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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2003 » Fremdsprachige Literatur
 
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Schöpferischer Nihilismus, vollständige Misanthropie

Der niederländische Klassiker Willem Frederik Hermans kommt endlich in Deutschland an

Von Stephan LandshuterRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stephan Landshuter

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Kaum ein Buchmessenschwerpunkt hatte eine so nachhaltige Wirkung für die Rezeption einer Literatur wie derjenige von 1993, der der niederländischen Literatur (d. h. die Literatur der Niederlande und des flämischen Teils Belgiens) gewidmet war. Großartige Literaten wie Harry Mulisch, Cees Nooteboom, A. F. Th. van der Heijden, Margriet de Moor und Hugo Claus wurden für das deutsche Lesepublikum entdeckt, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Zu jener Zeit lebte der Schriftsteller noch, der von seinen gefeierten jüngeren Kollegen nahezu einhellig als Ahnherr der modernen niederländischen Literatur bezeichnet wurde: Willem Frederik Hermans (1921-1995). Was aber war von diesem Altmeister auf deutsch erhältlich: So gut wie nichts! Und in den Jahren danach: Wohin man auch blickte, keine neue Hermans-Übersetzung, nirgends.

Hermans war an diesem Zustand nicht schuldlos: Da er die ersten Übersetzungen ins Deutsche alles andere als gelungen empfand, traf die deutsche Sprache kollektiv der Bannstrahl des zu extremen Reaktionen neigenden Niederländers. Niemals wolle er eine Übersetzung seines Hauptwerks "Die Dunkelkammer des Damokles" (1958) zulassen. Erst die Erben ließen sich überzeugen, dass der Standard der Übersetzungen aus dem Niederländischen ins Deutsche mittlerweile so hoch war, dass der Gustav Kiepenheuer Verlag in Leipzig den Zuschlag bekam für eine Neuübersetzung von Hermans' Werken, die Waltraud Hüsmert bis dato ausgezeichnet besorgt. Man begann klugerweise mit dem bislang unübersetzten opus magnum, der "Dunkelkammer des Damokles".

Hermans hatte sich "schöpferischen Nihilismus" und "völlige Misanthropie" auf seine Fahnen geschrieben. Seine Vorgaben erfüllte er in diesem Werk auf radikale Weise, bei dem man auf jeder Seite spürt, dass man sich auf dem Boden von Weltliteratur befindet. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist von unvergleichlicher Finsternis und maximaler literarischer Raffinesse: Erzählt wird die Geschichte eines Tabakhändlers namens Osewoudt, der von einem gewissen Dorbeck für den Widerstand gegen die Nazis angeworben wird. Dorbeck weist Osewoudt aus dem Hintergrund an, was er zu tun hat, Osewoudt führt die Aufträge aus, ohne recht zu durchschauen, worum es eigentlich geht, und im Prinzip interessiert es ihn auch nicht recht. Der erste Teil des Romans ist voll von wilden Verfolgungsjagden, Maskierungen und aberwitzigen Zufällen. Nach Ende des Krieges wird die Geschichte Osewoudts, der sich nach dem Zusammenbruch des faschistischen Systems zu den Siegern der Geschichte zählen zu können glaubt, aber auf einmal ganz anders interpretiert. Denn Dorbeck ist wie vom Erdboden verschluckt und Osewoudts Taten erscheinen auf einmal wie die Aktivitäten eines Kollaborateurs. Allzu oft war er den Deutschen nur mit knapper Not entkommen, da könne es doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Je länger Osewoudt und seine Version der Dinge betrachtet werden, umso misstrauischer werden die ihn umgebenden Romanfiguren. Waren die vielen Fluchten Osewoudts, denen zudem oft Verhaftungen von Widerständlern folgten, am Ende nichts als geplante Täuschungen, um seine wahre Existenz als Nazi-Agent zu schützen? Ohne seinen Doppelgänger kann Osewoudt seine Unschuld nicht beweisen und selbst der Leser beginnt zu zweifeln. Ist Dorbeck vielleicht nur eine Konstruktion, ein Phantasma? Oder war Osewoudt nichts als das ferngesteuerte Opfer eines Nazi-Schergen, der sich nur zum Schein als Nazigegner ausgab? Am Ende taucht ein Film auf, auf dem Osewoudt zusammen mit Dorbeck zu sehen sein soll, aber der Film bleibt nach der Entwicklung schwarz. Osewoudt wird bei einem Fluchtversuch erschossen.

