Schauplätze der Literatur

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für den Geographen sind Landkarten ein selbstverständliches Arbeitsmittel. Für den Literaturwissenschaftler Franco Moretti auch. In seinem "Atlas der europäischen Literatur" untersucht er nicht nur die Funktion und Darstellungsweise von Räumen und Schauplätzen in der Literatur, sondern auch, wie sich die Literatur in den realen geographischen und historischen Raum eingeschrieben hat. Moretti benutzt Landkarten als analytisches Instrument, um vor allem englische und französische Romane des 19. Jahrhunderts neu zu interpretieren. Die Semiotik von Jane Austens ländlichem Süd-England dient als Beispiel für die Beziehung zwischen modernem Roman und aufkommender Nationalstaatlichkeit; ein Vergleich der literarischen Stadtgeographie von Balzacs Paris zeigt, daß "ohne einen bestimmten Typ von Raum/Schauplatz ein bestimmter Typus von Geschichte schlicht unmöglich" ist. Mit der abschließenden Beschreibung der britischen Circulating Libraries und ihres französischen Pendants untersucht Moretti "ein Kapitel Kulturgeographie" und Kanon-Geschichte "um 1850". Sein Fazit: "Von einem neuen Raum zu einer neuen Form - die sich als ein neuer Raum herausstellt. Ob die Verflechtung von Literaturgeschichte und Literaturgeographie immer so eng sein wird?"

Ulla Biernat

Titelbild

Franco Moretti: Atlas des europäischen Romans. Wo die Literatur spielte.
DuMont Buchverlag, Köln 1999.
245 Seiten, 20,30 EUR.
ISBN-10: 3770144724

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