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 literaturkritik.de » Nr. 3, März 2005 » Deutschsprachige Literatur
 
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Mit den Jahren klug geworden: "Das kunstseidene Mädchen" von Irmgard Keun

Kletts Neuausgabe in der Reihe "Editionen für den Literaturunterricht" mit neuen Materialien

Von Beate KennedyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beate Kennedy

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dreiundzwanzig Jahre liegen zwischen der ersten Ausgabe des "Kunstseidenen Mädchens" in den "Editionen" des Klett-Verlages, erschienen 1981, und der Neuausgabe 2004, rechtzeitig vor dem 100. Geburtstag der Autorin Irmgard Keun (1905-1982) am 6. Februar 2005. Ein Vergleich der beiden Ausgaben macht den Fortschritt augenfällig, den die Keun-Forschung seitdem genommen hat. Die Präsentationsweise hat sich formal nicht geändert: Der mit Zeilenmarkierungen an den Seitenrändern zur Schullektüre empfohlene Primärtext des "Kunstseidenen Mädchens" folgt der Claassen-Ausgabe von 1979 und wird, heute wie gestern, durch einen Materialien-Anhang ergänzt. Inhaltlich aber sind zum Verständnis des Romans wichtige Verbesserungen vorgenommen worden, nämlich in Form von Erläuterungen in Fußnoten, die der historischen Differenz Rechnung tragen. Diese Service-Leistung wird auch nicht durch die zweifelhafte Entscheidung für die "Übersetzung" der Figur des "schwarzen Rayon" als "Abteilungsleiter (in einem Warenhaus)" geschmälert, wo dem zweiten Lexikoneintrag für das Wort Rayon, "Kunstseide", zum einen aus Gründen der Logik der Vorzug zu geben wäre, handelt es sich doch um einen Verkäufer in einem Schuhgeschäft, zum anderen aus Gründen der Stilentsprechung: Die metonymische Subjektbezeichnung ist Doris' Spezialität!.

Besonderes Augenmerk soll hier aber dem Materialanhang gewidmet werden: Nicht nur ist an seinem quantitativen Zuwachs das in dreiundzwanzig Jahren erworbene Wachstum an Wissen ablesbar; er zeigt auch, dass sich der Blickwinkel auf Autorin und Œuvre seither entscheidend verändert hat.

Die Perspektive der späten Siebzigerjahre war maßgeblich bestimmt von dem Eindruck der Neuentdeckung der "verbrannten Dichterin" (Jürgen Serke, 1977), deren Person im Vordergrund des Interesses stand - sowohl in den anschließenden Interviews, die Klaus Antes mit ihr führte, als auch noch in der Fragehaltung des Herausgebers Dietrich Steinbach in der Einleitung zum Materialienteil der ersten "Editionen": "Allein: Wer ist Irmgard Keun? Was hat sie geschrieben? Wo hat sie gelebt? Wo lebt sie heute?".

Diesen Fragen gingen die prominenten Autorinnen Elfriede Jelinek und Ursula Krechel in "Suchbildern" nach, umrissen den Schatten einer schreibenden Frau, in dem sie ganz Feministin, ganz Widerstandskämpferin war - und setzten damit einen nachhaltigen Trend in der Keun-Forschung der folgenden zehn Jahre, für deren biografische Schwerpunktsetzung die Arbeiten von Gabriele Kreis repräsentativ sind. Gleiches gilt für die in Ausschnitten präsentierten Beobachtungen Siegfried Kracauers zu den "Angestellten in der Weimarer Republik", die gerafft vorgestellten Analysen von Ingeborg Drewitz zur Sprache im "Kunstseidenen" und von Volker Klotz zum Pelzmantel-Motiv, wie für die Erläuterungen zum Genre des Zeitromans und zur vorherrschenden Strömung der Neuen Sachlichkeit. Diese ersten Kontextsetzungen und Interpretationszugänge bildeten die Stützpfeiler, auf die sich, in geringerem oder gewichtigerem Maße, die späteren Brückenschläge stützten, die das Projekt Keun mit dem literarischen Kanon der Dreißigerjahre verbinden wollten.

