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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2004 » Deutschsprachige Literatur
 
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Kempowskis Nachfahre

Gerhard Henschels "Kindheitsroman"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor einigen Jahren hat der Hamburger Autor Gerhard Henschel eines der von Walter Kempowski abgehaltenen Literaturseminare besucht. Wie Kempowski in seinem monumentalen "Echolot"-Tagebuchprojekt betätigt sich auch der 42-jährige Gerhard Henschel als literarischer Rekonstrukteur der alltäglichen Geschichte. Dies hat er mit einigem Erfolg bereits vor zwei Jahren mit seinem auf authentischem Briefmaterial basierenden Roman "Die Liebenden" unter Beweis gestellt.

Die beiden Hauptfiguren, das Ehepaar Richard und Ingeborg Schlosser, treffen wir nun in Henschels neuem Roman wieder. Dabei bemächtigt sich der Autor eines nicht unproblematischen Kunstgriffs. Er erzählt seinen Roman aus der Sicht des Sohnes Martin, dessen Entwicklung wir vom Vorschulkind bis zum Teenager verfolgen. Den beschriebenen Handlungszeitraum zwischen 1964 und 1975 kennt der Autor aus eigenem Erleben, er ist etwa gleichaltrig wie sein Protagonist.

Die Schlossers sind eine "schrecklich" normale Familie, die sich aus einer Koblenzer Vorstadtsiedlung in ein Reihenhaus in Rheinnähe empor arbeitet. Selbst aus der Waschküche scheint noch der spießige Dampf des Wirtschaftswunders aufzusteigen. All die gequälten Verwandtenbesuche, die rituellen Sonntagsausflüge, das argwöhnische Beäugen der Nachbarn, die theatralischen Familienfeiern: der Alltag der 60er Jahre (eigentlich schon fingerdick von Patina überzogen) feiert ein literarisches Revival.

Martin und seine drei Geschwister Renate, Volker und Wiebke werden mit Micky Maus, Emma Peel, Percy Stuart, der Glanzzeit von Borussia Mönchengladbach und Huckleberry Finn groß. Auch sie stehen schon unter dem Einfluss der Medien, ist doch das Erraten von Werbespotts eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Auf diese Weise leben längst vergessene, einst hoch gehandelte Produktnamen wieder auf - wie der Klopfsauger, der damals in der Werbung als "gute Wahl" gepriesen wurde.

Mutter Ingeborg ist um ihre Aufgabe wahrlich nicht zu beneiden, denn die Kinder stellen allerlei Unsinn an. Als kleiner Junge rast Martin mit seinem Go-Kart einer Nachbarin in die Hacken, später stiehlt und zündelt er, und Schwester Renate, die eifrige Ballettschülerin, wird von der Mutter überrascht, als sie im Müllcontainer ihre Notdurft verrichtet. Diese "Disziplinlosigkeiten" ziehen harte Strafen nach sich - vom Stubenarrest, über Fernsehverbot bis hin zur körperlichen Züchtigung. Die Mutter wirkt wie ein Sheriff in den eigenen vier Wänden, der dem Sohn sogar das Malen mit der linken Hand verbietet und überdies einen feldwebelhaften, rüden Umgangston pflegt.

Der Wiedererkennungswert für Henschels Generationsgenossen dürfte in diesem Kindheits- und Jugendpanorama beträchtlich sein. Verschüttete Erinnerungen werden wieder wach gerufen. Doch die Crux dieses Roman liegt in der Erzählperspektive. Wie schon in den Kindheitsmemoiren ("Still wie die Nacht", 1989) des vor zwei Jahren verstorbenen Manfred Bieler stört auch bei Henschel mit Fortdauer der Lektüre das eindimensionale Erzählen aus dem Blickwinkel des Kindes.

Als Martin einmal allein im Haus ist, liest sich das so: "Ich machte das Küchenradio an und drehte an der weißen Scheibe, aber da kam nur Gebritzel. Dann kippte ich Ata ins Waschbecken und ließ Wasser drüberlaufen. Ata war giftig [...]. Der Abfluß gluckerte."

Das mag authentisch nach Kinderstimme klingen, doch diese Form der Originalität, das formale Experiment, das auch noch durch "Kotzeritis", "Getödel" oder "husten wie die Weltmeister" unterstrichen wird, verliert schnell seinen Reiz und wirkt auf die Dauer ermüdend.

Gerhard Henschel erweist sich als großartiger Beobachter, als Chronist mit viel Gespür für winzige Details, aber seinem durch wiederkehrende Motive zu lang geratenen Roman mangelt es an künstlerischer Komposition. Es ist eine reizvolle, anekdotenreiche Stoffsammlung, für die man sich als Leser ein anderes Sprachniveau gewünscht hätte - höher angesiedelt als der Umgangston von Kindern und Jugendlichen.

Titelbild

Gerhard Henschel: Kindheitsroman.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2004.
464 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-10: 3455031714

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2004 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 24.03.2004 - 15:21:39
Erschienen am:01.03.2004
Lesungen: 3724
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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