Der ganz normale amerikanische Wahnsinn

DBC Pierre reißt in "Jesus von Texas" der amerikanischen Gesellschaft die Maske herunter

Von Anette MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anette Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einiges ist schief gelaufen im Leben von DBC Pierre, wenn man der Legende Glauben schenken möchte: Betrügereien, Schießereien, Schulden, Drogen- und Spielsucht, Vielweiberei, eine nach einem schweren Autounfall notwendige chirurgisch-plastische Operation, um sein Gesicht rekonstruieren zu lassen. Vielleicht sind die Geschichten, die der Verlag um DBC Pierre kolportiert, wahr - vielleicht auch nicht. Vielleicht muss ein Autor auch all diese oben genannten Dinge erlebt haben, um einen solch großartigen Roman wie "Jesus von Texas" zu schreiben. Auf jeden Fall muss ein Autor, der mit der US-amerikanischen Gesellschaft so abrechnet wie Pierre, wohl ein gebürtiger Australier sein, der in Mexiko aufgewachsen ist und heute in Irland lebt. Was auch immer an den Geschichten um Pierre wahr sein mag, er hat eine unvergessliche literarische Figur geschaffen, nämlich die des Vernon Gregory Little.

Vernon Gregory Little ist ein typischer amerikanischer Jugendlicher mit einer leicht gestörten Mutter, die ihre Tage mit Bestellungen beim Shoppingkanal verbringt, einem Vater, der seit ein paar Monaten verschwunden ist, und einem einzigen Freund, der Mexikaner Jesus, der ebenso wenig wie Vernon in den sauberen Cheerleader-Kosmos seiner High-School passt.

Was Vernon jedoch von anderen Teenagern in dieser Situation unterscheidet, ist die Tatsache, dass Jesus eines schönen Morgens - Vernon hat eigentlich gerade Mathe - mit einem Gewehr durch die Schule zieht und erst 16 Klassenkameraden und dann sich selbst tötet. Da Vernon Jesus einziger Freund war, ist die gesamte Bevölkerung der texanischen Stadt Martirio schnell davon überzeugt, dass Vernon an der Sache beteiligt war. Bevor Vernon klar wird, was an seiner Schule passiert ist, sitzt er bereits im Gefängnis, und es beginnt eine ebenso komische wie schockierende Achterbahnfahrt durch die Realität der amerikanischen Gesellschaft. Vernon lernt schnell, sich von dieser Gesellschaft keinerlei Gerechtigkeit oder gar Solidarität zu erhoffen - ein angeblicher CNN-Reporter namens Lally, der sich zuerst das Vertrauen des gegen Kaution freigelassen Vernon erschleicht, entpuppt sich als fieser, berechnender Betrüger, der sich auf Vernons Kosten ein Medienunternehmen aufbaut.

Vernon türmt bei der ersten sich bietenden Gelegenheit und schlägt sich nach Mexiko durch, aber auch hier wird er verraten und findet sich bald in Martirio wieder, wo man diesmal darauf erpicht ist, ihm jeden unaufgeklärten Mord der letzten Monate anzuhängen. Ob Vernon mit dem Blutbad an der Highschool etwas zu tun hat oder nicht, bleibt bis zum Ende offen - als Erzähler bestreitet er zwar jegliche Beteiligung, bringt sich durch Lügen jedoch auch immer wieder in Bedrängnis -, wobei Vernon anmerkt, dass seine Lügen sich nicht so sehr von den gesellschaftlich akzeptierten Lügen unterscheiden: " wenn du schon so weit bist, spielt es keine Rolle mehr, ob du die Lüge gestehst oder verdammt noch mal dabei erwischt wirst. Die Leute werden sagen: ,Aber er klang doch so glaubwürdig!' Dann geht ihnen auf, dass du eine komplette Parallelwelt vor ihnen ausgebreitet hast, voll von imaginärer Scheiße. Ist 'ne miese Sache, ich weiß, und ich kann's ihnen nicht verdenken, dass sie sauer sind. Aber trotzdem - plötzlich ist es, als ob man ein schwerer pathologischer Fall ist, dabei sind das dieselben Leute, die sich einen Moment später umdrehen und so was sagen wie: ,Tut mir leid, Gloria, ich schaff's einfach nicht - meine Verwandten sind gerade aus Denver gekommen.'"

Eben diese kleinen Alltagslügen sind es, die es in Vernons Augen überhaupt erst möglich machen, dass die Gesellschaft auch die größeren Lügen akzeptiert bzw. die Wahrheit, sollte sie unbequem sein, nicht sehen möchte - nur so kann Vernon sich erklären, warum es möglich ist, dass die Gesellschaft ihn willig als Sündenbock akzeptiert, auch wenn es geographisch und zeitlich unmöglich ist, dass er innerhalb einer Stunde zwei Morde in weit voneinander entfernten Ecken des Bundesstaates begangen haben soll.

Vernon sieht, dass es weniger der Einzelne ist, der verkommen ist, sondern vielmehr die Gesellschaft als Ganzes - eine Gesellschaft, in der Medienbilder von größter Wahrhaftigkeit sein sollen, in der sich "Wahrheiten" zurecht frisiert werden, um bequem zu bleiben - für die Stadt Martirio bleibt es stets einfacher, Vernon Gregory Little zum Sündenbock für Jesus' Taten zu machen, als die nach den eigentlichen Ursachen für das Massaker an der High School zu suchen. Vernon fasst dieses Phänomen in einem einzigen Satz zusammen: "Man ist nur dann man selbst, wenn man nichts mehr zu verlieren hat."

Erzählerisch und sprachlich ist "Jesus von Texas" ein gewaltiger, wunderbarer, erschreckender und unvergesslicher Roman, der den letztjährigen Booker Preis zu Recht bekommen hat, und im Großen und Ganzen kann der Aufbau Verlag, der den Roman in Deutschland verlegt, auch mit der Übersetzung sehr zufrieden sein. Dennoch fragt man sich, warum aus dem Originaltitel "Vernon God Little" der deutsche Titel "Jesus von Texas" wurde, der mehr als irreführend ist. Auch fragt man sich, warum der Übersetzer Karsten Kredel seine ansonsten wirklich gute Übersetzung schmälert, in dem er manche Worte eindeutscht und damit Sätze wie "Ich meine, ich kapier nicht, wie ein so nerdiger Hund Präsident der Kläfferrunde werden kann." entstehen.

Titelbild

DBC Pierre: Jesus von Texas. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Karsten Kredel.
Aufbau Verlag, Berlin 2004.
383 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3351029969

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