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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2005 » Deutschsprachige Literatur
 
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Eine Handbreit über dem Boden schweben

Hansjörg Schertenleibs Novelle "Der Glückliche"

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Glücklich sein heißt ohne Schrecken seiner selbst innewerden können", schrieb Walter Benjamin einst in der "Einbahnstraße". This Studer, ein Jazztrompeter Ende vierzig, ist ein rundherum glücklicher Mensch. Der Protagonist in Hansjörg Schertenleibs kurzer Novelle liebt seine Frau Daniela auch nach 22 Jahren Partnerschaft noch abgöttisch und findet in seinem Beruf eine Art Selbstverwirklichung: "Er hat nie nach dem Glück gesucht. Es hat ihn gefunden - in den Augenblicken, in denen er sich vergaß."

Liebe, Musik und Glück sind die zentralen Sujets im neuen Werk des 1957 in Zürich geborenen Autors, der seit einigen Jahren in Irland lebt. Schertenleib erzählt in einem unaufgeregten Tonfall, beinahe bedächtig und doch mit viel Gespür für atmosphärische Details von This Studers Ausflug nach Amsterdam. Dort will er bei seinem langjährigen Freund Henk Scharpenzeel in dessen Jazz-Quintett für den erkrankten Trompeter einspringen.

Man muss kein Jazzliebhaber sein, um sich von Schertenleibs emphatischen Beschreibungen gefangen nehmen zu lassen. Musik steht hier als Synonym für Leidenschaft, für unkontrollierbare Emotionen, die sich bei Studers Auftritten in sonderbaren Grimassen ihren Weg nach außen bahnen.

Der Autor Schertenleib scheint die Vorlieben seines Protagonisten uneingeschränkt zu teilen, denn hin und wieder gerät er aus der sprachlichen Balance, wechselt von Lakonie zum überschwänglichen Pathos: "Es ist, als stünden die Akkorde greifbar in der Morgenluft."

Doch diese Euphorie ist Studers Markenzeichen. Bei einem Auftritt in einem voll besetzten Amsterdamer Club hatte er "das Gefühl eine Handbreit über dem Boden zu schweben." Seine Zufriedenheit, sein inneres Gleichgewicht und sein anscheinend unerschütterliches Bündnis mit Glücksgöttin Fortuna wirkt selbst auf seine nächsten Angehörigen wie eine Belastung. Die sensible Ehefrau Daniela, die ein Töpferatelier betreibt, wünscht sich "insgeheim, daß es auch ihm einmal schlecht geht."

Ein Déjà-Vu-Erlebnis bringt den Musiker, der einst von seinem Großvater die ersten Trompetentöne lernte, aus dem Gleichgewicht. In Amsterdam begegnet er mehrmals einem ihm offensichtlich feindlich gesonnenen Hund, der ihn sofort an ein unverarbeitetes Kindheitserlebnis erinnert. This hatte wochenlang den Hund eines Bauern gequält, der später "Rache" nahm und den Knaben fast zu Tode gebissen hätte.

Fast vierzig Jahre nach dem Vorfall wird Studer von diesem Trauma eingeholt und aus seinen Glücksgefühlen gerissen. Am Ende liegt der Protagonist mit ausgebreiteten Armen, "als wolle er jemanden umarmen", auf einer Straße in Amsterdam - von einer Straßenbahn erfasst. Sein Musikerfreund Henk wird gleichzeitig von einem Schwindel überfallen, und seiner Frau Daniela gelingt in der Schweiz die "schönste Tasse ihres Lebens", die sie This schenken will.

Hansjörg Schertenleib hat ein abruptes Ende gewählt und die typisch novellistische Zuspitzung geschickt bis auf die letzten Seiten hinausgezögert. Glück ist kein endloser Zustand, aber selbst im Unglück scheint sich Studer ein gewisses Maß an Behaglichkeit gerettet zu haben: "This sah einen Streifen Meer vor sich, diese blaue Verheißung, und darüber Möwen, die im Wind segelten." Ein schöner Abschied von der Welt - ein Mensch, der glücklich stirbt. "Der Glückliche" ist ein leises, aber ungemein leidenschaftliches Buch - so zart tönend, ausgewogen komponiert und doch bewegend wie Chopins "Minutenwalzer".

Titelbild

Hansjörg Schertenleib: Der Glückliche. Novelle.
Aufbau Verlag, Berlin 2005.
132 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-10: 3351030177

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 literaturkritik.de » Nr. 4, April 2005 » Deutschsprachige Literatur
 

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Letzte Änderung: 01.04.2005 - 11:28:20
Erschienen am:15.03.2005
Lesungen: 5487
© beim Autor und bei literaturkritik.de
Lizenzen zur Nachpublikation

 

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