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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2004 » Fremdsprachige Literatur
 
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"Atmender Beton" und "schlafende Gegenstände"

Yôko Ogawas "Schwimmbad im Regen" - Erzählungen ungewöhnlichen Stils

Von Evelyne von BeymeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Evelyne von Beyme

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Oftmals irritiert außereuropäische Literatur durch ihren etwas eigenartig und fremd wirkenden Metapherngebrauch und ihre Vergleiche, die mitunter aus einem völlig anderen kulturellen und politischen Umfeld entsprossen sind. Oftmals sorgen auch die ungewöhnlichen Assoziationsstrukturen, die den bindenden Zusammenhang dieser Werke stiften, für Verwirrung.

Nicht anders verhält es sich mit den drei Erzählungen in Yôko Ogawas Erzählband "Schwimmbad im Regen". Das im letzten Jahr aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzte Buch hatte bereits in seinem Publikationsjahr 1991 in Japan einen durchschlagenden Erfolg, der die heute 42-jährige Schriftstellerin zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten in der Gegenwartsliteratur ihres Landes machte.

Mit einem wahrgenommenen, anfangs noch unbestimmbaren Geräusch der Ich-Erzählerin leitet Ogawa die erste ihrer Erzählungen mit dem Titel "Das Wohnheim" ein:

"Erst vor kurzem habe ich bemerkt, daß es da ein Geräusch gibt. Wann ich es bemerkte, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Auf dem Pfad der Erinnerung, der mich direkt mit meiner Vergangenheit verbindet, existiert ein blinder Fleck, an dem dieses Geräusch sein heimliches Eigenleben führt [...]. Ganz plötzlich, wie Mikroorganismen in einer transparenten Schale mit Nährboden unversehens ein feines Pünktchenmuster bilden, ist das Geräusch aufgetaucht."

Gedanklich führt dieses Geräusch die Protagonistin zu ihrem früheren Studentenwohnheim zurück. Plötzlich wird das Bild des einstigen Domizils durch einen Anruf ihres dreizehn Jahre jüngeren Cousins wieder gegenwärtig. Das Sentiment beim Wiedersehen des alten Wohnheims oszilliert bei der Verheirateten zwischen Erinnerung und einer ungewohnten, in Verlassenheit gebetteten Fremde, für die das mysteriöse Verschwinden eines Physik-Studenten verantwortlich ist. Die Erzählung nimmt Formen einer Detektivgeschichte an, in der die ehemalige Studentin den Vorfall aufzudecken sucht. Durch die Perspektivierung auf die Ich-Erzählerin glaubt der Rezipient der Protagonistin ihre Rolle als Detektivin und entwickelt die Erwartungshaltung, der Aufdeckung eines Mordes beizuwohnen. Die Spannung steigert sich ins Dramatische, nur der Leser wird am Ende durch Ogawas Spiel mit dem Genre düpiert, als sie ihn mit dem unerwarteten Übergang vom Dramatischen zum Komischen überrascht.

Gemeinsam ist allen Erzählungen der japanischen Schriftstellerin eine realistische Ebene, die durch die Ermangelung des allzu Schönen den Blick auf eine klare Linie bei "Das Wohnheim", "Tagebuch einer Schwangerschaft" und "Schwimmbad im Regen" öffnet, die bei der zweiten Erzählung ("Tagebuch einer Schwangerschaft") besonders hervortritt.

Eine junge Studentin schildert hier auf recht eintönige Weise die Schwangerschaft ihrer älteren Schwester, die in einer rational-emotionslosen Beschreibung endet: "das behinderte Baby meiner Schwester". Die gewählte Form des chronologischen Tagebuchs, die Darstellung gewöhnlicher Vorgänge und nicht zuletzt die Behinderung des Neugeborenen reflektieren eine unbeschönigte, zum Teil harte Sicht der Wirklichkeit. Und die von Hubert Winkels als mitunter "naiv und kalt, kindlich und ausgebufft zugleich" charakterisierte Erzählhaltung findet in der Darstellung abstruser Neigungen - wie das Klopfen von Vaters und Sohn an fremde Türen mit der Frage "Haben sie Kummer?" - ihren Gegenpol.

Wie Julia Schoch in ihrem 2002 erschienen Erzählungsband "Der Körper des Salamanders" (siehe Literaturkritik.de 6-2003) setzt auch Ogawa für alle drei Geschichten einen weiblichen Erzähler ein. Auffällig an der Figurenkonstellation der Japanerin ist, dass niemals mehr als drei Personen auftreten, und dass deren Dialoge sich auf wenige, einfache Worte beschränken. In dem entworfenen Beziehungsgeflecht trifft der Leser immer wieder auf Paare, wo sich die Frau in einer räumlichen oder sprachlichen Distanz zu ihrem Partner befindet, die Ogawa anscheinend bewusst mit ins Spiel bringt, um der Figur eine größere Handlungsfreiheit einzuräumen.

Obgleich "Schwimmbad im Regen" - wie auf die meisten Erzählungen zutreffend - eher zu den handlungsärmeren Texten zählt und der alltägliche Sprachgebrauch in Ogawas Werk dominiert, entgeht die Schriftstellerin der Gefahr einer sich auftuenden Langeweile durch ihre untypischen Vergleiche und Metaphern, die von "atmender Beton" bis hin zu "schlafenden Gegenständen" reichen. Gerade Ogawas dritte Erzählung, deren Titel auch der Erzählband trägt, stellt wohl die poetisch reichhaltigste dar. Das dort eingesetzte Zeit gestaltende Mittel der Rückblende überzieht die dargestellte Gegenwart mit einem Assoziationsstrang, der sich zwischen einer "Schulküche in der Abenddämmerung" und einem "Schwimmbad im Regen" aufspannt. Allein schon das in diesem Kontext auftretende Motiv des Ekels und der polysemantische Schlusssatz "Die Kette in meiner Hand blieb lange kalt" verraten, warum Ogawa für ihr literarisches Werk den renommierten Akutagawa-Preis erhielt.

Titelbild

Yoko Ogawa: Schwimmbad im Regen. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler.
Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2003.
160 Seiten, 17,50 EUR.
ISBN-10: 3935890133

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 literaturkritik.de » Nr. 6, Juni 2004 » Fremdsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 04.06.2004 - 12:40:13
Erschienen am:01.06.2004
Lesungen: 5056
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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