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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2004 » Literaturwissenschaft und Literaturkritik
 
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Der Einfluss des Kinos auf die Rezeption der Literatur

Andrea Kresimons Untersuchung zu Intermedialität und intermedialen Prozessen im Werk Ingeborg Bachmanns

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dieses "Gejammer" interessiere "ja wirklich keinen mehr", meinte Werner Schroeter über Ingeborg Bachmanns Roman "Malina". Deshalb hätte er es "furchtbar" gefunden, wenn er das Werk der Österreicherin verfilmt hätte, "wie's geschrieben steht". Despektierliche Bemerkungen des Regisseurs über seine literarische Vorlage, die seinerzeit verständlicherweise für einige Irritationen sorgten. Doch Andrea Kresimon kann in Schroeters "provozierende[r] Formulierung" keine Missachtung der Autorin erkennen, wie die Germanistin und Filmwissenschaftlerin in ihrer Dissertation erklärt, die der Intermedialität und den intermedialen Prozessen im Werk Ingeborg Bachmanns gewidmet ist. In ihr untersucht Kresimon Bezugnahmen im literarischen Werk Bachmanns auf den Film als Medium wie auch auf einzelne Filme und beleuchtet die - sämtlich unrealisiert gebliebenen - Drehbuchprojekte der vielseitigen Autorin. Außerdem gilt ihr Interesse Verfilmungen von Bachmanns Prosawerken, insbesondere eben Schroeters "Malina"-Film, für den Elfriede Jelinek, Bachmanns literarische Schwester im Geiste, das Drehbuch schrieb. Im abschließenden Teil ihrer Arbeit wendet sie sich der Bedeutung dieser Verfilmung für die Rezeptionsgeschichte des Buches zu.

Hervorzuheben ist zunächst, dass Kresimon im Unterschied zu vielen ihrer KollegInnen ihr wissenschaftliches Organon und die von ihr verwandten Termini auch dann vorstellt, wenn sie allgemein gebräuchlich sind. Von ihr neu geprägte Termini definiert sie selbstverständlich. So etwa die Begriffe "integrative" und "kontrastive Konstruktionsform". Beide beziehen sie sich auf das dialogische Verhältnis zwischen Kunstwerken unterschiedlicher Medien, wobei der erste Terminus eine Beziehung bezeichnet, bei der "bedeutungswirksame Gemeinsamkeiten" vorherrschen, der zweite eine Beziehung, in der Differenzen überwiegen.

Im ersten Teil, der sich den Systemreferenzen widmet, zeigt die Verfasserin in verschiedenen Werken Bachmanns die "bedeutungswirksame Relevanz" von Bezugnahmen auf das Medium Film auf, um so auf Bachmanns "medientheoretische Position" schließen zu können. In diesem Abschnitt beeindruckt vor allem die Analyse der Systemreferenz des Hörspiels "Ein Geschäft mit Träumen", bei dessen medienkritischem Impetus es sich nicht etwa um eine Form konservativer Kulturkritik handelt. Wie Kresimon zeigt, kommt in dem Werk vielmehr eine "deutliche Nähe" zur "kulturpessimistischen Position" der Frankfurter Schule zum Ausdruck. Nicht ganz so bestechend, doch immerhin plausibel ist ihre These vom "Film als Paradigma der Mittelbarkeit von Erleben und Erinnern" in Bachmanns einzigem Roman "Malina" sowie in der Erzählung "Drei Wege zum See".

Die im nächsten Teil erfolgenden Analysen von Einzelreferenzen sind von durchaus unterschiedlicher Originalität und Überzeugungskraft. Die Bezugnahmen auf Carol Reeds Film "Der dritte Mann" (1949) liegen auf der Hand und wurden von der Forschung bereits mehrfach beleuchtet. Bislang unbekannt war bislang hingegen etwa die Referenz des Nachlassgedichtes "Für Ingmar Bergmann, der von der Wand weiß" auf dessen Film "Wie in einem Spiegel" (1961), die von Kresimon zudem einer erhellenden Analyse unterzogen wird.

Mit ihrer Untersuchung von Bachmanns Drehbuchprojekten erkundet die Autorin bislang unerforschtes Terrain und hat einige beachtenswerte Erkenntnisse zu bieten. Überzeugend zeigt Kresimon etwa, wieso Bachmann die Arbeit an ihrer Erzählung "Portrait von Anna-Maria" zugunsten eines entsprechenden - allerdings ebenfalls unvollendeten - Drehbuches aufgab. Bachmanns Absicht, die "körperliche Abwesenheit" der Protagonistin "ins Auge fallen" zu lassen, wäre in einem szenischen Medium besser zu realisieren gewesen als in einem literarischen. Da das filmische "Portrait von Anna-Maria" die Titelfigur nicht zeigen sollte, wäre die Figur zu einem "blinden Fleck" geworden. Die RezipientInnen hätten ihn "tilgen" müssen, indem sie ein "eigenes Bild" der Person konstruieren.

Im letzten Teil der Arbeit, der rezeptionsgeschichtlichen Aspekten der "Malina"-Verfilmung gilt, fördert Kresimon zwar einige kuriose Interpretationen zutage, wie etwa diejenige Christine Richards, die nicht nur - wie manch andere auch - die weibliche Protagonistin als Ingeborg Bachmann, sondern darüber hinaus die Figur Ivan als Max Frisch und Malina als Hans Werner Henze identifizieren zu können glaubt. Doch krankt das eigentlich Unternehmen Kresimons, nämlich anhand von "Malina" zu zeigen, "welche Rolle die Verfilmung eines literarischen Textes in der Rezeptionsgeschichte des Werkes einnimmt" an der ausdrücklichen Beschränkung auf die journalistische Rezeption. Kresimons Untersuchungsergebnis, demzufolge der Film die Rezeption des Romans beträchtlich beeinflusste, indem er autobiographische Lesarten forcierte, hätte sich unter Berücksichtigung der (literatur-)wissenschaftlichen Arbeiten kaum aufrechterhalten lassen. Denn deren Rezeptionen des Romans zeigten sich von dessen Verfilmung weithin unbeeindruckt.

Kein Bild

Andrea Kresimon: Ingeborg Bachmann und der Film. Intermedialität und intermediale Prozesse in Werk und Rezeption.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2004.
293 Seiten, 51,50 EUR.
ISBN-10: 3631519125

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 literaturkritik.de » Nr. 9, September 2004 » Literaturwissenschaft und Literaturkritik
 

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=7414

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Letzte Änderung: 01.09.2004 - 14:13:50
Erschienen am:01.09.2004
Lesungen: 5360
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