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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2005 » Deutschsprachige Literatur
 
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Die Bändigung des intertextuellen Ungeheuers

Thomas Manns "Lotte in Weimar" in Werner Frizens herausragender Edition im Rahmen der kommentierten Ausgabe

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In einer europäischen Nachkriegszeit, am 22. September 1816, trifft, aus Hannover kommend, die seit 16 Jahren verwitwete Hofrätin Charlotte Kestner mit ihrer Tochter Klara in Weimar ein. Die etwas korpulente, an einem nicht unschönen Kopfzittern leidende Matrone steigt im schon damals berühmten "Gasthof zum Elefanten" ab. Der Wirt erkennt sie, als sie den Meldezettel ausfüllt, trotz aller Differenzen: In dieser blauäugigen - und nicht schwarzäugigen - Dame hat er, nach einer Zwischenzeit von vierundzwanzig Jahren, "Werthers" Lotte vor sich.

Natürlich ist Thomas Manns 1939 im amerikanischen Exil entstandener Roman "Lotte in Weimar" keine Weiterführung der "Leiden des jungen Werthers", sondern eher das fiktive Nachspiel eines anderen, realen, banaleren und weniger romanhaften Abenteuers: des gescheiterten und in der Erinnerung nicht wieder belebbaren Wetzlarer Idylls des jungen Goethe mit Charlotte Buff. Im Grunde ist die Situation jedoch komplexer, da zwischen dem Wetzlarer Idyll und dem Besuch in Weimar der Text des "Werther" liegt, ohne den die Reise Frau Kestners weder den gleichen Sinn noch den gleichen Nachhall besäße. Für jedermann in Weimar - außer für Goethe selbst, der nicht nur die Idylle, sondern mehr noch das von ihr angeregte "pathologische" Werk vergessen wollte - ist die blauäugige Besucherin durchaus "Werthers Lotte", und keiner der zwei Hauptbeteiligten kann irgendetwas daran ändern. Die Dichtung scheint Wahrheit zu werden und nimmt damit direkten Bezug auf die zu diesem Zeitpunkt fortschreitende Publikation von Goethes autobiografischer Selbsterkundung "Dichtung und Wahrheit". Auch für Lotte überlagert sich immer wieder "die große Wirklichkeit" des "Werther" mit der "kleinen" des Lebens. Die Nachricht ihrer Ankunft verbreitet sich schnell und führt dazu, dass sich eine ganze Reihe illustrer Besucher im Gasthof einstellen. Nach Miss Cuzzle, einer mit Skizzenblock bewaffneten "Celebritäten"-Sammlerin, erscheinen nacheinander Goethes Sekretär Dr. Riemer, Adele Schopenhauer und Goethes Sohn August. Durch indirekte Spiegelungen bereiten sie den Auftritt Goethes im zentralen siebten Kapitel vor. Der gewaltig-vertrackte innere Monolog des in verfänglicher Situation ("in gewaltigem Zustande") erwachenden Geheimen Rats bedeutete eine Leistung, mit der Thomas Mann seine Modernität unter Beweis stellte. Das kunstvoll eingesetzte Stilmittel des inneren Monologs demonstriert, dass nicht nur James Joyce die Technik des stream of consciousness (so im "Ulysses") meisterhaft zu beherrschen imstande war. Das Spannungsverhältnis von Kunst und Leben erscheint im Roman auf verschiedenen Ebenen des Bewusstseins. So ist Lotte - häufig zwischen Traum und Wirklichkeit hin und her pendelnd - noch ganz in der Romanwelt des "Werther" befangen, während Goethe längst auf einer höheren Bewusstseinsstufe des Wissens und Erkennens steht. Ihm bleibt die Vokabel "erzählen" vorbehalten, während die übrigen Figuren nur "reden".

