverstanden mit dem Lauf der Welt, verändert er nur den Blick auf sie; das sinnentleerte Unternehmerdasein, das er propagiert, soll umgewertet, nicht aber real verändert werden. Stork zeigt akribisch, wie der Status von Becks Sätzen zu diesem Zweck zwischen Beschreibung, Normsetzung und Zielvorstellung oszilliert. Statt soziologischer Beschreibung und Deutung liefert Beck Stimmungen und findet gerade deshalb sein Publikum.

Storks Darlegungen sind erhellend und haben Schwächen. Mal mag er sich nicht entscheiden, ob Beck naiv oder zynisch ist, mal behauptet er das eine oder auch das Gegenteil. Umfangreiche Begründungen, was er in welcher Reihenfolge darlegt, erschweren die Lektüre statt sie zu erleichtern. Der Titel spricht von Becks Theorie als von einem "Markenartikel", was ihre Brisanz wohl unterschätzt; im Aufbau des Buchs versucht Stork der theoretischen Systematik des Untersuchungsobjekts zu folgen und überschätzt sie vielleicht. Redundanzen sind die Folge. Eine chronologische anstelle einer systematischen Sicht hätte vielleicht besser zeigen können, wie flexibel Beck sich an neue Lagen anzupassen weiß.

Seitdem Storks Buch erschien, gewann die rotgrüne Koalition die Bundestagswahl 2002 und ist nun mit einer einschneidenden Wirtschaftskrise konfrontiert. Sozialwissenschaftliche Thesen lassen sich häufig sehr schnell an der Realität überprüfen; mit welcher Begeisterung die Bundesregierung Sozialsysteme "umbaut", das heißt aktuell: abbaut, ist verräterisch: Man handelt nicht aus Not, sondern findet endlich eine Gelegenheit. Hier zeigt sich, dass ehemals Linke längst schon neoliberale Ideologien verinnerlicht haben. Dazu hat Ulrich Beck seinen Beitrag geleistet; gerade weil er (was bei Stork kaum erscheint) an einzelnen Stellen das Elend der Gegenwart deskriptiv benennt, sich so einen kritischen Anschein gibt und Linke zu seiner antisozialen Umwertung der Werte verführt. Die Grundthese Storks aber hat Bestand: Becks "Bürgergesellschaft" ist das Gegenteil eines sozialen Gemeinwesens und bedroht jene Mehrheit der Bürger, die sich ein Leben ohne funktionierenden Staat nicht leisten können.

Titelbild

Volker Stork: Die "Zweite Moderne"- ein Markenartikel? Zur Antiquiertheit und Negativität der Gesellschaftsutopie von Ulrich Beck.
UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001.
246 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-10: 3896698028

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 literaturkritik.de » Nr. 5, Mai 2003 » Schwerpunkt: Intellektuelle » Intellektuellenforschung
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:12:59
Erschienen am:01.05.2003
Lesungen: 5605
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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