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 literaturkritik.de » Nr. 12, Dezember 1999 (1. Jahrgang) » Literatur- und Literaturwissenschaft » Fremdsprachige Literatur
 
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Die beste aller möglichen Welten

João Ubaldo Ribeiros Roman "Das Wunder der Pfaueninsel”

Von Meike Breitkreutz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Inseln sind besondere Orte. Ihre Abgeschlossenheit von der übrigen Welt macht sie zu idealen Projektionsflächen für erträumte und erdachte Wirklichkeiten. Mit dem Bild der Insel verbinden sich Vorstellungen vom Paradies, und in der Literatur tauchen Inseln immer wieder als Schauplätze gesellschaftstheoretischer Gedankenspiele auf.

In seinem Roman "Das Wunder der Pfaueninsel" entwirft auch der brasilianische Erzähler João Ubaldo Ribeiro (geboren 1941) solch ein isoliertes Nirgendwo. Wir befinden uns Anfang des 18. Jahrhunderts auf einer kleinen Insel vor der Küste Brasiliens. Im Gegensatz zu den Verhältnissen in der übrigen Welt leben hier Portugiesen, Indios und ehemalige Sklaven afrikanischer Herkunft gleichberechtigt nebeneinander. Das liberale Klima verdanken die Insulaner dem Pferdehauptmann, der seinen großen Besitz einst vom portugiesischen König als Belohnung für Kriegsdienste empfangen hat und dessen Wunsch es ist, daß auf der Insel jeder die Freiheit hat, das Leben zu leben, das er sich wünscht.

Bedroht wird das friedliche Zusammenleben nicht nur von einem machtgierigen und brutalen Buschkönig, sondern auch von einigen Honoratioren der Stadt, denen die gelockerten Herrschaftsverhältnisse schon lange ein Dorn im Auge sind. Als ein Befehl des Präfekten bekannt wird, wonach alle Indios die Stadt umgehend zu verlassen haben, kippt die vermeintliche Idylle. Die eilig gegründete "Konföderation zur Rettung von Gesetz und Sitten" muß bald erkennen, daß sie den listigen Angriffen des schlauen Indios Balduíno nicht gewachsen ist. Auch der eilig herbeigerufene kirchliche Untersuchungsausschuß droht eher die eigenen Verfehlungen an den Tag zu bringen, als diejenigen zu treffen, welche angeblich die moralische und politische Ordnung untergraben. Selbstherrlich und starrsinnig halten die Alten an ihren von Kirche und König abgesegneten Privilegien fest, während sich einige wache Köpfe der Insel - unter ihnen der Pferdehauptmann - zu einer kleinen, aufklärerischen Verschwörung zusammenfinden. Hans, der der deutschen Inquisition knapp entkommen ist, die ehemalige Sklavin Crescência, die lesen und die Welt begreifen lernt, und Iô Pepeu, fast verrückt vor unerfüllter Liebe zu ihr, machen sich mit der Verbannten Don'Ana und dem Pferdehauptmann auf den Weg, das "Wunder der Pfaueninsel" zu ergründen und zu bewahren.

Ribeiros "Pfaueninsel" ist Gesellschaftssatire, Abenteuerroman und Ideengeschichte zugleich, erzählt mit unerschöpflichem Erfindungsreichtum, gepfefferter Ironie und schamloser Direktheit. Zuweilen verliert sich der Erzähler in seiner Lust am Fabulieren - und die Spannung bleibt für einige Seiten auf der Strecke. Was trotzdem fasziniert und unterhält, ist der gelöste Erzählfluß, sind die Reflexionen, mit denen sich der Erzähler ab und an selbst mit ins Spiel bringt. Ribeiro reißt gesellschaftspolitische Ideen an und verliert sich in allgemeinmenschlichen Betrachtungen. Seine bildhafte Sprache fordert dazu auf, die allegorische Utopie zu entschlüsseln, hinter die Fiktion auf die menschliche Natur und den Zustand der Welt zu blicken - und zugleich auf Fantastisches gefaßt zu sein. Denn was die Insel schließlich vor dem Schicksal der übrigen Welt bewahrt, ist das rätselhafte Phänomen eines Zeitlochs, mit dessen Hilfe es gelingt, die Zeit anzuhalten und aus verschiedenen verfügbaren Zukünften eine auszuwählen. Während ein riesiger Pfau die Insel überstrahlt, haben die Hüter des Inselparadieses die Qual der Wahl. Denn "jede Veränderung verändert alles andere", und es ist nicht absehbar, welche Vor- und Nachteile die gewählte Zukunft haben wird.

So verkörpert der fantastische Pfau als Paradiesvogel zwar die Vision einer besseren Welt, deren Verwirklichung aber liegt in den Händen der Menschen. Sie bewirken Veränderung, sie sind die wahren Zauberer. "Man weiß sehr wenig", ist dem Roman als Motto vorangestellt. Man könnte mit Voltaire antworten: "Allein es gilt, unseren Garten zu bebauen - um der besten aller möglichen Welten willen."

Titelbild

Joao Ubaldo Ribeiro: Das Wunder der Pfaueninsel.
Verlag C. H. Beck, München 1999.
320 Seiten, 21,50 EUR.
ISBN-10: 3406452884

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Letzte Änderung: 20.11.2003 - 19:10:01
Erschienen am:01.12.1999
Lesungen: 8731
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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