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 literaturkritik.de » Nr. 1, Januar 2004 » Kinder- und Jugendbuch
 
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Die Schwierigkeit der passenden Konvention

Der Debüt-Roman "Lass mich deine Pizza sein" von Sandra Wöhe

Von Mechthilde VahsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthilde Vahsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Renate und Leila, so um die Vierzig, teilen Tisch und Badezimmer und ihre jeweiligen Liebesgeschichten miteinander, aber nicht das Bett. Die Neue in der Lesben-WG, Jo, kommt daher wie die Lesbe schlechthin und scheint hervorragend in die Wohngemeinschaft zu passen. Jo hat kurze Haare, trägt eine Lederjacke und fährt Motorrad. Dann allerdings stellt sich heraus, dass sie auf Männer steht, und Renate zweifelt an ihren Überzeugungen, wie eine Lesbe zu sein und auszusehen hat.

Der WG-Alltag ist turbulent und witzig: Zu den lebhaften Gesprächen am Küchentisch gehören Auseinandersetzungen ums Aufräumen, die Jobs der Frauen und die Verführungs- und Erotikmöglichkeiten, die sich in der Frauensauna ergeben. Renate, die Protagonistin des unterhaltsam geschriebenen Romans, erliegt schließlich den Reizen von Christina, einer erdbeerfarbenen Blondine, allen alten Verletzungen zum Trotz. Und auch ihre Chefin beim Pflegedienst, eine ältliche Frau in ständigem Grau, wandelt sich zur lebenslustigen Kurzhaarfrisurträgerin in hellblauen Hosen, weil ihr ein Polizist den Hof macht, mit fast täglichen Knöllchen.

Doch nicht alles ist eitel Liebesglück in der Lesben- und Frauengemeinschaft, denn Renate, die als Pflegerin arbeitet, erlebt den Tod einer Patientin. Frau Müller, so scheint es, ist friedlich eingeschlafen, Renate jedoch stolpert über zu viele Pillenschachteln und verdächtigt schließlich den Ehemann, einen brummigen Zyniker, nachgeholfen zu haben. Dieser stirbt kurz darauf, was der zwar taffen, aber doch insgeheim sensiblen Renate sehr zu schaffen macht. Bei ihren Joggingausflügen trifft sie die Tochter des Paares, die den gleichen Verdacht hegt, die Anzeige gegen den Vater aber später zurückzieht.

Ein bisschen zweidimensional kommen sie daher, die Figuren in dieser teils amüsanten, teils etwas zu nüchtern geschriebenen Geschichte, sie treten hinter sachliche Beschreibungen zurück und gewinnen, außer bei Renate, nicht genügend Kontur, um als Charaktere hervorzutreten. Das scheint auch nicht beabsichtigt, und liest man den Roman mit dieser Perspektive, ist er gelungen. Auch wenn die Leserin nicht erfährt, wer denn nun die Chefin der Chefin ist und ob das nicht doch die Freundin von Leila sein könnte, die diese seit einem Jahr 'verschweigt', weil die Freundin nicht offen als Lesbe lebt.

Das Schöne an diesem Roman ist die Selbstverständlichkeit, mit der hier Lesbenalltag präsentiert wird. Eben nicht das Andere, das Fremde, sondern das Normale.

Es gibt viele stilistisch schöne Passagen, die das Talent der Autorin bezeugen. Vor allem die rückblickenden Erzählsequenzen, in denen das Leben von Frau Müller angedeutet wird, gefallen. Das lässt über die Debüt-Lücken und die Tatsache hinwegsehen, dass Pizza nur selten vorkommt und keine tragende Rolle spielt.

Titelbild

Sandra Wöhe: Lass mich deine Pizza sein.
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2003.
260 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-10: 389741130X

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Letzte Änderung: 08.01.2004 - 19:34:38
Erschienen am:01.01.2004
Lesungen: 3555
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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