Erinnerungspunkte im Meer des Vergessens

"Ein Tag im Jahr" ist das faszinierende Lebens-Protokoll von Christa Wolf

Von Hannelore PiehlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hannelore Piehler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Leben heißt immer auch vergessen. Und "Sich-Erinnern ist gegen den Strom schwimmen, wie schreiben - gegen den scheinbar natürlichen Strom des Vergessens." So schreibt es Christa Wolf 1968 in ihrem programmatischen Essay "Lesen und Schreiben". Von Anfang an umkreist die Autorin das Problem von Erinnern und Vergessen, von Schreiben und Leben in ihrem Werk. Nicht selten wird das Erinnern selbst zum strukturbildenden Element ihrer Erzählungen und Romane. Das Interesse an dieser Thematik ist für Christa Wolf persönlich motiviert: "Man vergißt. Auf mein Gedächtnis kann ich mich nicht verlassen", klagt sie bereits 1964, gerade mal 35-jährig. Nach der Wiedervereinigung findet ihre pessimistische Einschätzung überraschend eine dramatische Bestätigung. In den Akten der Staatssicherheit finden sich frühe Kontakte der ostdeutschen Autorin mit der Stasi Ende der 50er Jahre, die sie später offenbar verdrängt hatte. Christa Wolf ist bestürzt: "Kaum wollte ich mir selber glauben daß ich das vergessen konnte".

Allerdings stellte sich die Autorin auch dieser Wieder-Erinnerung in der für sie typischen radikalen Weise. Schreibend verarbeitete sie ihre Krise. Ihre "IM-Akten" wurden in der Dokumentation "Akteneinsicht Christa Wolf" komplett veröffentlicht. "Das Bedürfnis, gekannt zu werden, auch mit seinen problematischen Zügen, mit Irrtümern und Fehlern, liegt aller Literatur zugrunde und ist auch ein Antriebsmotiv für dieses Buch", erklärt Christa Wolf nun im Vorwort ihres aktuellen Werkes "Ein Tag im Jahr".

Die Sammlung von vierzig Tages-Protokollen - beschrieben wird jeweils der 27. September eines Jahres, von 1960 an bis zum Jahr 2000 - ist ihr bislang persönlichstes Buch. Hatte sie bis dato selbst in Werken mit stark autobiographischen Zügen wie "Kindheitsmuster" stets auf die Fiktionalität der Figuren, auf die Differenz zwischen Erzählerin und Autorin gepocht, so bietet Christa Wolf hier einen völlig unverstellten Einblick in ihr Leben. Die erwähnten Personen - von den Töchtern Annette und Katrin über die Schwiegersöhne und Enkelkinder bis hin zu Freunden und Weggefährten werden in den Anmerkungen, so weit zum Verständnis nötig, alle aufgelistet und ihre Namen nicht verfremdet.

Zurück geht die Idee zu den Tages-Protokollen auf einen Aufruf der Moskauer Zeitung "Iswestija", der 1960 an die Schriftsteller der Welt erging und wiederum ein Unternehmen Maxim Gorkijs aus dem Jahre 1935 aufnahm. Die junge Autorin hat der Gedanke, einen Tag des Jahres so genau wie möglich zu beschreiben, "sofort gereizt": "Ich setzte mich also hin und beschrieb meinen 27. September 1960."

Christa Wolf, die am 18. März ihren 75. Geburtstag feiert, beschreibt "ihren" 27. September unbeirrt bis heute. Die Gründe dafür sucht sie selbst vor allem in ihrem "Horror vor dem Vergessen". "Gegen diesen unaufhaltsamen Verlust von Dasein wollte ich anschreiben. Ein Tag in einem jeden Jahr wenigstens sollte ein zuverlässiger Stützpfeiler für das Gedächtnis sein - pur, authentisch, frei von künstlerischen Absichten beschrieben, was heißt: dem Zufall überlassen und ausgeliefert." Es gehört also zum Programm des Projekts, dass Alltagsroutinen nicht ausgespart bleiben, im Gegenteil: Häufig dominieren sie. Für Christa Wolf kein Problem, verfolgt sie doch seit jeher eine "Poetik des Alltags". Denn: Aus solch normal-banalen Tagen besteht doch das Leben größtenteils. "Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet." Dass diese Tage "auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit", ist ihr stets erschreckend bewusst und auch, "daß nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt".

