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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2004 » Literatur und Zensur
 
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Ich ist ein anderer

Alban Nikolai Herbst erzählt in "Meere" nah an der Wirklichkeit entlang

Von Christoph JürgensenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christoph Jürgensen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Frage nach dem Legierungsverhältnis von Dichtung und Wahrheit in einem Text ist etwa so alt wie die Literatur selbst: Wer steckt hinter einer Figur, wer wurde hier abkonterfeit? Immer wieder entdeckt sich jemand in einem Roman, und wenn er sich nicht freundlich genug gezeichnet findet, ist das Geschrei laut, und manchmal zieht er dann sogar vor Gericht, um seine Ehre zu retten oder seine Privatsphäre zu schützen. Tatsächlich lassen sich die Vorbilder für literarische Charaktere trotz aller literaturwissenschaftlichen Vorbehalte gegenüber der Überschreitung der Text-Kontext-Grenze immer wieder derart leicht (und wohl auch beabsichtigt) identifizieren, dass sich Gerichte für ein Verbot der Texte entscheiden, wie etwa in den äußerst prominenten Fällen von Klaus Manns "Mephisto" oder Thomas Bernhards "Holzfällen", zu deren Wirkungsstrategien die Dechiffrierbarkeit ihrer Anspielungen aber gerade konstitutiv gehörte - somit lässt sich ein Verbot etwa von Manns "Mephisto" fast als Erfolg des Autors bewerten, weil auf diesem Wege die auch außerliterarische Gültigkeit seiner Diagnose bestätigt wurde.

Grundsätzlich ist Literatur aber etwas ganz anderes als die Wirklichkeit, und Autoren haben immer wieder auf diese Differenz hingewiesen und ihr Recht auf die künstlerische Verwertung lebensweltlicher Erfahrungen verteidigt. Die wohl berühmteste poetologische Stellungnahme zu diesem Problemkomplex ist Thomas Manns Essay "Bilse und Ich". Mit dieser kunsttheoretischen Rechenschaftsschrift reagierte er auf eine vor Gericht ausgetragene "literarische Beleidigungssache", in der auch von den Buddenbrooks "viel und heftig die Rede gewesen" ist. In hohem Stil nimmt Mann entschieden Partei für die dichterische Freiheit und gegen den Vorwurf, beleidigende Schlüsselromane so nah an der Realität entlang zu verfassen, dass jemand sich darin wieder finden könne: Die "Beseelung, die Durchdringung und Erfüllung des Stoffes mit dem, was des Dichters ist, macht den Stoff zu seinem Eigentum, auf das, seiner innersten Meinung nach, niemand die Hand legen darf." Auch sei Vorbedingung jeder "neuen und ursprünglichen Leistung" eine Unabhängigkeit, über die "Forderungen von Rücksicht und Bürgertakt" nichts vermögen, und prinzipiell überschätze die Wirklichkeit "den Grad, in welchem sie für den Dichter, der sie sich aneignet, überhaupt noch Wirklichkeit bleibt".

Wenig überraschend ist, dass Manns energisches Eintreten diese für den Umgang mit Literatur elementare Kontroverse nicht lösen konnte, ja, dass sie sich wohl niemals lösen lassen wird. Prägnant zeigt sich der Konflikt zwischen Literatur und Wirklichkeit nun erneut an zwei soeben erschienenen Texten: Zunächst wurde Maxim Billers Roman "Esra" verboten, da zwei Klägerinnen sich in dem Text wiedererkannten und gegen die Verletzung ihrer Privatsphäre klagten. Und dann erfuhr "Meere", der neue Roman von Alban Nikolai Herbst das gleiche Schicksal, da sich eine frühere Freundin des Autors in verzerrender Weise dargestellt sah. Natürlich verwiesen in beiden Fällen Autoren und Verlage auf die Freiheit der Kunst, und gelegentlich wurde sogar von Zensur gesprochen - doch von Zensur kann hier nicht sinnvoll die Rede sein, meint doch Zensur einen Eingriff von staatlicher Seite, gegen den keine juristische Verteidigung möglich ist. Im Falle der Verbote von "Esra" und "Meere" prallen stattdessen zwei Grundrechte aufeinander, nämlich die Freiheit der Kunst und der Schutz der Persönlichkeit.

