Heillosigkeit der Welt

Ulrich Horstmann übersetzt Robert Burtons "Anatomie der Schwermut"

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Ich habe über die Melancholie geschrieben, um sie mir mit dieser Unternehmung vom Leibe zu halten." Der Geistliche Robert Burton (1577 - 1640) verfasst seine etwa 1.300 Seiten starke "Anatomy of Melancholy", über die noch im Jahre 2001 ein Kritiker sagt, sie sei "the book to end all books", als Betroffener. Mit der Melancholie, soll das heißen, wird nur fertig, wer sich ihr aussetzt. Doch darf man von der homöopathischen Selbstbehandlung nicht zu viel erwarten. Die "Anatomy" heilt Autor wie Leser nicht von der Schwermut, wohl aber von dem Glauben an die Heilung. Burton weiß das. Während das Buch zum Unterhaltungsschlager der englischen Literatur avanciert, verweigert sich sein Autor hartnäckig dem Erfolgsrausch. Am Ende seines großartigen Melancholieprojekts steht das, was man eine existenzielle Selbstbeglaubigung nennen könnte: Am 25. Januar 1640 macht Burton seinen Unfrieden mit der Welt, indem er von eigener Hand aus dem Leben scheidet.

Auch 300 Jahre nach dem Freitod ihres Hohepriesters ist die Grabesstimme der Melancholie nicht verklungen. Denn glücklicherweise hat Burton einen späten Schüler, dem der Appell zum Ärmelaufkrempeln und Mitmachen partout nicht in die Ohren will und die rosarote Brille nicht auf den Nasenrücken. Ich meine den Gießener Anglisten Ulrich Horstmann. Schon 1988 hat Horstmann aus dem Mammutwerk einen repräsentativen Extrakt gezogen und ihn zusammen mit einem Nachwort unter dem Titel "Anatomie der Melancholie" veröffentlicht. Es handelt sich dabei um das um ein Drittel gekürzte "Buch I" des sich insgesamt in drei "partitions" gliedernden Werks. Eine Taschenbuchausgabe erschien 1991. Der jetzt vorgelegte Band "Die Anatomie der Schwermut" folgt den früheren Ausgaben aufs Wort. Bemerkenswerterweise bringt der Herausgeber den Heimsuchungen der Schwermut aber weit mehr als nur philologisches Interesse entgegen.

In "Der lange Schatten der Melancholie" (1985) rehabilitiert Horstmann das melancholische Temperament gegenüber seiner Ausgrenzung als Krankheit in der Medizin, als Sünde in der Theologie und als Unverstand in der Philosophie. Und er sieht die Grunderfahrung der Schwermut, das Eingeständnis, dass die Nichtexistenz der Existenz vorzuziehen ist, angesichts des atomaren Vernichtungspotenzials um eine pragmatische Dimension bereichert: "Die Qual ist endlich geworden, die 'Wunde des Nichts', an der der Melancholiker laboriert, lässt sich auf Knopfdruck schließen, die Menschenleere, ehedem nur ausdenkbar, steht bombensicher ins Haus." Der moderne Melancholiker wird zum Apokalyptiker. In der Anthologie "Die stillen Brüter" (1990) trägt Horstmann melancholisches Strandgut aus mehreren Jahrhunderten zusammen, die Essays "Ansichten vom Großen Umsonst" (1991) untersuchen das Verhältnis von Schwermut und Kunst.

