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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2004 » Fremdsprachige Literatur
 
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Mit giftigen Federn wider die Kräfte der Finsternis

Historischer Krimi und moderne Gothic Novel - Pablo De Santis' dritter Roman "Voltaires Kalligraph"

Von Julia Schuster

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das geschriebene Wort im Zentrum der Handlung eines Kriminalromans? Der Argentinier Pablo De Santis stellt wie in seinen beiden vorhergehenden Werken "Die Übersetzung" (2000) und "Die Fakultät" ( 2002) Sprache, Literatur und Philosophie in den Mittelpunkt des Romans. Diesmal wird "Voltaires Kalligraph" Dalessius in ein Netz aus Mord und Intrigen vor dem Hintergrund des untergehenden Ancien Régime verwickelt.

Dalessius, zwanzig Jahre jung, wird Schönschreiber des kauzigen Philosophen Voltaire. In dessen Auftrag reist er nach Toulouse, um dort den Fall des zum Tode verurteilten Bürgers Jean Calas zu recherchieren. Seine Untersuchungen führen ihn jedoch schon bald nach Paris und dort auf die Spur einer ungeheuerlichen Verschwörung des Klerus. Ist der Bischof wirklich noch am Leben, wie der undurchsichtige Abt Mazy behauptet, oder haben ihn die machtgierigen Dominikaner durch einen beinahe lebensechten Schreibautomaten ersetzt, um den aufklärerischen Enzyklopädisten den Machtzugriff zu verwehren? Voltaire zieht die Fäden aus dem Hintergrund und schickt seinen Spion, der eigentlich nur "für die unzweifelhafte Linienführung, nicht aber für die Wahrheit der Worte" zuständig sein will, von einem Abenteuer ins nächste. Dabei trifft er auf solch skurrile Gestalten wie den Henker, der an der perfekten Hinrichtungsmaschine arbeitet, und den Uhrmacher, der automatische Menschen herstellen kann und seine statuenhafte bildschöne Tochter im Haus versteckt hält. Dalessius geht mit den Waffen eines Kalligraphen, wie unsichtbare Tinte und giftige Federn, gegen seine Widersacher vor, um mit Voltaire den Komplott der Kleriker aufzudecken.

Pablo De Santis greift auf historische Begebenheiten wie den Justizskandal um Jean Calas im Jahre 1761 zurück, den Voltaire in seinem berühmten "Traité sur la tolérance" öffentlich machte. Bedauerlich ist, dass die komisch angelegte Romanfigur Voltaire stark im Hintergrund bleibt und der Ich-Erzähler Dalessius fast völlig hinter die Handlung zurücktritt. Dennoch werden sowohl Krimileser als auch Liebhaber der Gruselliteratur ihre Freude an dem Roman haben: finstere Schlösser mit geheimen Treppen und Türen, dunkle Gassen, Friedhöfe und nächtliche Postkutschenfahrten entstammen dem Genre der klassischen Gothic Novel, die verschwörerischen Geistlichen mit der giftigen Tinte erinnern an Umberto Ecos "Der Name der Rose". Mit den unheimlichen Automaten, die Menschen sein könnten, wird ein typisches Thema der Schauerromantik aufgegriffen, wie es etwa E.T.A Hofmann in "Der Sandmann" verarbeitete. Trotz allem dreht sich letztendlich alles um die Leidenschaft des Kalligraphen, das geschriebene Wort - ob auf Papier oder auf Frauenkörpern, von Menschen- oder Maschinenhand.

Mit "Voltaires Kalligraph" hat Pablo De Santis einen intelligenten und zugleich vergnüglichen Kriminalroman geschrieben, der sich zwar leicht und schnell lesen lässt, durch sein hohes sprachliches Niveau und seinen Wortwitz aus der Masse der historischen Kriminalromane jedoch heraussticht.

Titelbild

Pablo De Santis: Voltaires Kalligraph.
Übersetzt aus dem Spanischen von Claudia Wuttke.
Unionsverlag, Zürich 2004.
186 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3293003281

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Letzte Änderung: 01.07.2004 - 16:17:34
Erschienen am:01.07.2004
Lesungen: 4151
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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