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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2003 » Kunst und Musik
 
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Glenn Gould in Bildern

Ein Fotoband erzählt ein weiteres Mal die Geschichte vom exzentrischen Genie

Von Jens Hagestedt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kaum ein zweiter Instrumentalist der 'klassischen' Musik ist in den letzten zwanzig Jahren im Bild so allgegenwärtig gewesen wie Glenn Gould, und von kaum einem zweiten sind so viele Tonträger verkauft worden. Damit das so bleibt, haben die rührigen Verwalter von Goulds Nachlass einen Bildband lanciert, der auch die erreichen soll, die die Botschaft noch nicht vernommen haben. Yo-Yo Ma, einer der Träger des im Dreijahresrhythmus vergebenen Preises der Glenn Gould Foundation, hat ein Vorwort beigesteuert, Tim Page, verdienstvoller Herausgeber des ersten Sammelbands von Goulds Schriften, eine Einleitung verfasst. Hier wird, nicht ganz so verdienstvoll, aber seriös (oder pseudo-seriös) auf 'Fakten' und authentische Zeugnisse gestützt, noch einmal die Geschichte vom exzentrischen Genie erzählt, ohne die eine breitere Öffentlichkeit für die Kunst des frühverstorbenen kanadischen Pianisten anscheinend nicht interessiert werden kann.

So mager der Text von Page ist, so dürftig ist sein deutsches Sprachgewand. Was Übersetzer Wolfgang Astelbauer und Lektorin Uta Rüenauver für ihre Tätigkeiten qualifiziert, wird nicht ersichtlich. Gewiss heißt 'recording' Aufnahme. Aber wer das englische Wort ins Deutsche übersetzt, muss unterscheiden: Die Aufnahmen machen die Techniker. Die Interpreten nehmen nicht auf, sondern spielen ein. Dies freilich nur, wenn es sich um Studioproduktionen handelt. Es gibt, anders als der Übersetzer schreibt, keine "Einspielung" des Brahmsschen d-moll-Konzerts von bzw. mit Gould. Die bekannte Aufnahme mit Gould und den von Bernstein geleiteten New Yorker Philharmonikern ist ein Konzertmitschnitt. Und Lieder werden auch im Studio nicht eingespielt. Sänger spielen nämlich nicht. Sie singen. Dass der Leser weiß, was gemeint ist, sollte dem Übersetzer nicht genügen. Er sollte, wie zuvor schon der Verfasser, den Ehrgeiz haben, es ihm zu sagen. Da im Deutschen jeder zweite Gedanke anders gedacht wird als im Englischen, hätte solcher Ehrgeiz auch im Falle dieses Bildbands viel Arbeit gekostet und so hat man sich mit dem Ungefähr zufrieden gegeben. Mit seinen zahllosen Ungenauigkeiten, Fehlern und Stilblüten ist er ein Beispiel für die Verbindung von Dilettantismus und Lieblosigkeit, mit der heute so viele Bücher gemacht werden. Ob Page sich, in einer Passage über seine persönliche Bekanntschaft mit Gould, tatsächlich über eine besonders, wie es im deutschen Text heißt, "scharfe" Redakteurin beklagt? Wahrscheinlich ist von einer besonders strengen die Rede.

Wenn dieser Gould-Band trotz alledem geeignet ist, auch die Kenner unter den Fans zum Kauf zu bewegen, dann, weil die Nachlassverwalter neben tausendmal Reproduziertem auch Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben, das hier zum ersten Mal veröffentlicht wird. Vor allem aus den Kinder- und Jugendjahren Goulds. Dass schon das Baby, wenn nicht wissender, so doch ahnender in die Welt blickt als normal Begabte im gleichen Alter, überrascht nicht. Ein bisschen ältlich gar wirkt dieser Sohn einer späten Mutter. Gegen das sentimentale Bedürfnis, 'Tragik' in Goulds Leben auszumachen, ist nicht zu Unrecht, wenn auch kaum weniger unbalanciert auf das hohe Maß an Lebensfreude verwiesen worden, das Gould vor allem aus der Musik gezogen hat. Dass sein Lebensgefühl von Unglück grundiert war, daran lassen die Fotos vom Kind mit seinem gequälten Bemühen, dem 'Bitte recht freundlich' zu willfahren, indes keinen Zweifel. Auf einem Klassenfoto aus den Kriegsjahren schaut der etwa Zwölfjährige von seinem Platz ganz außen mit beklommener Reserviertheit in die Kamera, ein verlorener Außenseiter in einer Zwangsgemeinschaft mit gesunden, robusten Toms und Marys. Täglich verprügelt worden sei er indessen nicht, so Gould später mit typisch angelsächsischem Humor. Man habe ihn nur jeden zweiten Tag in die Mangel genommen. Der den Zwangsgemeinschaften entronnene Erwachsene ist dann aufgelebt, wie die Bilder bezeugen. Lange hat er jünger gewirkt, als es seinen Jahren entsprochen hätte, bis der maßlose Tablettenkonsum seinen Tribut forderte und das jugendliche Antlitz immer stärker in das des vorzeitig Gealterten hinüberspielte. "Ich war entsetzt, wie er aussah", schreibt Page über seine persönliche Begegnung mit Gould im August 1982: "Zerknittert, gedrungen, mit schütterem Haar und einer an gebleichtes Pergament erinnernden Haut wirkte er älter als neunundvierzig und erweckte den Eindruck eines müden Gastes, der sich anschickte, sich seines verbrauchten Körpers zu entledigen." Sechs Wochen später war Gould tot.

Kein Bild

Malcolm Lester: Glenn Gould. Eine Leben in Bildern. Mit einem Vorwort von Yo-Yo Ma und einer Einleitung von Tim Page.
Übersetzt aus dem Englischen von Wolfgang Astelbauer.
Nicolai Verlag, Berlin 2002.
192 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-10: 3875846265

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2003 » Kunst und Musik
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:05
Erschienen am:01.06.2003
Lesungen: 12580
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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