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 literaturkritik.de » Nr. 8, August 2003 » Fremdsprachige Literatur
 
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Chinua Achebe über die afrikanische Gefühlswelt

Von Stefan Füllemann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was kann Menschen dazu bringen, ihre Ideale über Bord zu werfen? Und wenn sie dies tun, tun sie es freiwillig oder eher aufgrund von äußeren Umständen? Äußere Umstände, die auch Vorwand sein können.

In seinem Roman "Heimkehr in ein fremdes Land" erzählt Chinua Achebe vom Afrika der Mitte des letzten Jahrhunderts. Dorfgemeinschaften sparen Gelder, um damit jeweils einen aus ihren Reihen nach Europa zum Studieren schicken zu können. Einer dieser Auserwählten ist Obi Okonkwo, die Hauptfigur dieses Romans. Er ist der Stolz und die Hoffnung seines Dorfes. Er wird nach England gehen, um dort Jura zu studieren. Welche Einsichten gewinnt nun ein junger Afrikaner, der in einer fremden Kultur und mit einer fremden Sprache seinen Wissenshorizont erweitern soll? Vielleicht wird ihm bewusst, wie er sein Leben lebenswert gestalten kann und welche Ideale er diesem zugrunde legt. Während seines Studiums gelangt Obi zu der Einsicht, dass man der Korruption in seiner Heimat nur dadurch Herr werden kann, wenn man die - oft weißen - Entscheidungsträger durch junge afrikanische Universitätsabsolventen ersetzt.

Nach seiner Rückkehr nach Afrika soll er sein Dorf in Grundstücksangelegenheiten vertreten. Doch Obi widmet sich während seines vierjährigen Aufenthaltes in England der dortigen Literatur und den weltlichen Genüssen, sehr zum Leidwesen seiner Familie und der Dorfgemeinschaft. Da er dann aber in seiner Heimatstadt Lagos trotzdem einen Posten als Beamter im höheren Dienst bekommt, tritt diese Sache in den Hintergrund.

Obi Okonkwo verdient als Regierungsbeamter genug Geld für sich, seine Familie und sein Dorf. Er stellt einen Teil der neuen Elite Lagos' dar, welche sich vor der Unabhängigkeit in Nigeria etablierte. In dieser Rolle versucht er, den Anforderungen seiner christlichen Eltern und seines traditionsbewussten Dorfes zu entsprechen. Auf der anderen Seite bewegte und bewegt er sich in einem ganz anderen, einem neu entstandenen Kulturkreis. In diesem Spannungsfeld zerbricht seine Liebe, und er erliegt der Korruption. Jener Korruption, die er als junger und mit Idealen behafteter Student selbst bekämpfen wollte.

"Rückkehr in ein fremdes Land" ist ein Roman, der um Verständnis wirbt und einen Einblick in die afrikanische Seelenwelt geben möchte, damit der Kontinent den Glauben an sich selbst wiedergewinnt und vorhandene Komplexe überwindet. Komplexe, die durch jahrzehntelange Unterdrückung und Erniedrigung entstanden sind. Bereits Achebes erster Roman, "Okonkwo oder das Alte stürzt", widmete sich diesem Themenkomplex und begründete den zwischenzeitlichen Weltruhm des nigerianischen Autors.

Titelbild

Chinua Achebe: Heimkehr in fremdes Land. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Susanne Koehler.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2002.
195 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 351841383X

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:14
Erschienen am:01.08.2003
Lesungen: 6714
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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