Von modernen Glücksrittern oder was ist der Sinn des Lebens?

Radek Knapps "Papiertiger"

Von Andrea Popp

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Walerian Gugania geht auf die Dreißig zu, sucht noch immer nach seiner wahren Berufung und verspürt mitunter ein wachsendes Schamgefühl, bisher in seinem Leben noch keine außergewöhnlichen Taten vollbracht zu haben und, was er in stillen Momenten für bedenklicher hält, auch keine solchen zu planen. Sein Astronomiestudium hat Walerian direkt wieder abgebrochen, nachdem er sich in der zweiten Vorlesung von dem Irrglauben befreien lassen musste, dass sich die Astronomie ausschließlich mit Supernovas und der Entstehung von Gold befasst. Seitdem hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und driftet durch das Wiener Leben. Er jobbt mal als Krankenpfleger für Parkinson-Patienten, mal als Tierpfleger des Paviangeheges im Zoo, versucht sich nebenbei im Schreiben, und im Winter flattert Walerian frierend als saisonaler Weihnachtsengel durch wohlsituierte Mittelstandshaushalte und beschenkt dort die Kinder. Trotz seiner finanziellen Nöte und seiner unkonventionellen Lebensweise nimmt er das Leben meist mit einem Lächeln und verliert nie den Blick für das Komische des Alltags. Nur manchmal meldet sich sein leicht kränkelndes Selbstwertgefühl. Um diese Stimmungen ohne bleibende Schäden an seinem Ego zu überstehen, verschreibt sich Walerian ein eigens dafür ausgedachtes Gegenmittel: er bewirbt sich um Stellen, für die er hundertprozentig nicht qualifiziert ist und erfreut sich an seiner Fähigkeit, seine potenziellen Arbeitgeber zu täuschen, denen er dann im letzten Moment immer wieder absagt.

Walerians Leben ändert sich schlagartig an dem Tag, als er einen Anruf aus Frankfurt von dem bedeutenden Verleger Netzlow erhält, der ihm mitteilt, dass sein vor drei Monaten eingereichtes Manuskript einen Preis gewonnen hat und verlegt wird. Von nun an wird alles anders: Walerian, der eben noch ziellos und unbedarft vor sich hin lebte, wird plötzlich zum neuen Stern am Literaturhimmel ausgerufen - und kriegt damit doch noch seinen Einblick in den Sternenhimmel, wenn auch in einen ganz anderen. Bald muss er feststellen, dass es gar nicht immer so angenehm ist, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Die Literaturszene erweist sich als überaus oberflächlich, als intellektuelle Schaumschlägerei, doch Walerian fügt sich ein und gibt sein Bestes, sich von nun an als Schriftsteller zu fühlen.

",Papiertiger' erzählt in fünf Akten die Geschichte eines Optimisten, der vorübergehend zum Realisten wird", so der Klappentext. Diese Wandlung des an sich durch und durch unheldischen Protagonisten Walerian Guganias, der mit seiner anspruchslosen Sicht der Dinge ein sympathischer Optimist und Träumer ist, mutet jedoch eher als die Wandlung eines Zynikers an, der anfangs die Szene noch distanziert-belustigt betrachtet und staunend bemerkt wie ihm die nichtssagendsten Aussagen wie echte Weisheitstropfen honoriert werden. Der junge nicht mehr ganz junge Autor scheint die Attitüden der Branche schon selbst verinnerlicht zu haben, wenn ihm plötzlich Äußerungen entfahren wie: "Es gibt für einen Schriftsteller nichts Uninteressanteres als einen anderen Schriftsteller. Noch dazu wenn er Debütant ist, der am liebsten über Kafkas Körpergröße redete und nach Angstschweiß roch. Aber Gregor hatte vor kurzem einen Selbstmordversuch überstanden, was ihn doch einigermaßen interessant machte." Das klingt ungewohnt bitter und will ebenso wenig zu dem alten Walerian passen, wie sein Umgang mit den Literaturgroupies, mit denen er seine Frau betrügt und denen er je nach Lust und Laune verulkt oder demütigt. Walerian hat sich verändert. Zu dieser Erkenntnis gelangt auch er selbst und sinniert darüber, dass "seine eigene Vergangenheit längst nicht mehr ihm gehörte", und der Faden, der ihn noch mit ihr verbindet, ist "inzwischen so dünn geworden, dass man ihn kaum noch erkennen konnte". Diese Erkenntnis am Ende der vierten Episode geht einher mit der Frage, wie es für ihn weiter gehen soll und ob dieser schale Schriftstellererfolg wirklich schon Walerians wahre Berufung ist.

Radek Knapp scheint diese Frage nicht wirklich auflösen zu wollen. In der letzten Episode führt er seinen Helden zurück in die Erinnerung an einen unbeschwerten Sommertag aus Walerians Jugend. An diesem Sommertag ist alles ganz leicht und unbeschwert. Walerian ist knapp achtzehn Jahre alt, genießt das Leben und die Zukunft liegt noch in weiter Ferne. Das Buch endet hier, und die Frage, ob die Unbeschwertheit dieser Tage für Walerian für immer verloren ist, bleibt offen.

Radek Knapp beschreibt seinen Helden als einen Menschen, der darauf wartet, dass sein Leben endlich anfängt, tatsächlich geht es aber nur weiter und weiter. Aus dieser Haltung entsteht die lähmende Unentschlossenheit des Protagonisten. So versetzt er sich im letzten Kapitel nicht so sehr in seine Jugend, sondern an jenen Sommertag, wo alles zum ersten Mal geschah.

Knapp erzählt souverän seine fünf skurrilen, in sich abgeschlossenen Szenefolgen. Seine frischen und immer augenzwinkernden Beschreibungen eines untypischen Helden lassen diesen schnell zu einem Sympathieträger für den Leser werden und erinnern an die vielen eigenen "ersten Male" im Leben und an die Suche nach Identitätsfindung, aber auch Identitätsverlust.

Radek Knapp, 1964 in Warschau geboren, lässt sich Zeit für seine Werke. Sein erster Erzählband "Franio" erschien 1994 und wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Sein zweites Buch, der Roman "Herrn Kukas Empfehlungen", erschien erst fünf Jahre später, 1999. Sollte das nächste Buch ein ebenso gelungenes Werk werden wie der "Papiertiger", so kann man sich schon jetzt auf das Jahr 2008 freuen!

Titelbild

Radek Knapp: Papiertiger. Eine Geschichte in fünf Episoden.
Piper Verlag, München 2003.
149 Seiten,
ISBN-10: 349204395X

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