Einzig Goethe reflektiert beim Erzählen auch über das Erzählen, womit sich der Text schließlich auch selbst reflektiert. Durch das Ineinander- und Übereinanderblenden von Hypotext ("Werther") und Hypertext ("Lotte in Weimar") verbindet Thomas Mann die Reverenz vor dem Weimarer Dichter mit einer Ortsbestimmung des sich selbst in Frage stellenden Romans der Moderne. Die Tragik der psychologischen Beziehung Goethes zu Charlotte Kestner liegt darin, dass zwischen beiden nicht wie damals noch ein Verlobter, sondern ein Romanheld, das heißt der Roman als solcher steht, dem sie, ob nun paradoxerweise oder nicht, treuer geblieben ist als er. Ein Text, eine Fiktion, markiert die Schwelle, die beide trennt, und der zweideutige Status dieser Entfernung macht "Lotte in Weimar" zu einem ironischen Nachspiel des "Werther". Mit seinem Roman erlaubte sich Thomas Mann nach einigen vergeblichen Anläufen zwischen 1911 und 1930 den sehr ernsten Scherz, Goethe persönlich in einem Text auf die Beine zu stellen. Die Figur Goethes erschien für Mann von jeher als Ideal des naiv-klassischen, von keinem "Psychologismus der Zeit" angekränkelten Künstlers, der in den politisch-konservativen Schriften aus der Zeit des Ersten Weltkriegs zudem als Gegenpol zum westlichen "Zivilisationsliteraten" auftreten konnte. In der Folgezeit gewann der Weimarer Dichter für Mann zunehmend weltoffenere Züge ("Goethe und Tolstoi", 1925) und erschien schließlich am Vorabend der nationalsozialistischen Barbarei als Humanist und nationaler Erzieher ("Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters", 1932), womit Thomas Mann deutliche Akzente gegen die völkische Vereinnahmung Goethes setzte. "Lotte in Weimar" ist - ähnlich wie die für den Goethe-Roman kurzfristig unterbrochene "Joseph"-Tetralogie - als rettende "Arbeit am Mythos" zu lesen, der durch nationalsozialistisch-reaktionäre Bearbeitungen zu "verhunzen" droht. Mit dem "Goethe-Götterspiel" kehrt Thomas Mann zwar zum Thema des problematisch gewordenen Künstlertums und damit zur Problematik des Ästhetizismus zurück, der bereits im "Tod in Venedig" zur Darstellung gelangte. Was aber den Unterschied zur meisterhaften frühen Erzählung ausmacht, ist die Verflechtung von Geschichte und künstlerischer Größe, die den "Doktor Faustus" vorbereitet, in dem bekanntlich die gesamte kulturelle Tradition Deutschlands mit der politischen Krise in Zusammenhang gebracht wird.

Unverkennbar ist zudem, dass sich Thomas Mann in den unterschiedlichen Goethe-Figurationen immer auch selbst spiegelt, hinter vorgehaltener Text-Maske somit viel von sich selbst preisgibt. Das in seinem Facettenreichtum, in seiner Abgründigkeit kaum noch zu überbietende Porträt der geistigen Größe und dichterischen Würde Goethes zeigt auch den, der es zeichnet, mitunter sogar in nicht gewollter Deutlichkeit. So vermerkt Mann am 16. August 1946 im Tagebuch: "Konfusion: der britische Ankläger [Sir Hartley Shawcross] hat in Nürnberg Goethe gegen die Deutschen citiert, und die Londoner Presse stellt fest, daß es aus 'Lotte in Weimar' ist." Die britische Botschaft in Washington verlangte umgehend Aufklärung, und Thomas Mann schrieb, nicht ohne innerliche Befriedigung, dies habe in der Tat er geschrieben, aber es sei im Geiste Goethes geschehen. Mehrfach wiederholte er in der Folgezeit ein modifiziertes Stifter-Wort: "Ich bin nicht Goethe, aber einer von seiner Familie". Erst unter dem Aspekt der imitatio Goethes gewinnt der Text seine Genialität: Alles, was von und über Goethe im Verlauf von mehr als 400 Druckseiten gesagt wird, ist erst dann richtig genießbar, wenn man weiß, was das alles mit Thomas Mann zu tun hat. Dass der große Mann ein öffentliches Unglück ist, wie es das achte Kapitel des Romans in Anlehnung an ein chinesisches Sprichwort behauptet, das wusste neben Goethe natürlich auch Mann selbst, der sich in einem Land unverstanden fühlte, das auf "Primitivität", "Vereinfachung der Seele" und simple Erbauung aus war. Umso mehr musste ein scheinbar hermetisch abgedichteter und mit dem Ballast der Goethe-Philologie überfrachteter Roman bei seinem Erscheinen die Öffentlichkeit nicht nur in Deutschland irritieren.