Sie hatten, neben den Texten, immer auch die Person der Autorin mit im Visier - ein Zugang, dessen Automatismus sich nun endlich aufgelöst zu haben scheint, denn die neuen "Editionen" konzentrieren sich, mit Fug und Recht, ganz auf den Text. Zwar gibt es auch hier der guten Ordnung halber eine Rubrik "Werk und Autorin", in die man, in noch knapperer Form, die oben genannten Annäherungen der ersten "Editionen" integriert hat. Vor allem aber lässt man, anstelle der Mutmaßungen anderer über sie, Keun selbst zu Wort kommen: mit ihren Äußerungen über ihre Romanfiguren, mit Briefauszügen an Arnold Strauß und an Kurt Tucholsky, den sie um seine Meinung zu dem Plagiatsvorwurf bittet, der sich auf die vermeintlich zu starke Ähnlichkeit des "Kunstseidenen Mädchens" mit Robert Neumanns Roman "Karriere" bezieht. Der Antwortbrief Tucholskys muss Keun die Sprache verschlagen haben: Dieser sieht den Abschreibe-Vorwurf in allen Punkten bestätigt. Die "Editionen" fügen geflissentlich einen kleinen passenden Textauszug aus Karriere an, lassen aber auch Neumanns Reaktion von 1966 auf den Eklat nicht aus, der diesen mit den Worten beendet: "[...] Auch Frau Keun hatte mich nicht nötig [...]."

Diese Auffassung wird offensichtlich von den neuen Bearbeitern der "Editionen", dem Herausgeber Thomas Kopfermann und dem für die Auswahl der Materialien verantwortlichen Jörg Ulrich Meyer-Bothling, nicht nur geteilt, sondern auch auf ihre eigene Rolle bezogen - sie verzichten ganz auf eigene Aussagen. Hingegen aber vertrauen sie vollständig auf die Wirkung des Romantextes und richten die Materialien so auf ihn aus, dass jeder Beitrag ein Element der Handlung, der Figurenkonzeption, der Motive, der Diktion oder der historisch-politischen Situation herauszugreifen und zu beleuchten scheint. Indem diese Zugänge bewusst "offen" gehalten werden, z. B. auch Dokumente zeitgenössischer Kunst ("Sonja" von Christian Schad; "Metropolis" von Paul Citrön) Verwendung finden, eignet sich der Band ausgezeichnet für eine textorientierte Lektüre mit didaktischem Anspruch. Die Richtungen werden gleichwohl vorgegeben: Die Lesart des "Kunstseidenen Mädchens" als Großstadtroman wird da nahegelegt, wo ein geschichtlicher Abriss der "Entwicklung Berlins zur Weltmetropole" mit einem Szenenfoto aus Walther Ruttmanns Film "Sinfonie der Großstadt" kombiniert wird; die Lesart als Angestelltenprosa da bevorzugt, wo Erich Kästners "Chor der Fräuleins" mit Tucholskys "Angestellten" zusammenstimmt; beide Lesarten schließlich verknüpft durch das erotische Moment in Friedrich Hollaenders "Gesang der Mädchen im Romanischen Café". Intertextuelle Referenzen finden sich zu Keuns "Gilgi, eine von uns" und "Nach Mitternacht" wie auch zu Christopher Isherwoods "Leb wohl, Berlin"; die Rezeptionsgeschichte ist mit den wichtigsten Stimmen vertreten. Nützlich ist die aktualisierte Liste der Publikationsdaten, der Theaterbearbeitungen und der Filme. Für eine gründliche Erstinformation über Keuns Werk in der Weimarer Republik und als gut strukturierte Einführung in den Roman sind die neuen "Editionen" zweifellos zu empfehlen.

Titelbild

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen. Textausgabe mit Materialien.
Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart 2004.
176 Seiten, 5,60 EUR.
ISBN-10: 3123511413

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Letzte Änderung: 01.03.2005 - 16:13:39
Erschienen am:10.03.2005
Lesungen: 18956
© beim Autor und bei literaturkritik.de

 

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