Christa Wolf, so wird bei der Lektüre schnell klar, lebt in einer solchen fortdauernden Anstrengung. Jedem ihrer Tage versucht sie einige - mal mehr, mal weniger produktive - Stunden am Schreibtisch abzuringen. Ihr Ideal, gleich morgens um acht Uhr mit der Arbeit am Manuskript zu beginnen, erreicht sie allerdings nur selten. Vielmehr muss Wäsche gewaschen, gekocht, aufgeräumt und - immer wieder, offenbar mit Begeisterung - gekocht werden. Oft sind Briefe ihrer Leser zu beantworten oder, gerade in den späteren Jahren, Anfragen von Journalisten und Germanisten. Das morgendliche Nachrichtenhören nennt sie bald "eine Art Sucht", abendliche Krimis sind es ebenfalls. Als die Autorin einmal "wie immer zwei riesige Taschen voll" einkauft, die sie kaum schleppen kann, stellt sie sich eine Art "Kaufmanie" aus, "der ich nachgeben kann, weil ich materiell nicht gebremst bin". Ihr Mann Gerd wiederum nennt die Anhäufung von Kleider-Käufen lakonisch die "Phänomene" im Schrank.

Es menschelt also gewaltig in den Tages-Protokollen. Die Autorin stößt sich zielstrebig vom Sockel, auf den sie selbst sich ohnehin nie gestellt hätte. So erlebt der Leser eine unleidige Christa Wolf am Bahnhof, von den Menschenschlangen am Schalter nur genervt, eine schüchterne Christa Wolf, die sich bei der Gedenkveranstaltung für Heinrich Böll nicht traut, den Vorsitzenden der Sinti der Bundesrepublik anzusprechen, oder aber eine Autorin, die sich in alltäglichen Diskussionen mit Mann und Töchtern verfängt. Gerade die Einblicke in die harmonisch-konstruktive Beziehung zu ihrem Mann Gerd, der ihr von Beginn an so ganz selbstverständlich die öffentliche Hauptrolle überließ, bilden ein wunderbares Moment dieses Buches, das einen Großteil seiner Faszination Details und kleinen Begebenheiten verdankt.

Dazwischen finden sich natürlich zahlreiche Reflexionen zu ihren Werken, ihren Schwierigkeiten in der DDR und dem regelrecht trotzigen "Wir bleiben", während andere Autoren das Land verlassen. Wichtige Ereignisse wie das elfte Plenum, die Biermann-Ausbürgerung oder die Ereignisse der Wende und Wiedervereinigung werden immer wieder in die persönlichen Niederschriften eingebettet. Die Beschränkung auf den 27. September jedoch verhindert, die Jahre auf solche Geschichtsdaten zu reduzieren. Dabei fühlt sich Christa Wolf beileibe nicht sklavisch an das obligatorische Datum gebunden, allzu schnell passiert es ihr schließlich, dass sie an ihrem "Tag im Jahr" keine Zeit zum Schreiben findet und ihn dann eben kurzerhand aus dem Rückblick einiger Tage skizziert. Gelegentlich findet sich auch eine Beschreibung einer ganzen Woche. Dennoch: Vierzig Jahre quasi auf vierzig Tage verknappt nachzulesen ist ein überaus fesselndes Erlebnis.

Bereits 1971, so ist zu erfahren, hat die früher begeisterte Marxistin jeden Glauben an Veränderungsmöglichkeiten in der DDR verloren. 1990 dann ist die Versuchung groß, das Projekt "Ein Tag im Jahr" abzubrechen. Die Ereignisse seit der Wende, gerade auch den Streit um ihr Buch "Was bleibt", empfindet die Autorin als niederdrückend und destruktiv. Doch sie schreibt am Ende weiter, setzt weiter ihre "Erinnerungspunkte in das Meer des Vergessens". Längst haben ihre Tages-Protokolle eine Eigendynamik entwickelt, sind zu einer "manchmal genußvollen, manchmal lästigen Pflichtübung" geworden.

Einige der Niederschriften - die erste von 1960, aber auch die aus den Jahren 1992 und 1993 - hat Christa Wolf bereits in ihren Essay- und Textbänden veröffentlicht. Dass sie nun 40 Jahre aus ihren Aufzeichnungen öffentlich macht, war ursprünglich nicht geplant. Die Autorin liefert sich mit dem Entschluss zur Publikation einmal mehr aus, diesmal völlig ungeschützt. "Es wird sich zeigen, ob die Zeit für ein solches Wagnis schon gekommen ist", sagt sie beinah beschwörend in ihrem Vorwort. Der Versuchung, frühere Fehlurteile oder ungerechte Einschätzungen aus heutiger Sicht zu korrigieren, hat Christa Wolf bei der Veröffentlichung glücklicherweise widerstanden. So bietet dieser Band einen ungeschminkten Blick auf vier Jahrzehnte deutscher Geschichte, am Beispiel eines Lebenslaufes. Zweifelsohne ein Zeitzeugnis, das seinesgleichen sucht, und zugleich eine Meditation darüber, wie Leben zustande kommt. Christa Wolfs Wagnis hat sich mehr als gelohnt.

Titelbild

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. 1960-2000.
Luchterhand Literaturverlag, München 2003.
640 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3630871496

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