Der Umstand, dass Thomas Manns Romane und Erzählungen mitunter die Gestalt eines intertextuell verschachtelten Ungeheuers angenommen haben, findet in der Forschung allmählich immer stärkere Berücksichtigung. "Eine eigentümliche Montage-Technik", so schrieb Thomas Mann an Emil Preetorius bezüglich seines Altersromans "Doktor Faustus", "erregend und aus Erregung kommend wie alles übrige, setzte sich durch, bei der Fragmente geistiger Wirklichkeit [...] aber auch bürgerlicher Wirklichkeit, Namen, Fakten der Fiktion gleichsam aufgeklebt wurden, - etwas in dieser Weise mir nie Vorgekommenes und Zugestoßenes". Das hier konstatierte ungeheuerlich Neue der Textkonstitution ist eigentlich ein alter Hut: Denn Thomas Mann griff seit den "Buddenbrooks" auf eine Strategie des integrierenden Zitierens aus diversen Quellen zurück. Die von Mann in einem Brief an Theodor W. Adorno Ende Dezember 1945 kokettierend als eine "Art von höherem Abschreiben" bezeichnete Erzählstrategie, die ein Resultat seiner Neigung sei, "das Leben als Kunstprodukt und in Gestalt mythischer Klischees zu sehen, die man der 'selbständigen' Erfindung in verkalkter Würde vorzieht", macht aus seinen Texten vielfach geschachtelte Text-Gewebe. In vielen Texten findet sich eine geradezu stupende Vielzahl "einmontierter" Textelemente: Das dabei ansichtig werdende Spektrum reicht von offensichtlich oder versteckt integrierten real-historischen Personen und Begebenheiten über offene Zitate und nicht deklarierte, versteckte wörtliche Entlehnungen aus Lexikon- und Zeitungsartikeln, aus eigenen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen, aus philosophischer, medizinischer und theologischer Fachliteratur bis hin zu intertextuellen Anspielungen, d. h. Aussagen, "deren volles Verständnis", wie der französische Erzähltheoretiker Gérard Genette einmal bemerkt hat, "das Erkennen einer Beziehung zwischen [einer Aussage] und einer anderen voraussetzt, auf die sich diese oder jene Wendung des Textes bezieht".

Eine solche Herkules-Arbeit der Edition und Kommentierung hat der Kölner Germanist Werner Frizen auf sich genommen und mit Bravour bewältigt. Ihm ist es zu verdanken, dass "Lotte in Weimar" nun erstmalig in textkritisch durchgesehener Fassung vorliegt. Die aufgebrachte Geduld und Genauigkeit, die man benötigt, um die teilweise skandalöse Textgestalt der bisherigen Ausgaben, um deren Problematik bereits Thomas Mann selbst wusste, zu bereinigen, ist gar nicht hoch genug zu veranschlagen. Frizen legte die in Genf lagernde Handschrift als Leittext seiner Edition zugrunde und verzichtete dankenswerterweise darauf, eine Schreibung zu systematisieren, die Mann selbst zu keiner Zeit konsequent handhabte. Diese Akribie wird dann unerlässlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Thomas Mann weniger einen historischen als vielmehr einen historisierenden Roman schrieb, bei dem bereits die Lautgestalt der Worte ein Moment der Hypertextualität darstellt. Ebenso herausragend ist der - im Vergleich zum Textband - mehr als doppelt so umfangreiche Kommentarband, der Thomas Manns Verfahren der intertextuellen Montage 'verzettelter' Texte in den Roman anschaulich macht. Man dürfte kaum fehlgehen mit der Einschätzung, dass diese Edition hinsichtlich ihrer Darbietung des Textes, aber auch hinsichtlich ihrer vorzüglichen Kommentierung Maßstab setzend für die zukünftige Arbeit an und mit "Lotte in Weimar" ist.

Titelbild

Thomas Mann (Hg.): Lotte in Weimar. Text und Kommentar. 2 Bücher. Große Kommentierte Frankfurter Ausgabe.
Herausgegeben von Werner Frizen.
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2003.
1140 Seiten, 78,00 EUR.
ISBN-10: 3100483367

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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2005 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 01.03.2005 - 16:12:58
Erschienen am:10.03.2005
Lesungen: 10246
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