Für den Rezensenten ist sowohl das juristische Problem als auch die Frage nach dem Grad der Fiktionalisierung naturgemäß nicht entscheidbar, zumal Herbst ehemalige Geliebte keine Person der Zeitgeschichte ist und über sie daher nichts bekannt ist - außer eben dasjenige, was sein Roman uns fiktional gebrochen mitteilt. So bleibt uns nichts anderes übrig, als sich - wie bei literarischen Werken eigentlich üblich - des manifesten Textes anzunehmen und darauf zu verweisen, dass dessen Kunstwerkcharakter auch dann noch bestehen wird, wenn die Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten längst erloschen sind. Dennoch verwundert es auf den ersten Blick, dass ausgerechnet ein Autor wie Herbst mit derartigen Vorwürfen konfrontiert wird, ein Autor, der vom breiten Publikum bis zum Skandal der Indizierung nicht zur Kenntnis genommen wurde, einem kleinen Kreis aber durchaus vertraut ist als Schöpfer experimenteller, fantastisch-mythologischer Welten wie etwa des 1000-seitigen Romans "Wolpertinger oder das Blau" (1993) oder von "Thetis. Anderswelt" (1998), in denen die Realitäts-, Fiktionalitäts- und Zeitebenen komplex ineinander greifen und bei denen wohl niemand auf die Idee biographischer Spurensuche käme. Der Grund für die veränderte Lesehaltung liegt wohl darin, dass Herbsts "Meere" deutlich autobiographisch grundiert ist, dass er sich hier erstmals umfassend der eigenen Lebensgeschichte annimmt, also einen persönlicheren Blick hinter die literarischen Masken, auf seine Kindheit und vor allem auf seine Familiengeschichte erlaubt. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang vor allem eine familiäre Konstellation: Herbst wurde als Alexander von Ribbentrop geboren, Großneffe desjenigen Ribbentrop, der Außenminister im Dritten Reich war und der 1946 hingerichtet wurde, ein Wissen, dass Herbst beim Leser inzwischen durchaus voraussetzen kann und mit dem er offensichtlich spielt - und insofern liegt es auch nicht ganz fern, ihn als Figur in "Meere" wieder zu erkennen; dennoch sind solche Feststellungen stets mit Vorsicht zu bewerten, zeichnet doch viele Romane gerade das Spiel des Autors mit seiner Biographie aus.

"Meere" ist ein Künstler- und ein Liebesroman zugleich. Auf einer Vernissage lernt der vierzigjährige Objektkünstler Fichte die zwanzig Jahre jüngere Irene kennen, und es entsteht augenblicklich eine unwiderstehliche Anziehung zwischen den beiden - wer sich an die erste Begegnung zwischen den von Jeremy Irons und Juliette Binoche gespielten Figuren in Louis Malles "Verhängnis" erinnert, wird sofort ahnen, wie es weitergeht. Doch Herbst dreht die Schraube der Obsession noch einige Drehungen weiter als Malle, denn in "Meere" ist die Liebe nicht nur am Ende, sondern durchgängig untrennbar mit körperlicher und psychischer Gewalt verbunden: "Schlag mich bitte", fordert die Geliebte Fichte auf, und so hebt eine sadomasochistische Amor fou an, die den Leser verstören und bis an die Grenze des Ertragbaren führen wird. In selten erlebter Deutlichkeit und Kompromisslosigkeit schildert Herbst, wie sich diese Beziehung von Grenzverletzung zu Grenzverletzung bewegt, und erspart uns dabei kein noch so schockierendes oder ekelerregendes Detail.

