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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2004 » Fremdsprachige Literatur
 
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Gibt es ein Leben vor dem Tod?

Harry Mulischs Roman "Archibald Strohalm"

Von Ingrid Ickler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Diese Frage stellt sich der knapp zwanzigjährige Archibald Strohalm, der Protagonist in Harry Mulischs Debütroman, der jetzt, mehr als fünfzig Jahre nach der Originalausgabe, in einer Neuauflage bei Hanser erschienen ist.

Der Autor lässt seine Hauptfigur durch die Hölle gehen. Ausgelöst durch die Begegnung mit einem alten Puppenspieler, der in seinen Stücken Furcht und Schrecken verbreitet, um seine kindlichen Zuschauer zum "rechten Glauben" zu führen, bricht Strohalm mit seinem bislang geordneten Beamtenleben. Er fordert den Alten heraus: Nicht mit furchterregenden Geschichten, sondern mit dem Lachen will er Einfluss auf die kindlichen Seelen nehmen. Deshalb will er ein durch Witz und Heiterkeit geprägtes Stück schreiben.

Doch Strohalm scheitert an seinem Vorhaben. Er zieht sich völlig aus der Welt zurück und lebt nur noch für sein Stück. Dabei steigert er sich in einen wahnhaften Zustand hinein. In alptraumartigen Sequenzen schildert Mulisch die Auseinandersetzung seiner Hauptfigur mit den Kardinalfragen des Lebens: Was ist gut, was ist böse? Was ist Liebe? Worin liegt der Sinn des Lebens?

Einzig die Schwangerschaft der Frau seines Künstlerfreundes gibt ihm noch Bodenhaftung; parallel zu dieser biologischen "Menschwerdung" versucht er sich an einer geistigen. Doch während die Geburt des Kindes ihren Gang geht, gerät die "Geburt" seines Stückes zum Fiasko: Die enttäuschten Zuschauer nehmen sein Kasperltheater auseinander und er selbst bezieht Prügel.

"Archibald Strohalm" wird vor allem durch den historischen Kontext verständlich, in dem der Roman verfasst wurde. Mulisch scheint in den Alpträumen Strohalms eigene Kriegserlebnisse zu verarbeiten, mit einer Mischung aus Philosophie und Motiven aus der griechischen Mythologie sucht er nach einem neuen moralischen Rahmen für sich und die Nachkriegsgesellschaft. Leider geraten ihm seine Szenen oft verworren und unverständlich, häufig kippen Strohalms Gedankenexperimente von glaubhaften Ängsten in langatmige, magisch überhöhte Monologe, die dem Leser einiges an Geduld abverlangen. Hier wäre weniger mehr gewesen und so hinterlässt "Archibald Strohalm" einen zwiespältigen Leseeindruck: eine Mischung aus Faszination und Langeweile.

Diese Neuausgabe dürfte weniger ein literarischer Geniestreich sein als eine Referenz des Hanser Verlags an den großen Erzähler Harry Mulisch, so wie wir ihn heute kennen.

Titelbild

Harry Mulisch: Archibald Strohhalm. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 2004.
300 Seiten, 21,50 EUR.
ISBN-10: 3446204644

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Letzte Änderung: 01.07.2004 - 16:17:33
Erschienen am:01.07.2004
Lesungen: 6224
© bei der Autorin und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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