Was Horstmanns Melancholiker und vermutlich genauso den Melancholiker Horstmann aufwühlt, ist das durch nichts aus der Welt zu schaffende Provisorische unseres Daseins. Der Schwermütige weiß um die Begrenztheit seiner Existenz, in seinem Inneren rumort das Bewusstsein um die Unausweichlichkeit des Todes. Kunst im Sinne Horstmanns versucht, den unwiederbringlichen Augenblick im Kampf gegen Vergehen und Verlöschen zu fixieren, seine Dauer zu verewigen. Da ihr dies nicht gelingt und sie sich über die Vergeblichkeit des eigenen Unterfangens nicht hinwegtäuschen kann, vollzieht sie die melancholische Enttäuschung gewissermaßen noch einmal am eigenen Leibe: Sie melancholisiert sich ebenfalls. Kunst als "Großes Umsonst" ist der nie enden wollende Protest gegen das Vergehen im Vergehen, der "Triumph über das Scheitern im Scheitern". Wie die Melancholie in den Kunstwerken ästhetisch produktiv wird, so vervollkommnet sich der Melancholiker statt im Trübsalblasen in der "schönen Kunst der Kopfhängerei".

Wie das geht, hat Burton in seinem ungemein welthaltigen, von Zitaten und derben Schwänken überbordenden Werk vorgemacht. Gerade die Erfahrung des Ungenügens, der Haltlosigkeit und der Leere, heißt das, mündet nicht in düstere Schwarzseherei. Sie sucht den tieferen Kontakt zur Wirklichkeit und gebiert eine neue Fülle des Daseins. So lernen wir den Melancholiker Burton durch die Brille Horstmanns schließlich neu kennen. Zu Horstmanns Burton-Lesart gehört neben der Betonung der Randständigkeit und des Abgeschriebenseins des Schwermütigen und seiner originären Leistung, der "Initiation in das Große Umsonst" gegenüber allen psychiatrischen Ausgrenzungsversuchen, am Ende auch die Auswahl selbst. Als bekennender Melancholiker möchte Horstmann dieses Leiden möglichst unmittelbar erfahrbar machen. Deswegen fallen die von Burton in "Buch II" vorgestellten Heilverfahren bei ihm kurzerhand durchs Raster. Aus dem gleichen Grund verzichtet er auf einen textkritischen Apparat und lässt seinem Säulenheiligen stattdessen lieber eine handfeste, pralle Sprache angedeihen. Weil dies so ist, liest jeder, der Burton liest, immer auch ein bisschen Horstmann, der bei Burton in die Schule gegangen ist. Die Literaturwissenschaft nennt das "Nachdichtung". Man könnte aber auch von Veredelung sprechen.

Im vorliegenden "Buch I" definiert Burton zunächst den Begriff der Melancholie und grenzt ihn ab vom Irr- und Wahnsinn. Dann führt er die Personengruppen an, die besonders anfällig für Schwermut sind. Dazu zählen diejenigen, "die bei ihrer Geburt den schlechten Einflüssen von Mond, Saturn, Merkur ausgesetzt waren, die in einem übermäßig heißen oder kalten Klima leben, melancholische Eltern haben [...], kleine Köpfe, heiße Herzen, eine heiße Leber und einen kalten Magen besitzen". Männer sind anfälliger für Schwermut, Frauen erkranken seltener, aber schwerer. Burton zählt verschiedene Arten der Melancholie auf und untersucht die Ursachen der Schwermut. Zu den Melancholieauslösern gehören schwerverdauliche Lebensmittel, Milchprodukte, übermäßiges Essen ebenso wie Sport, Schlaflosigkeit, Angst, Neid, Ehrgeiz, Egoismus und Armut. Verbreitete Symptome sind Schwindelanfälle, Zittern, kalter Schweiß, Herzklopfen, Angst und Kummer. Burton und Horstmann sind sich einig, dass niemand, der die Reise in die Abgründe der Melancholie angetreten hat, anhalten oder aussteigen kann. "Selten", lässt der Übersetzer den ins dritte Jahrtausend Übergesetzten sagen, "endet die Melancholie tödlich, außer in den Fällen [...], in denen die Opfer Selbstmord begehen, was häufig geschieht."

Titelbild

Robert Burton: Die Anatomie der Schwermut.
Übersetzt aus dem Englischen von Ulrich Horstmann.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2003.
450 Seiten, 26,50 EUR.
ISBN-10: 3821845295

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