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 literaturkritik.de » Nr. 11, November 2004 » Fremdsprachige Literatur
 
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Pasolini spielt Fußball

Ugo Riccarellis Erzählband "Fausto Coppis Engel" verhandelt die Mythen des Sports

Von Martin Richling

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Pasolini, der große Dichter und Filmregisseur, war nicht nur ein Fußballintellektueller, der diesen Sport als Sprache, die Pässe als Worte, die Passwechsel als übergreifenden Diskurs sah, er spielte auch für sein Leben gern Fußball. Dies und andere interessante Hintergrundinformationen zu den meist historisch verbürgten Protagonisten seiner Erzählungen verrät uns der Anhang in Riccarellis Buch. Wenn man dort nach dem Lesen der zehn Geschichten, die allesamt um Sportlegenden kreisen, erfährt, wie viel von all dem vermeintlich Fiktiven tatsächlich geschah, ist die Leistung des Autors umso höher zu bewerten.

Denn die Kluft zwischen der prosaischen schweißtreibenden Athletik des Sports und der bilderreichen Poesie von Riccarellis Geschichten scheint gerade für den gemeinen Sportverächter unüberwindbar. Doch man muss eben kein Fan von Radsport, Leichtathletik, Boxen, Bergsteigen oder Fußball sein, um von den mit großer Leichtigkeit erzählten Geschichten vom Gegenteil überzeugt zu werden. Immer wieder gelingt es Riccarelli, die fließenden Übergänge von der Physis des Sports zum Metaphysischen greifbar zu machen. Wenn die titelgebende Radfahrlegende Fausto Coppi auf einer seiner Trainingsfahrten einem phantomhaft auftauchenden und gleich wieder verschwindenden zivilen Radfahrer begegnet, der spielend mit dem Radchampion mithalten kann, so relativieren sich in diesem Moment für Coppi nicht nur die eigenen Erfolge. Man ahnt auch, welche Ängste einen Champion immer wieder zu Höchstleistungen antreiben können. Die in verschiedenen Zeitebenen virtuos verschachtelte Geschichte "Die Unbesiegbaren" verhandelt dagegen am Beispiel der legendären Turiner Fußballmanschaft, die im Mai 1949 durch einen Flugzeugabsturz ums Leben kam, die generelle Entstehung eines sportlichen Mythos.

Neben spielerischen Reflexionen auf die Topoi von Perfektion und Schönheit, die hinter der Faszination für Sportheroen stehen, gelingt es Riccarelli, die gesellschaftliche Dimension gerade des Fußballsports, die seltsame Übertragung des sportlichen Erfolgs einiger weniger in eine übergeordnete kollektive Identität, in ihrer schrecklichsten Ausprägung zu zeigen. "Die letzte Parade des Torwarts Trussewitch" kann als Umkehrschluss des hierfür gern als positives Musterbeispiel herangezogenen "Wunder von Bern" dienen. Es handelt sich dabei um die traurige Geschichte der Fußballmanschaft "Kiewer Start", die gerade in Deutschland häufig und gerne zugunsten des "Wunders" verschwiegen und vergessen wird, da ihre Protagonisten erstens nicht deutsch, und zweitens während der deutschen Besatzung zwar ähnliche sportliche Glanzlichter setzten wie Fritz Walter und Co, aber wahrscheinlich gerade deshalb zum großen Teil im Konzentrationslager starben. Der Ukraine wurde so ein wichtiger Pfeiler ihres Stolzes und Selbstbewusstseins genommen.

Riccarellis Geschichten sind facettenreich, nie begnügt er sich mit der bloßen Darstellung eines sportlichen Triumphes. Meist ist es die Lebensgeschichte der Sportler, der gesamte Lebenskampf, den es nicht nur in der Arena auszutragen gilt, der im Zentrum der Erzählungen steht. So wirkt der Sport in diesem Erzählband gemeinhin eher als die Geschichten umrundende Metapher denn als zentrale Thematik.

Titelbild

Ugo Riccarelli: Fausto Coppis Engel.
Übersetzt aus dem Italienischen von Sylvia Höfer.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004.
201 Seiten, 17,90 EUR.
ISBN-10: 3552052984

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Letzte Änderung: 03.11.2004 - 13:20:52
Erschienen am:01.11.2004
Lesungen: 2899
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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