Diese düstere Inszenierung des Schicksals eines Anti-Nazi-Kämpfers (wenn man der Erzählung Glauben schenken möchte), der allerdings durchaus nicht als intelligentes, moralisches, sympathisches Subjekt dargestellt wird, und am Ende von den eigenen Leuten umgebracht wird, kratzte in den Niederlanden arg am Mythos des a priori integren Widerstands. Hermans verstörte seine Landsleute nachhaltig mit seiner literarischen Untergrabung des eigenen Heldentums, indem er die scheinbar so scharfe Trennlinie zwischen Gut und Böse einfach auflöste, beeindruckte aber die Literaten mit Gespür für Qualität und Können. Seit diesem Buch ist Hermans jedenfalls selbst ein Mythos der niederländischen Literatur.

Der zweite Roman, der neu von Waltraud Hüsmert übersetzt wurde, heißt "Nie mehr schlafen", er erschien 1966 im Original. Auch diese überaus flott geschriebene Wissenschafts-Tragikomödie darf unter die Hauptwerke des Autors subsumiert werden. Im Mittelpunkt dieses Romans steht die Reise eines jungen niederländischen Geologen ans Ende der Welt und auch seiner Illusionen. Der 25-jährige Student Alfred Issendorff will bei einer Exkursion in die Finnmark beweisen, dass gewisse Formen des Geländes aus Einschlägen von Meteoriten resultieren. Der ehrgeizige Protagonist will mit seiner Unternehmung auch ein Familientrauma gewissermaßen beheben, denn sein Vater, ein Biologe, verunglückte tödlich in einer Schlucht, als Alfred sieben Jahre alt war.

Die Wanderung durch die Finnmark, die Issendorff zusammen mit einem Freund und zwei Helfern unternimmt, wird, anstatt eine Reise zum Ruhm, zur grauenhaften Höllenfahrt. Sobald der dauerdurchnässte Issendorff (es regnet in diesem Buch wie in dem pechschwarzen Film "Sieben" ohne Unterlass) den Mund öffnet, schwirren ganze Hundertschaften von Stechmücken in seinen Rachen. Wie König Lear und der Narr durch die Heide torkeln die Teilnehmer der Expedition durch die endlose Ödnis Lapplands, und die immer ausweglosere Situation wird durch das streng durchgehaltene Präsens für den Leser besonders eindringlich. In dieser Leere bleibt viel Raum zum Nachdenken, und durch die anschwellenden Gedankengänge wird "Nie mehr schlafen" zu einem philosophischen Roman mit Zügen einer Parabel. Issendorff muss letztlich die Nichtigkeit menschlichen Tuns und die Vergänglichkeit des Ruhms einsehen. Sein Freund Arne verunglückt in auffälliger Parallelität zu Issendorffs Vater tödlich in einer Schlucht, wonach Alfred gebrochen und gedemütigt zurückkehrt in die Zivilisation, ohne auch nur den Hauch eines Beweises für die Wahrheit der Theorie gefunden zu haben, die er ach so glorreich und selbstgewiss ausgezogen war zu verifizieren.

So endet auch dieser Roman in tiefster Düsternis, wenngleich der Held zumindest das Textende, anders als sein Vorgänger Osewoudt, überlebt. Zwar reicht dieser Roman nicht ganz an die Komplexität und Meisterschaft der "Dunkelkammer des Damokles" heran, aber selbst der begabteste Autor kann nicht mit jedem Buch einen Achttausender erschaffen. Trotz seiner relativen strukturellen Simplizität darf auch "Nie mehr schlafen" zu den wichtigen niederländischen Romanen des letzten Jahrhunderts gezählt werden.

Weshalb man nun nach diesen beiden exzellenten Romanen als drittes Werk den zwar dickleibigen, aber inhaltlich eher schmalbrüstigen Roman "Au pair" (1989) herausbrachte, ist rätselhaft. Der Geschichte einer 19-jährigen niederländischen Sprachstudentin in Frankreich gebricht es im Vergleich zu den beiden bislang erschienenen Romanen doch deutlich an Format. In seinen besseren Stellen erweist sich dieser Familien- und Erbschaftsroman zwar als durchaus skurril, aber fast 500 Seiten trägt er nicht. Bleibt also zu hoffen, dass das deutsche Lesepublikum nicht ausgerechnet dieses Buch als Einstieg in den Hermans-Kosmos wählt, und dass als nächstes Werk derjenige Roman neuübersetzt wird, der den Niederländern kurz nach dem Weltkrieg ähnlich zusetzte wie die "Dunkelkammer": Die "Tränen der Akazien".

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Die Dunkelkammer des Damokles. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2001.
416 Seiten, 20,40 EUR.
ISBN-10: 3378006404

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Nie mehr schlafen. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2002.
319 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-10: 3378006455

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Au Pair. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig 2003.
495 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3378006501

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Willem Frederik Hermans: Die Dunkelkammer des Damokles. Roman.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert.
Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2003.
415 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-10: 3746619408

Weitere Informationen zum Buch





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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2003 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:13:35
Erschienen am:01.11.2003
Lesungen: 6759
© beim Autor und bei literaturkritik.de
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