Leidenschaftlich ergriffen leistet Irene einen Liebesschwur, der in einer normalen Liebesgeschichte die Verheißung eines glücklichen Ausgangs wäre, der sich in "Meere" aber als Ankündigung des Verhängnisses entpuppt. "Du wirst mich nie mehr los." Die Beziehung ist zu Beginn des Romans längst zerbrochen. Noch vor die eigentliche Handlung ist ein kurzer, wie eine Pressemeldung anmutender Text geschaltet, der auf das Ende des Romans voraus weist und keinen Zweifel daran lässt, dass hier kein "Und so lebten sie glücklich bis an ihr Ende" erzählt werden wird. Der letzte Satz dieses Vortextes lautet nämlich: "Ein Wiedersehen mit Frau Adhanari-Jessen hat Fichte bis heute verweigert." Der Auftakt des Romans zeigt Fichte in seinem selbst gewählten Exil in Sizilien, wo er sich in endlosen Erinnerungsschleifen seiner Geschichte und der Ursachen für sein Scheitern zu bemächtigen versucht. Da er immer wieder neu ansetzt, lernt der Leser die Protagonisten Schicht für Schicht besser kennen und versteht langsam, dass Fichtes kompromissloses, getriebenes Künstlertum keine echte Nähe, keine Ruhe zulässt, auch dann nicht, als Irene und er einen Sohn bekommen. Zum Problem wird die familiäre Gemeinsamkeit vor allem, da sie die sexuelle Begehrlichkeit und damit den nucleus ihrer Bindung verschwinden lässt. Immer häufiger geht Fichte nun fremd, denn: "Fremdheit machte Erektion." So verliert er Irene nach einer demütigenden Auseinandersetzung, die immer nur als die "Blutschlacht" bezeichnet wird, schließlich endgültig.

Der Kern von Fichtes Getriebenheit liegt in seiner Familiengeschichte. Er ist der Enkel von Werner von Kalkreuth, einem Kriegsverbrecher der Nazizeit, und trägt schwer an dessen Namen und Schuld. Schon in der Schule fällt der verhängnisvolle Satz, der sich leitmotivisch durch den Roman zieht: "Du wirst auch einmal aufgehängt wie dein Großvater, Kalkreuth", und so fühlt er sich als kleiner, verfolgter "Judenjunge". Aus diesem Grund erfindet der junge Mann sich selbst neu, wird von Julian von Kalkreuth zu Fichte, der all diese Probleme nicht hat, dem alles gelingt, was Kalkreuth nicht gelingen wollte. Als wütender Außenseiter des Kunstbetriebs geht er auf seine ganz eigene Art mit Erinnerung und Schuld um. "Fichte hat nie sublimieren wollen. Immer das Leben direkt. Daher dieses öffentliche Missverständnis über seine Kunst. Es geht ihr nicht darum, ein Manko zu beheben. Sie will das Manko sein." So schafft er "Höllenpaläste", riesige Installationsobjekte, in denen er die Gewalt in sich ausdrückt und denen die Kritik bald Unmenschlichkeit und Verherrlichung der Gewalt vorwirft. Herbst führt hier über seinen Protagonisten eine wütende Fehde gegen ein wohlfeiles Erinnern, dass sich selbst immer in sicherer Distanz zu den Gräueltaten weiß. Und wie nebenbei ist in die Handlung damit eine Satire auf den Kunstbetrieb eingearbeitet, die bissig zeigt, dass und wie derjenige ausgegrenzt wird, der nicht den 'Stallgeruch' des Systems hat, der sich dem bequemen Konsens verweigert.

Ruhe vor der Gewalt findet "Fichte Ahab" jedoch nicht in der Kunst, sondern nur im Sex: "Letztlich besaß allein Sex die Gewalt, ihn aus seinen ewigen Kämpfen zu reißen." Doch auch dieser Fluchtraum verschließt sich ihm, als Irene ihre dominante Seite entdeckt, ihre Unterwürfigkeit aufgibt und nun als eigenständiger Mensch behandelt werden will. "Da lernte Fichte, was Kalkreuth immer schon wußte: daß es ein Zuhause nicht gibt."

Eindruckvoll führt Herbst dieses Scheitern eines Selbstentwurfs vor, dessen Misslingen sich zudem daran zeigt, dass sich keine eindeutige Erzählinstanz zu etablieren vermag - immer stärker wechselt die Perspektive im Verlauf des Textes zwischen Ich- und Er-Stimme. So ergibt sich schließlich ein beeindruckendes Psychogramm einer Künstlerpersönlichkeit, deren Selbstentwurf an den inneren Kämpfen scheitert. Was davon nun (auto-)biographisch ist, kann zumindest dem mitgenommenen und faszinierten Leser dieses intensiven und rücksichtslosen Textes gleichgültig sein.

Kein Bild

Alban Nikolai Herbst: Meere. Roman.
Marebuchverlag, Hamburg 2003.
264 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-10: 3936384096

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 literaturkritik.de » Nr. 7, Juli 2004 » Literatur und Zensur
 

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Letzte Änderung: 01.07.2004 - 16:17:35
Erschienen am:01.07.2004
Lesungen: 5260
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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